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27 Jahre „The Innocents“ von Erasure

The Innocents – Die Ahnungslosen, Harmlosen, Gutherzigen, Züchtigen – So haben Erasure mal ein Album benannt, das dritte in der Diskografie. Ein Jahr nach dem unglaublichen „The Circus„, mit dem man sich vom harmlosen Pop-Tralala inhaltlich abgewendet hatte, kommt man mit einem Album daher, das eben so benannt ist. Aber auch dieses Album ist für Deutsche eine Überraschung. Es war ein noch größerer Erfolg als der Vorgänger, und ich muss mal darauf eingehen.

Dem Album entsprangen drei Singles. Die letzte war das überaus erfolgreiche „A little respect„. Das kräftig mit Arpeggios ausgefüllte Lied erzählt über die Verzweiflung, wenn man sich in einer Beziehung nicht ernst genommen fühlt. Das Lied war zwar nicht in Deutschland, aber sonst überall die erfolgreichste Single des Albums. Es ist ein gefälliges Pop-Stückchen, das durch den starken Falsett-Gesang in Erinnerung bleibt.

Die Hauptsingle aber war „Ship of fools„. Die ruhige Nummer, die ich für eine der hochwertigsten im Schaffen des Duos halte, erzählt über das Narrenschiff. Dieses ist das Mobbing. Kryptisch wird darüber erzählt, dass das Leben so kostbar und gemein ist, auch wenn man der Klassenliebling ist. Es darf nicht auffallen, dass er in ihn verliebt ist, da sonst Ärger drohen würde. „Ship of fools“ war die erste balladeske Single von Andy Bell und Vince Clarke.

Es folgt das starke „Phantom bride„. Die Braut, die es nicht gibt, wird hier beschrieben. Sie war schüchtern und hatte nichts zu tun und träumte von ihrer Kindheit. Und er war ein guter Junge von oberhalb der Stadt, der vorgab, sie gut zu behandeln. Ihre Schwangerschaftsübelkeit und die Tritte in ihrem Körper waren Phantomküsse einer Phantombraut. Und der Sänger erzählt, dass er ihre Tränen wegwischen wird. Ein nettes Liedchen, oder?

Sehr stark kommt dann die zweite Auskopplung „Chains of love“ daher. In großem Optimismus und viel Kraft wird darüber gesungen, Restriktionen zu zerbrechen, die durch stereotypes Denken festgelegt werden. Man soll nie aufgeben zu glauben, dass Homosexualität irgendwann akzeptiert wird. Die Ketten der Liebe sind hier so zu verstehen, dass niemand ernsthaft glauben darf, dass Liebe nur zwischen Mann und Frau stattfinden darf.

Das beste Stück des Albums ist „Hallowed Ground„. Jeder möchte jemanden töten, es herrscht Ausgangssperre, ein Kind ist auf der Flucht. Es gibt Schießereien. Jeder ist darauf bedacht, jemand anderes zu sein. Es herrscht Kälte und Dunkelheit an einem kriminellen Morgen. In Decken gehüllt, muss man sich warm halten. Die Mutter im Teenager-Alter hält ein Baby auf dem Arm. Wer wird das nächste Opfer sein? Der heilige Boden – meinetwegen auch das Heilige Land – wurde entweiht. Es ist grob gesagt Erasures Stellungnahme zum immer wieder aufkeimenden Nahost-Konflikt.

Mit „65.000“ darf Vince Clarke mal allein spielen. Die funkige Instrumentalnummer wirkt irgendwie fehl am Platz. Und irgendwie weiß ich auch nicht, was Erasure damit aussagen wollten. Aber ich habe immer wieder mitbekommen, dass auch Instrumentalstücke irgendeine Aussage haben. Mich würde es nicht wundern, wenn hier irgendeine politische Zahl gemeint ist. Im Original heißt das Stück „Sixty-Five Thousand„.

Eine wunderbar entspannte Nummer folgt dann mit „Heart of Stone„. Na klar, das Herz aus Stein wird besungen, was der Partner hat. Die gefällige Nummer kommt fast soulig daher, zeigt aber auch wieder die hohe Klasse, die Andy Bell und Vince Clarke umzusetzen in der Lage waren. Es ist irgendwie Pop, und macht irgendwie gute Laune.

Mit „Yahoo!“ sind wir endgültig in Motown angekommen. Fast gospelig kommt die gute Laune pur in den Ohren an. „Yahoo!“ ist im Englischen ein Ausruf wie im Deutschen „Jawoll!“. Es ist fast wie ein Pfadfinder-Lied zu verstehen, denn man soll seinen Weg zu Gott finden. Das Lied sollte nach wie vor ein riesiges Spektakel bei Konzerten hervor rufen, da man hier ja einen Gospel Chor aufbietet.

Das spröde „Imagination“ folgt als vorletztes Lied. Obwohl das Lied in meinen Ohren verhältnismäßig schwach ist, markiert es doch die dann über Jahre anhaltende Signatur, die auch in den großen Knallern aus „Chorus“ oder „ABBA-esque“ zum Tragen kommt. Was tut man mit sich selbst, wenn der Sturm kommt? Erinnerungen kommen, die man nicht mehr los wird. Und es ist alles nur Einbildung, die über die Vergangenheit schwappt und die Gedanken ändert.

Ein richtiges Schmankerl kommt mit „Witch in the ditch“ am Ende. Wenn Sie „Yes, it was you, mein Herr“ oder „Yes, it was you, mein Schatz“ hören, ist das keine Einbildung. Der Walzer, der so fantastisch darüber erzählt, was irgendwann mal in Sachen Liebe passieren kann. Irgendwann wird man irgendwo sein, wo man sich nicht mehr verstecken muss. Ein absoluter Favorit aller Erasure-Fans ist dieses Lied bis zum heutigen Tag. Und es beschließt das Album sehr beschwingt.

Die besten Stücken sind in meinen Ohren „Ship of fools“, „Hallowed ground“ und ohne Zweifel „Witch in the ditch“. Es sind wieder die besonderen Erasure-Stücke, die dieses Album ausmachen. Unterm Strich denke ich persönlich aber, dass „The Innocents“ nicht so stark wie „The Circus“ ist. Das ist aber nur eine rein subjektive Einschätzung. Trotzdem brachte es für mich unvergessliche Lieder, wie ich eben schrieb.

Was sagen Sie denn zu dem Album? Finden Sie es eher stark oder eher schwach? Es ist schließlich das zweit-erfolgreichste Album der beiden Briten. Und es ist gezeichnet von gesellschaftlich relevanten Themen. „The Innocents“ ist irgendwie die Neugeburt von Andy Bell, nachdem er sich auf „The Circus“ öffentlich zu seiner Homosexualität geäußert hat.

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Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

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