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RB Leipzig: 6 Jahre Hass, Elend, Schweiß und Freude

Heute vor 6 Jahren wurde am Leipziger Stadtrand ein Fußballverein gegründet, dem von Anfang an gewaltig Hass und Ablehnung entgegen schlug. Diese negativen Emotionen haben sich auch nach 6 Jahren nicht wesentlich geändert. Und die kann man sogar nachvollziehen, wenn man einmal realistisch draufschaut. Trotz allem ist ein ausgewachsener Fußballverein entstanden, der heute in der zweiten Bundesliga spielt. Ich nehme einmal Bezug auf den „Dosenclub“, die „Brausetruppe“, die „Marketingmannschaft“, das Hassobjekt Nummer 1.

Ich wünsche meiner Heimatstadt eine fußballfrohe Zukunft. Mit welchem Verein, das ist dabei eigentlich zweitrangig. Nur glaube ich, dass die beiden Traditionsvereine dabei (noch) keine Rolle spielen werden.

Das schrieb ich heute vor 6 Jahren zur Gründung von RB Leipzig. Irgendwie ist das ja auch eingetreten. Es ist nicht alles eitel Sonnenschein, was da bei dem „Marketing-Konstrukt“ zu beobachten ist. Aber eins ist mal sicher: Die Leidenschaft der Leipziger, hochklassigen Fußball in der Gründungsstadt des Deutschen Fußballbundes zu sehen zu bekommen, ist entfacht. Und all die Anfeindungen, die dem Verein und den Fans entgegen schlagen, schweißen ja Fans und Verein nur mehr zusammen. Trotzdem kommt es auch aus den eigenen Fan-Reihen zu genügend Kritik, die auch berechtigt ist. Aber wie fing das Alles eigentlich an?

Wie allen Fußball-interessierten bekannt ist, hatten die Leipziger Traditionsvereine nicht eben einfach. Teils waren schon kriminelle Dinge gelaufen, teils war es wirklich Pech:

Ich erinnere mich an den VfB Leipzig, der Vorgänger und Nachfolger des 1. FC Lokomotive Leipzig war. Plötzlich war die Vereinskasse geplündert, und irgendwelche Spieler, die ihren Zenit schon sehr lange hinter sich hatten, wurden aus der Not heraus verpflichtet. Am Ende stand die Auflösung des Vereins und die Neugründung des ehemaligen Kultclubs aus dem Leipziger Südosten. Das war im Dezember 2003.

Auch fällt die Chemie-Fraktion auf, die sich sofort nach der Wende in FC Sachsen Leipzig umbenannte. Bald spaltete sie sich in FC Sachsen Leipzig und BSG Chemie Leipzig (der Traditionsname) auf. Und irgendwann wurde bei den Sachsen das „Schnellboot in die Bundesliga“ ausgerufen, worauf die Finanzlage immer wieder bedrohlich ins Schlingern geriet.

Red Bull war clever. Die wollten unbedingt irgendwie im deutschen Fußball Fuß fassen. Etliche Vereine wurden angefragt. Die Voraussetzung für eine Zusammenarbeit wäre gewesen, irgendwie „RB“ im Namen unterzubringen und die Farben in Rot-Weiß anzupassen. Kein Verein fand sich. Und in der Gründungsstadt des DFB brach der Fußball mehr und mehr zusammen und verschwand im Nichts. 2006 soll dann Red Bull bei den beiden großen Lagern angefragt haben, ob sie sich so etwas vorstellen können. Beide Clubs müssen sich so verhalten haben, als ob der Teufel persönlich kommt. Dabei wollte Red Bull auf dem weißen Fleck der deutschen Fußball-Landkarte den Profi-Fußball rekultivieren.

