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Alphaville im Jahr 2012 - By Ren Hekkonens (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons Alphaville im Jahr 2012 - By Ren Hekkonens (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Reingehört: „Strange Attractor“ von Alphaville

Sieben Jahre sind eine lange Zeit. Eine Zeit, die Alphaville genutzt haben, um sich nach „Catching Rays on Giant“ neu zu erfinden. Das war auch nötig. Denn das Album von 2010 war unerwartet das zweiterfolgreichste Album der Bandgeschichte geworden. Und es war nötig, weil Keyboarder Martin Lister 2014 völlig unerwartet starb. Nun ist seit ungefähr einer Woche „Strange Attractor“ im Handel erhältlich. Und ich habe mal reingehört. Wer immernoch auf „Big in Japan“ und „Forever Young“ herum reitet, hat die vergangenen 33 Jahre verschlafen. Aber Alphaville sind in den letzten 7 Jahren komplett anders geworden.

Das Album beginnt mit dem düsteren „Giants“. Es dominieren die dröhnenden Keyboards und die Gitarren. Mit solchen getragenen Nummern machen Alphaville gern mal ein Album auf. Aber so etwas habe ich nun nicht unbedingt erwartet. Mit „Marionettes with Halos“ wird man gesellschaftskritisch. Es ist eine wummernde Dance-Nummer, die durchaus Single-Potential hat und irgendwie stellenweise gewaltig nach David Bowie klingt. Dennoch bleibt es eine New Wave Nummer.

Mit „House of Ghosts“ gehen Mrian Gold und Combo irgendwie in Richtung „Home and dry“ von den Pet Shop Boys. Eine verspielte Synthie-Nummer, die unglaublich leichtfüßig daher kommt. Im zweiten Teil erinnert das Ganze aber auch wieder an „Catching Rays on Giant“. Es folgt eine typische Alphaville-Ballade im Stile von „The impossible Dream“ aus der Prostitute-Zeit 1994. „Around the Universe“ ist eine recht kitschige Gesten-Pop-Ballade mit klassischen Gitarren und Satzgesang, die mir ziemlich gut gefällt.

Mit „Enigma“ sind wir fast im Musical gelandet. Ein Blick auf die Welt, wie ihn sich Alphaville seit „Afternoons in Utopia“ immer wieder gaben. Aber die Anleihen von „Learning to fly“ von Pink Floyd sind unüberhörbar. Experimentell wird es dann mit „Mafia Island“, das erstmal eine Weile braucht, bis es auf Temperatur kommt. Die atmosphärische Stimmung im Lied erzeugt einen hohen Spannungsbogen in dem eigentlich recht gleichförmigen Lied. Das Lied zählt für mich irgendwie in die New Age Schiene in Richtung Enigma oder solche Musikprojekte.

„A Handful of Darkness“ kommt dann mit dem christlichen Glauben und dem Sinn des Lebens um die Ecke. Der Blick fällt auf Kinder, die im Krieg aufwachsen. Wo sind wir nur hingekommen? Man gibt Liebe in einer Hand voll Dunkelheit. Ein starker Hymnus, wie ich finde, der aktuell wie nie ist. „Sexyland“ ist dann eine flotte Rocknummer, die sich thematisch an „A Handful of Darkness“ anschließt und von einem Nachkriegs-Phantom-Königreich erzählt. Werbung für Porno-Supermärkte mutieren zum seltsamen Attraktor, dem Thema des gesamten Albums.

„Rendevoyeur“ kommt im Stile einer holpernden Rhythm’n’Blues-Nummer um die Ecke. In der Nummer wird solider Rock mit Western Style und Eletronica verwurstet, und alles erinnert ein wenig an The Boss Hoss oder ähnliche Bands. Bei „Nevermore“ bedienen sie sich dann schamlos an „Augen auf!“ von Oomph und erzählen dabei die beängstigende Geschichte von jemandem, der den Geist beherrscht und ihn auch im Traum verfolgt. Am Ende dreht er allerdings den Spieß um und verfolgt andere bis in den Traum. Ich mag das Lied sehr.

