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Folklore und Tradition beim Fußball

Ihr zerstört den Fußball, den wir lieben. Welcher soll das sein? Der, der via Sky ausgestrahlt wird? Der, der im Matsch ausgetragen wird? Fußball wird in Deutschland doch größtenteils über die mediale Präsenz entschieden. Wer die Fernsehgelder hat, hat die guten Spieler, gewinnt die Spiele. Wer etwas anderes behauptet, der übt sich in Folklore. Wer behauptet, dass manche Vereine mit Geld nur so um sich werfen und deshalb quasi verboten gehören, der lebt in einer verklärten Vergangenheit vor dem Jahr 1962. Das ist 53 Jahre her. Wie schnell doch die Zeit vergeht.

Dem Verein RB Leipzig wirft man ja gern mal vor, dass der Verein mit Geld um sich wirft und den Wettbewerb verzerrt. Das mag sein. Ich drehe aber mal den Spieß um und behaupte, dass es seit 25 Jahren im gesamtdeutschen Fußball eine Wettbewerbsverzerrung gibt. Und eigentlich brauchen wir da gar nicht beim Fußball aufzuhören. Es ist ein gesellschaftliches Problem.

Erinnern wir uns mal an die Sprüche von den blühenden Landschaften, die Altkanzler Helmut Kohl proklamiert hatte. Als ich nach der Wende meine Lehre als Industriemechaniker, der ich mal war, begann, bestand ein gerüttelt Maß der Ausbildung darin, das damalige Chemiewerk Böhlen südlich von Leipzig in seine Bestandteile zu zerlegen, damit die Leute rausgeschmissen werden konnten und Dow Chemical das daneben neu entstandene Chemie-Werk schmackhaft gemacht werden konnte. So lief es viel in der Nachwende-Industrie in Ostdeutschland ab.

Freilich hat dann kein regionales Unternehmen damit geliebäugelt, einen Auferstanden-aus-Ruinen-Ostclub zu sponsern. Am ehesten war das noch der Bauherr Rudolf Axtmann beim VfB Leipzig – seit Dezember 2003 mal wieder Lok Leipzig – oder die Radeberger Brauerei bei Dynamo Dresden. Und das ist bis heute bei vielen Ostclubs das Problem. Ich meine, mit dem Beitritt der BRD zum heutigen Deutschland wurden ja auch die DDR-Betriebssportgemeinschaften aufgelöst, also mussten die ganzen Werksclubs zusehen, wie sie überleben würden.

Neben der wirtschaftlichen Misere im Osten, die regionales Sponsoring eben nicht so sehr möglich machte wie – sagen wir mal – ewige Zeiten lang Südmilch beim VfB Stuttgart oder die Allianz bei Bayern München, war dann auch Mismanagement an der Tagesordnung. Im Osten gingen viele Vereine – teils mehrfach – pleite, weil die jeweils ein Management hatten und hier und da sogar noch haben, das eben nicht weiß, wie ein Fußballclub professionell geführt werden sollte. Ich weiß es auch nicht, aber ich leite ja auch keinen Club.

Und dann fragt man bei regionalen Unternehmen im Raum Leipzig rum, warum sich die Unternehmen so zugeknöpft verhalten, wenn es um Sponsoring im Leipziger Fußball gehen soll. Was erhält man als Antwort? Bier trinkende Schalala-Fans sind nicht deren Zielgruppe. Ja, wer denn dann? Wenn ein regionales Unternehmen aus dem Raum Leipzig lieber einen Eishockey-Club irgendwo weit weg sponsert, kann ich da diese Argumentation nicht richtig verstehen.

Und vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass ein Club wie Lok Leipzig, der mehrfach insolvent war und neu gegründet wurde, sich professionelle Hilfe geholt hat und einen Investor an Bord gelassen hat. Und ebenso vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass der ebenso tranditionelle Fußball rund um die BSG Chemie Leipzig immer wieder mit finanziellen Hürden zu kämpfen hat und der direkte lokale Konkurrent SG Leipzig-Leutzsch / SG Sachsen Leipzig inzwischen dicht gemacht hat. Aber vor allem ist es kein Wunder, dass ein Verein wie RB Leipzig überhaupt entstehen konnte.

Aber schauen wir nicht nur in den Osten, schauen wir mal in den Westen. Großer Traditionsfußball kommt aus Krefeld-Uerdingen, aus Essen, aus Aachen, aus Saarbrücken, aus Mannheim und sonstwo her. Überall wurden Blut, Schweiß und Tränen vergossen. Aber durch finanzielles und wirtschaftliches Unvermögen sind all diese Vereine irgendwo ins nirgendwo abgestürzt. Wenn ich da von „Schauen Sie auf diese Vereinshistorie“ höre, wenn die Regionalliga – meinetwegen Rot-Weiß Essen gegen Alemannia Aachen – im Fernsehen übertragen wird, und dann ein fast leeres Stadion gezeigt wird, ist das für mich Folklore.