Jedenfalls bissen sie sich die Zähne aus. Was macht dann ein Geldgeber? „Dann seht eben zu“, werden die wohl gesagt haben. Und sie sahen sich weiter um. Und stießen auf den SSV Markranstädt am westlichen Rand von Leipzig. Mit denen wurde ein Abkommen erzielt, das dann am 19. Mai 2009 in der Gründung von „RasenBallsport Leipzig e.V.“ gipfelte:

  • Der SSV Markranstädt übergab RB Leipzig das Startrecht für die NOFV-Oberliga
  • RB Leipzig übernahm die ersten drei Herrenmannschaften und ein Seniorenteam
  • Im Gegenzug bildete RB Leipzig die Spieler des SSV Markranstädt aus und weiter
  • Nach einer begrenzten Zeit wurde die Kooperation wieder gelöst
  • Trotzdem wird der SSV Markranstädt weiterhin gefördert

So ungefähr jedenfalls. Ähnlich machten es andere Leipziger Clubs. Lok Leipzig mit einem Verein aus Torgau, der FC International Leipzig mit dem SV See. Es ist relativ normal im Leipziger Umfeld, dass Startrechte er- und verkauft werden und sich Mannschaften gegenseitig unterstützen. Trotzdem wurde der RB Leipzig dafür heftig kritisiert.

Jedenfalls traten die Kicker dann an. Zunächst im „Stadion am Bad“ in Markranstädt, ab der Folgesaison dann in der Red Bull Arena, dem Zentralstadion. Von Anfang an und bis heute dabei ist Torwart Benjamin Bellot. Der kam über den VfB Leipzig und dem FC Sachsen Leipzig schließlich zum Hassobjekt. Ansonsten kamen und gingen viele mehr oder minder große Namen.

Ob es Spieler waren, die den Zenit hinter sich hatten, oder altgediente oder gar skurrile Trainer-Gestalten – das Personal bei RB Leipzig ist immer im Fluss gewesen. Und die Fans wurden immer angefeindet und wurden von Tag zu Tag immer mehr. Ich weiß noch von Berichten über hasserfüllten Fans von Lok Leipzig, die Fans von RB Leipzig (die durchaus auch Kinder waren) quer durch die Messestadt jagten. Ich weiß von Berichten, dass Kinder mit RB Leipzig Schals von Lok-Fans bedroht und verletzt wurden. Deshalb war es nicht selten der Fall, dass die RB-Mütze oder der RB-Schal schnell in Taschen verschwand, um Gewaltausbrüche nicht zu provozieren.

Und wie wurde der Verein ausgelacht, weil viel Geld investiert wurde und man zwei Ehrenrunden in der Regionalliga drehen durfte. Der alte und neue Trainer Tomas Oral war neben Peter Pacult einer der Trainer-Versuche in Leipzig, die da involviert waren. Bis dann der damals völlig unbekannte Alexander Zorniger vom kurz vorher als Sportdirektor gestarteten Ralf Rangnick verpflichtet wurde und alles ein wenig professioneller wurde. Und man stieg in die dritte Liga und gleich darauf in die zweite Bundesliga auf, in der man aber – wie bekannt ist – erst einmal verharren wird. Das kostete Zorniger den Job und wird auch Interimstrainer Beierlorzer nicht auf dem Stuhl halten.

Die Anfeindungen haben sich verlagert. Es sind nicht mehr nur die Fans aus den Nachbarvereinen wie Chemnitzer FC oder Hallescher FC oder Lok Leipzig oder so. Jetzt kommt es skurril, da Anfeindungen auch vom durch Audi finanzierten und 2004 aus einer Zwangsfusion entstandenen FC Ingolstadt oder von der durch Dietmar Hopp übernommenen TSG 1899 Hoffenheim oder von einem ohne einen Entsorgungsunternehmer nicht lebensfähigen VfR Aalen zu hören sind. Ganz zu schweigen von untragbaren Zuständen beim Karlsruher SC, gegen den FC Erzgebirge Aue oder beim 1. FC Union Berlin.

Stört es die Fans von RB Leipzig? Man nimmt die Anfeindungen hin. Aber man macht sich seine eigenen Scherze, da ähnliche Zustände in der Finanzierung von Profi-Fußball bei sehr vielen weiteren Vereinen an der Tagesordnung sind. Was man argwöhnisch beäugen könnte, wäre ein straffer Zeitplan, dass man viel zu schnell viel zu viel erreichen will. Und das auf Drängen von Red Bull. Oder ist es Porsche? Oder die Krostitzer Bierbrauer? Oder alle zusammen? Oder giert Leipzig nach Bundesliga-Fußball? Fragen über Fragen.