Mit „Fever!“ kommt dann eine waschechte Dance-Nummer daher. Es ist irgendwie eine Kreuzung aus HiNRG und Eurodance mit Einflüssen aus dem Musical. Irgendwie fühle ich mich hier an „Salvation“ (1997) oder „Catching Rays on Giant“ (2010) erinnert. Bei „Heartbreak City“ handelt es sich um irgendwas, bei dem man Justin Timberlake im Hintergrund vermutet. Der Chorus wiederum klingt wieder sowas von typisch Alphaville. Es gibt halt so eine Art Signatur-Sound, den eine Band nie los wird. Und so ist das bei der mutmaßlich ersten Single aus dem Album. „Mysteries of Love“ lässt irgendwie grüßen.

Abgeschlossen wird das Album mit „Beyond the laughing Sky“. Drama! Großes Kino! Er wird zum Punkt ohne Wiederkehr geführt. Was groß orchestral 2003 mit „Miracle Healing“ auf „Crazy Show“ anfing und auf „Catching Rays on Giant“ glorifiziert wurde, wird hier zementiert. „Beyond the laughing Sky“ ist der krönende Abschluss eines bahnbrechenden Alphaville-Albums. Es ist die Andacht an eine Liebe, ohne die er jenseits des lachenden Himmels nicht mehr leben kann. Und so schließt das Album mit einer herzzerreißenden Ballade.

Ich habe ja einiges zu „Strange Attractor“ gehört und gelesen. „Schwach“ sei es. „Unpoppig“ sei es. Wie kann ein Album, dass sich mühelos durch alle Sphären aller nur denkbaren Musikrichtungen kämpft, schwach sein? Und ehrlich: Alphaville waren noch nicht mal 1984 bei „Big in Japan“ nur Pop. Die Band war immer anders, weshalb bisher ausschließlich die Alben „Forever Young“ und „Catching Rays on Giant“ in den Top-10-Albumcharts Deutschlands gelandet sind. Mit „Strange Attractor“ melden sich Alphaville eindrucksvoll zurück und zeigen der Welt, dass besondere Musik nie fehlen darf.

Alphaville nimmt den Hörer mit auf eine Reise. Das Alles läuft abseits von Welthits ab, die die Band aus Münster nicht im Sinn hat. Wer einmal die Eintrittskarte „Giants“ gelöst hat und sich ernsthaft auf das Abenteuer namens „Alphaville anno 2017“ einlassen will, der wird mit einer abwechslungsreichen Stunde belohnt, die voller kleiner und großer Momente ist, wie sie nur auf einem wirklich großen Album enthalten sein können. Insofern hat es sich gelohnt, sieben Jahre auf etwas neues zu warten.

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Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

2 Gedanken zu „Reingehört: „Strange Attractor“ von Alphaville

  1. Großartige Rezension! Die hätte ich nicht besser schreiben können ;-)
    Dieses Album ist so facettenreich, so überraschend, so kurzweilig.
    Viele der Stücke bringen mich immer wieder in Stimmung: mal melancholisch, mal euphorisch, mal launisch- ich liebe es!!
    Für mich ist es eines der „Besten“ von AV.
    Gerade gegenüber CROG ist es auch musikalisch besser produziert worden.
    Leider hat sich das aus kommerzieller Sicht nicht ausbezahlt.
    Ich denke, es hätte besser promoted werden müssen.
    Also, Danke für Deine Meinung.

    1. Hallo Daniel, danke dir. Du hast völlig Recht, das ist ein richtig gutes Album. Und irgendwie typischer Alphaville als CROG. Ich denke, Alphaville wollen keine große Promotion. Die Band will einfach „ihr Ding“ machen. Wenn das so ist, wäre das doch auch in Ordnung. Ich glaube, dass Alphaville niemals wie jede andere Band betrachtet werden kann. Die waren immer schon speziell. Und das setzt sich bei Strange Attractor fort.

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