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postfaktisch

Postfaktisch: Habt ihr ’nen Schaden?

„Postfaktisch“ ist das „internationale Wort des Jahres“. Und sonst so? Geht’s allen gut? Ich bin jetzt gerade ziemlich irritiert. Aber das muss so sein. Postfaktisch ist eine dämliche Worthülse, die in den letzten Wochen und Monaten um sich gegriffen hat und mit der allen die Welt erklärt wurde. Aber mal ehrlich: Habt ihr ’nen Schaden, so ein Wort zum internationalen Wort des Jahres zu küren? Ach, ich weiß schon: YOLO.

Postfaktische Politik – so erklärt es uns die Wikipedia – ist eine Politik, in der Politiker die Fakten längst hinter sich gelassen haben. In dem Wort stecken das Wort „post“ für „nach“ und das Wort „Fakt“ drin. In diesem ganzen Theater, das sich Trump und Clinton während des US-Wahlkampfes geliefert haben, gab es eigentlich nur das Postfaktische. Irgendwelche reellen Bezüge zu Fakten gab es also kaum. Bedenklich finde ich in diesem Zusammenhang folgenden Satz in dem Wikipedia-Artikel:

In einem postfaktischen Diskurs wird hingegen gelogen, abgelenkt oder verwässert – ohne dass dies entscheidende Relevanz für das Zielpublikum hätte.

Dieses seltsame Kunstwort wurde vom englischen Begriff „post-truth“ abgeleitet, den Ralph Keyes in seinem Buch „The Post-Truth Era“ im Jahr 2004 geprägt hat. Wenn ich mir das ganze Dilemma so anschaue, dann komme ich unweigerlich auf den Gedanken, dass sich politische Kontrahenten eher um Essensreste nach der Mittagspause auf den edlen Hemden kümmern als um politische Inhalte. Und die Problematik sehe ich auch auf Deutschland zukommen.

Früher sagte man, dass Äußerungen populistisch oder unsachlich sind. Heute ist das Alles plötzlich postfaktisch. Und wenn wir uns unter unseren Volkspopulisten umschauen, fällt uns nicht viel ein, was als ehrlich durchgeht. Und nachdem „postfaktisch“ vor allem durch den BREXIT und die Präsidentschaftswahlen einen Höhepunkt erlebte, wird mir wirklich Angst und Bange um das Thema der ehrlichen Politik.

Ja, ich weiß, es werden wieder Leute daher kommen und mir einen davon erzählen, dass Politik niemals ehrlich ist. Gut, das kann man mal so stehen lassen. Aber zumindest hat sie sich mit Fakten beschäftigt. Wenn die Welle von Großbritannien und den USA endgültig auf Mitteleuropa – und damit auf Deutschland – überschwappt, dann können wir uns warm anziehen. Spritzer davon sind in Form der AFD bereits in Deutschland gelandet, es darf aber nicht mehr werden.

Lassen wir doch einfach diesen Unsinn, alles mögliche als „postfaktisch“ zu bezeichnen. Blödsinn bleibt Blödsinn, Populismus bleibt Populismus, Lügen bleiben Lügen. „Postfaktisch“ ist doch nur eine Verklausulierung der Begriffe. Aber es ist nichts anderes. Darum meine Frage in der Überschrift, ob die einen Schaden haben, dieses Wort als „internationales Wort des Jahres“ zu küren. Und letztlich ist „postfaktisch“ nichts anderes als ein Witz. Ein schlechter, wie ich finde.

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Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

Ein Gedanke zu „Postfaktisch: Habt ihr ’nen Schaden?

  1. Postfaktisch macht das Phänomen, dass es vielen immer mehr egal ist, angelogen zu werden oder beim Lügen ertappt zu werden greifbar und verbindet es mit der offensichtlichen Tatsache, dass die Fakten in der Politik gegenüber unbestimmten Gefühlen in den Hintergrund treten. Von daher ist das Wort leider nötig.

    Was aber stimmt ist, dass es nie ein faktisches Zeitalter gab. Es gab aber eine Zeit in der die Chancen für Politiker sanken, wenn sie als Dauerlügner überführt wurden. Jetzt steigen sie eher noch.

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