Wie war das eigentlich vor Jahren dann in der Metropolregion Rhein-Neckar? Mal kurz ein Ausflug in den Südwesten Deutschlands. Dort finden wir in der Metropolregion folgende Fußballvereine mit der dazugehörigen Hauptunterstützung:

  • SV Waldhof Mannheim – Gefallener Engel mit MVV Energie (Nebenbei gibt es die Adler Mannheim mit großer SAP-Unterstützung und beim Handball die Rhein-Neckar Löwen mit SAP-Unterstützung)
  • TSG 1899 Hoffenheim – Dorfverein, der von SAP.Gründer Dietmar Hopp nun vollständig übernommen wurde
  • SV Sandhausen – sollte durch Dietmar Hopp mit der TSG Hoffenheim und dem FC Walldorf Astoria 2005 zum FC Kurpfalz Heidelberg fusionieren – Verein wird durch Machmeier Energy unterstützt
  • SV Darmstadt 98 – wie Phönix aus der Asche mit dem Pharma-Konzern Merck und dem SAP-Konkurrenten Software AG

Dazu ist der Karlsruher SC nicht weit weg, aber das ist ein anderes Thema. Wie Sie sehen, werden die Fußballclubs in der Region stark gefördert. Und irgendwie spielt da immer wieder SAP eine Rolle. Da kann man sich natürlich auf die Hinterbeine stellen, dass ein Verein aus dem Osten gefördert wird.

Ja, ich weiß schon: SAP unterstützt in der Region, Red Bull kam anmarschiert. Stimmt. Aber wissen Sie, was die Firmen hier in der Region sagen, wenn man sie mit Investitionen und Sponsoring im Fußball in Leipzig konfrontiert? „Lasst mich ja damit in Ruhe, rülpsende und prügelnde Fanmobs und Vereine, die nicht mit Geld umgehen können, sind nicht unsere Zielgruppe“ – so weit haben es die Leipziger Traditionsclubs getrieben. Und so konnte ja förmlich nichts anderes passieren, als dass ein Investor angewackelt kommt und Hohn und Spott auf sich zieht.

Neben den Anfeindungen und den sich ständig ändernden Mannschaften gibt es aber auch viel positives zu berichten. So kam es jedes Jahr für eins der Teams zu einem Aufstieg. Es sind ja nicht nur die Profis, die von sich Reden machen. Auch der Nachwuchs ist erfolgreich. Die RB-Fans bringen es bei dem Gesichtspunkt auf einen Nenner:

Seit fast genau sechs Jahren gibt es Rasenballsport Leipzig nun schon und in wirklich jedem Jahr steigt eine große Party.

Man kann den Verein anfeinden, wie man will, so wie es nun einmal im Fußball zugeht. So lang es sportlich zugeht. Das machen aber viele Gegner-Vereine eher unsportlich. Wie auch immer, das schweißt die Fans zusammen. Und das macht doch eigentlich nur die Fanszene nur stärker und kompakter.

Und so kommt es, dass auch Schwerverletzte unterstützt werden. So wird es auch eine riesige Abschiedsfeier für Kapitän Daniel Frahn geben, der in Leipzig keine Perspektive mehr hat. So wird auch die sportliche Leitung des Vereins mit harscher Kritik konfrontiert, wenn man wieder eine halbe neue Mannschaft holt, obwohl man guten Nachwuchs hat. Und so ist in Leipzig etwas entstanden, was es in Duisburg, Stuttgart, Hamburg, Dresden oder Nürnberg seit ewigen Zeiten gibt: Ein Fußballverein mit einem lebhaften Umfeld. Nur eben in kürzerer Zeit.

Herzlichen Glückwunsch, RB Leipzig. Irgendwann wird sich das Alles normalisieren, wenn die Herrschaften Vorstände das zulassen. Und das ist mein größtes Fragezeichen, wenn es um diesen Club geht. Und nun sind 1500 Worte rum. Und ich hoffe, ich habe das Alles so gut wie möglich getroffen.

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Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

Ein Gedanke zu „RB Leipzig: 6 Jahre Hass, Elend, Schweiß und Freude

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