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Piano - (C) cocoparisienne CC0 via Pixabay.de Piano - (C) cocoparisienne CC0 via Pixabay.de

23 Jahre „Time flies“ von Vaya Con Dios

Nein, das Album hat noch kein Jubiläum. Vaya Con Dios hatten aber mit der knappen dreiviertel Stunde ein sehr hörenswertes Album fabriziert. „Time flies“ zählt zu den melancholischen Meisterwerken der Neunziger, veröffentlicht im September 1992. Mit dem Welthit „What’s a Woman“ zwei Jahre zuvor hatte Dani Klein mit ihrer Band einen Meilenstein belgischer Musik gesetzt, aber mit „Time flies“ ein musikalisches Denkmal.

Das Album beginnt mit dem Titelstück „Time flies„. Im Text geht es um den dornigen Weg heraus aus einem Dunst aus unzähligen Fehlern. Es ist eine Abrechnung. Die Zukunft ist unsicher, aber sie ruft. Die Erinnerungen können einem nicht mehr genommen werden. Und die Zeit fliegt dahin. Aber eines Tages werden auch die Rebellen still sein. Und niemand und kein Geld können dir den Frieden im Geist kaufen. Damit wird der Zuhörer auf Kurs gebracht.

Es folgt der waschechte Blues „Forever blue„. Wo ist der gefallene Engel, der sich von ihr abgewendet hatte? Aber irgendwann kommt die Zeit, dass man sich wiedersieht. Und dann wird die Maskerade beendet. Bis dahin ist die Zeit mit Traurigkeit angefüllt. Und seine Frau wird ihm davon gelaufen sein, sodass er frei für sie ist. Aber er wird sich daran erinnern müssen, welche Schmerzen er ihr zugefügt hat.

Der „Farewell Song“ ist das Abschiedslied. Sie wird ihn verlassen. Es ist Vollmond, und die Wölfe heulen, wenn sie ihre gepackten Sachen schnappt. Er wird sie angrinsen, wenn sie an ihm vorbei geht. Aber sie wird den Kopf nicht senken und nicht ihr Gesicht verbergen. Ich denke, das ist eins der stärksten Lieder der Belgier. Es ist eine sehr kraftvolle Ballade, die darüber erzählt, wie sehr man ernüchtert sein kann.

Tja, und nach einiger Zeit der Trennung denkt man sich, es ist so lange her, dass man auf die Augen des Ex hereingefallen ist. Darüber erzählt „So long ago“. Die Trennung hat gezeigt, dass das, was man zusammen hatte, nicht für die Ewigkeit bestimmt war. Seine umher schweifenden Augen werden sie nicht mehr in Flammen setzen. Über die Trennung ist man dann eben hinweg.

Es schließt sich die wunderbare Ballade „Still a Man“ an. Egal, wie man ihn nennt, er ist trotzdem immernoch ein Mann. Alle möglichen Dinge werden dem Kerl vorgeworfen, aber er bleibt eben ein Kerl. Das ist irgendwie noch das freundlichste Lied auf dem von Trennung und Abschieden angefüllten Album. Und hier hört man die Klasse der Sängerin Dani Klein und Jean-Michel Gielen, oder etwa nicht?

Das bekannteste Stück aus „Time flies“ ist das dramatische „Heading for a Fall„. Die Geschichte ist die, dass Sie mit ihm zusammen ist und sie tolle Zeiten haben. Aber trotzdem ist er immernoch dominiert von einer anderen Verbindung. Er fordert mehr Zeit, und sie möchte nicht länger warten, denn sie möchte Liebe und keine Imitation. Und so steuert diese Verbindung direkt auf den Abgrund zu. Wunderbar musikalisch und textlich inszeniert, wird die Geschichte einer Affäre erzählt.

Mothers and Daughters“ erzählt dann die ewige Diskussion zwischen Müttern und Töchtern. Aber irgendwann ist jede Tochter erwachsen und geht ihren eigenen Weg und muss ihre eigenen Fehler machen. Manchmal sind dann eben auch die Träume der Mutter, die sie selbst als Mädchen hatte, nicht mehr die richtigen und können nur zerstören. Irgendwann müssen Mütter eben lernen, dass ihre Töchter Frauen geworden sind.