Im Süden war es ja auch nicht viel anders. Die ehrwürdigen Löwen, wo sind sie denn abgeblieben? Im Strudel des Abstiegskampfes der zweiten Bundesliga als ehemalige Nummer 1 der bayrischen Landeshauptstadt. Aber dieser Titel wurde ihnen ja bereits 1962 streitig gemacht, als ein gewisser Wilhelm Neudecker auf den Plan trat. Der wurde Präsident des FC Bayern München, der damals noch ein unbedeutender Regionalverein war. Und der steckte ein Vermögen in den Club, holte ihn aus dem Schatten der Löwen an die Spitze des europäischen Fußballs. Sein Geld bezahlte Leute wie Udo Lattek, Paul Breitner, Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Uli Hoeneß und so weiter und so fort.

Wer da sagt, dass die Bayern das Alles aus eigener Kraft geschafft haben, der bedient sich wieder an der Folklore. Und ich sauge mir das nicht mal aus den Fingern, das steht nun einmal in der Wikipedia. Wäre der gute, alte Willi nicht Präsident der Bayern geworden, wer weiß, ob die Roten jemals auch nur einen Bruchteil des Erfolgs eingefahren hätten. Wer weiß, vielleicht wären die Löwen nach wie vor die Nummer 1 in München? Ja, das ist Majestätsbeleidigung, das ist mir klar. Und für die vielen Bayern-Fans nicht einfach zu lesen. Aber so ist es nun einmal.

wiki_neudeckerUnd nun kommen wir mal zu RB Leipzig zurück. Ja, ich weiß, ich bin sportlich unterwegs von Lok Leipzig über Rot-Weiß Essen und den Bayern zum Hassobjekt Nummer 1 in Deutschland. Aber gestatten Sie mir einfach mal diese kleine Reise. Sie tut ja auch nicht weh. OK, für den einen oder anderen Romantiker vielleicht schon. Aber körperlich verletzen wird sich dabei niemand.

Da empören sich Leute, dass Red Bull in Leipzig Geld in die Hand genommen hat und weiterhin jede Menge Geld ausgibt. Wie Sie wissen, ist das erklärte Ziel die Bundesliga. Ich habe mir mal erklären lassen, dass der Wert des Kaders im Bundesliga-Schnitt eher lächerlich wäre. Man muss das da in Relationen setzen. Und die heißt nun einmal, dass man Lücken schließen muss. Vom Wert, der Erfahrung, der Ligazugehörigkeit her. Was, dann sollen die doch den Messi kaufen? Nein, das würde nicht zur Strategie passen. Nachdem der eigene Nachwuchs noch nicht so weit ist, obwohl sie in den jeweiligen Altersklassen gut mitspielen, geht es momentan nur über Zukäufe. Dann darf aber Messi keine Fantastillionen kosten, sondern nur eine. Und er müsste ein paar Jahre jünger sein.

In einiger Zeit wird sich das Alles beim RB Leipzig gelegt haben. Dann ist der Kader bundesligareif. Dann haben sich die anderen Vereine mit dem Club arrangiert. Die Lücken werden dann nicht mehr so groß sein. Dass es momentan nicht wirklich weiter nach oben gehen kann, liegt eben auch an dem in höheren Klassen unerfahrenen Kader. Das ist auch so eine Lücke, die geschlossen werden muss. Und das kostet eben Geld. In ein paar Jahren ist der eigene Nachwuchs aber dann soweit. Und DAS würde mir als Folklore-Verein dann wirklich zu denken geben.

Fußball, wie wir ihn lieben – was soll das sein? Ach ja, der ehrliche Kick. Aber ernsthaft, den gibt es doch oberhalb der Landesliga schon nicht mehr. Am Saisonende wird der Verein VFC Plauen geschlossen, weil sie nicht mehr können. Und die Kicker spielen in der NOFV-Oberliga Staffel Süd. Also erzählt mir bitteschön keiner, dass es nicht auf das Geld ankommt. Geld regiert die Fußball-Welt. Da der Osten lange Zeit zu wenig davon hatte und jetzt auch mal in diesem Bereich eine Lücke schließen will, ist Red Bull ein willkommener Geldgeber.

Ehrlich, mir wäre der Flughafen Leipzig-Halle, die Stadtwerke Leipzig, diverse IT- und Dienstleistungsunternehmen oder sonstwas hier in der Stadt als Sponsor / Geldgeber wesentlich lieber gewesen. Aber bei dem, was bei Lok und Chemie immer abging, kann man es ihnen auch nicht verdenken, dass sie sich da lieber raushalten. Also muss man nun mit einer solchen Konstellation leben. Ende, Aus, Micky Maus.

Und am Ende ist es dann immernoch so, dass Red Bull gar nicht das Problem ist. Schön, wenn man auf Quatrillionen Jahre Vereinsgeschichte zurückblicken kann und man vor drölfundzwünfzig Jahren mal diesen und jenen Titel geholt hat. Aber das ist alles Folklore und hat im knallharten Profi-Fußball nichts verloren. Die Frage, die sich da stellt, ist doch: Welchen Fußball wollen wir? Der Diskurs muss angestoßen werden, wenn man das Kapital aus dem Fußball, den wir so lieben, raushalten will. Ansonsten muss man akzeptieren, dass wohl Konstellationen wie Fußball-Tochterunternehmen von Großkonzernen oder Mäzen-gesteuerte Dorfclubs oder einen Verein wie RB Leipzig häufiger vorkommen. Alles andere ist doch eher nur Folklore.

 

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Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

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