Es folgt das anklagende „Listen„. Der wunderbare Chanson fordert, er möge ihr doch mal endlich zuhören. Sie dachte ernsthaft, es täte ihm leid, dass er so eifersüchtig ist, obwohl sie ihm nicht davon läuft. Aber mit einem solchen Verhalten treibt er sie weg. Warum denkt er, sie würde ihn betrügen? Das Lied ist sehr traurig gehalten, so wie eben auch das Thema ist.

Leider kann ich Ihnen „Bold and untrue“ nicht vorspielen, da ich kein verfügbares Video habe. Aber hier sind wir fast im Rhythm & Blues. Die Geschichte ist die, dass er tut, was er will. Sie scheint ihm egal zu sein. Tja, und wenn er halt so ist und ihr auch noch was vorspielt, dann soll sie eben nicht ihre Zeit und ihre Gedanken an ihn verschwenden. Schade, nichts zum Abspielen.

Mit „Muddy Waters“ ist nicht der Blues-Musiker aus Mississippi gemeint, sondern die schlammigen Gewässer, wo man sich als Teenager herum getrieben hat. Und in dem Alter ist man auch immer wieder auf die falschen Leute herein gefallen. Und davor warnt die Mutter. Das Lied ist quasi die richtig gute Fortsetzung von „Mothers and daughters“.

For you“ ist die zuckersüße Nummer für den Prinzen, für den die kleine Prinzessin alles tun würde. Irgendwie könnte das Lied direkt aus einem James Dean Film entsprungen sein. Aber genauso gut könnte das Lied für den jungen Mann sein, der die anklagenden Worte der Partnerin erfährt, doch bitteschön etwas besser mit seiner Mutter umzugehen. Erst hat er seine Spielzeuge weggeworfen, nun wirft er sein Leben weg. Ja, es ist das Lied für den Mann, sich doch an seine Mutter zu erinnern.

Die tapfere Jane kommt dann auch noch. „Brave Jane“ ist ein schneller Blues, der darüber erzählt, dass eine tapfere, stolze Frau sich von niemandem abhängig machen will – nicht emotional, nicht finanziell, nicht sexuell. Und damit hat sie einfach mal „Eier“. Sie plant nicht mehr ewig im Voraus, sondern nimmt jeden Tag so, wie er ist. Und sie hebt keine Bilder von Liebhabern mehr auf, die es nicht wert waren. So sind doch die starken Frauen, oder?

Das Album wird sehr melancholisch geschlossen mit dem wunderbaren Chanson „At the Parallel„. Er steht kettenrauchend an der Tür vom „Rex“ und ist ein Bild von einem Mann. Dreck ist auf dem Fußweg, der Zeitungsjunge brüllt, und sonst hat sich auf der anderen Straßenseite nichts geändert. Ein Mädchen im „Molino“ mit Lederklamotten und der Staub bewegt sich zu ihren Füßen. Er denkt sich, ob sie ihn vielleicht will. Aber er steht weiter rauchend an der Tür und nichts ändert sich auf der anderen Straßenseite. Und das Mädchen im „Molino“ starrt immer wieder zu ihm herüber. Vielleicht ist das ihre Art, die Zuneigung zu erklären. Aber niemand wird es je erfahren.

„Time flies“ besticht vor allem durch seine Melancholie und die kraftvolle Stimme. In weiten Teilen sind die Inhalte zwar recht belanglos, kommen dann aber wieder wie eine Faust daher, wie im Falle von „Time flies“, „Farewell song“ oder vor allem „Heading for a Fall“. Die Scheibe hat recht gute Kritiken eingefangen. Aber mir ist klar, dass man diese Art Musik mögen muss.

Das Album erschließt sich nicht gleich. Aber es ist eine willkommene Abwechslung zum Einheitsbrei. Und wer so eine verträumte Geschichte wie in „At the Parallel“ erlebt hat, der wird dieses gesamte Album lieben. Hab ich Recht?

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Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

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