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Traditionsspieltag: SV Darmstadt 98 gegen RB Leipzig

Gestern fand der Traditionsspieltag im traditionsreichen Jonathan Heimes Stadion am Böllenfalltor statt. Darmstadt 98 empfing RB Leipzig zum Heimspiel. Alles war auf Tradition gebürstet. Keine elektronische Stadionanzeige, grau melierte Bilder und Plakate, es hätte eigentlich nur gefehlt, dass der Spielbericht der Sportschau in Schwarzweiß abgeliefert wurde. Und auch das, was die Gastgeber ablieferten, war mehr die gute, alte Bolzplatz-Tradition. Wider den Kommerz und dem Neuen, das war die Ansage.

RB Leipzig begann mit Gulacsi im Tor, Bernardo, Orban, Compper und Halstenberg in der Verteidigung, Demme und Ilsanker im defensiven Mittelfeld, Keita und Forsberg im offensiven Mittelfeld und Werner und Poulsen im Sturm. Das nahezu traditionsreiche 4-2-2-2-System nahm Fahrt auf. Später kamen dann Sabitzer für Poulsen, Burke für Bernardo und Selke für Werner. So trat man dann gegen das gewohnte Beton-Bauwerk aus dem Südhessischen an.

Man kennt sich. Und man weiß, dass die beiden Vereine jeweils für sich genommen der komplette Gegenentwurf zum gestrigen Gegner waren. Das war schon in der dritten Liga so. Und das war auch in der Zweiten Bundesliga so. Duelle zwischen den Lilien und den Bullen haben inzwischen schon gute Tradition. Und sie waren immer davon geprägt, dass filigrane Spielzüge durch massive Abwehrtaten zunichte gemacht wurden. Darmstadt – Leipzig, das ist auch so eine Art „Ätsch, wir können es doch“ gegen „Aber wir können es besser“.

Norbert Meier bastelte für den gestrigen Kick die halbe Mannschaft um, nachdem der Regionalligist FC-Astoria Walldorf sensationell die Lilien aus dem DFB-Pokal schoss. Die Notwendigkeit hatte Ralph Hasenhüttl bei RB natürlich nicht. Vom Start an waren die Roten von der Pleiße drückend überlegen. Ich habe gestern gesehen, wie wenig Torschüsse Peter Gulacsi bekommen kann. Darmstadt mauerte sich tot, kam aber kaum zu eigenen Angriffsbemühungen. Dementsprechend wenig war in Richtung Leipziger Tor los.

Anders herum ging da schon mehr. Bereits nach einer Viertelstunde hätte es 0:1 stehen müssen, wenn ein sehenswerter Angriff, der von Yussuf Poulsen erfolgreich abgeschlossen wurde, nicht irrtümlich als Abseitstor gewertet worden wäre. Davor war lediglich Bernardo mit einem viel zu hohen Torschuss unterwegs. RB wartete auf seine Chancen, hatte Darmstadt zu jeder Minute im Griff. Die Lilien wollten offenbar auch gar nicht mehr machen, weil sie eben wissen, wie gnadenlos effektiv RB Leipzig im Umschaltspiel sein kann.

Und so kam es dazu, dass der Aufsteiger 76% Ballbesitz hatte. Das gelingt in der Liga sonst nur noch den Bayern. Aber wirklich zählbares kam nicht dabei heraus. Das änderte sich, als kurz nach dem Seitenwechsel Marcel Sabitzer den heiß gelaufenen Poulsen ersetzte. Die österreichische Ausgabe von Thomas Müller brachte gleich viel mehr Spielwitz auf den Platz. Naby Keita kam zu seiner Chance. Auch Timo Werner. Und dann müssen sich die Hessen gedacht haben, dass die Leipziger eh das Tor nicht mehr treffen würden, und beteiligten sich dann doch etwas am Spiel.

Just hier schlug RB eiskalt zu. Emil Forsberg schickte Timo Werner über das halbe Spielfeld auf die Reise. Und der goß eine sehenswerte Flanke von rechts außen zu Sabitzer, der sie zum 0:1 veredelte. Werner „goß“ deshalb, weil die Flanke so aussah, als ob sie nirgendwo anders hätte enden können. Das war gezielt, das war Maßarbeit. Der Anzeigetafel-Bediener wechselte die rechte 0 zu einer 1. In der Folge entwickelte sich eine Phase, die man aus Darmstädter Sicht als Angriffsphase bezeichnen würde. Aber zählbares kam nicht dabei heraus.

20 Minuten vor Schluss verletzte sich der souveräne Klostermann-Vertreter Bernardo am Knie und musste ausgewechselt werden. Bitter, denn bei RB sieht es nicht so dick aus in der Verteidigung. Für ihn kam mit Oliver Burke die schottische Ausgabe von „Plumps“. Das ist der hier. Na und? Dann machte RB eben trotzdem so weiter wie bisher. Trotzreaktionen zeigen können sie ja, die Roten, die man so hasst. Das konnten sie immer schon gut. Und da sie eben trotz allem die Darmstädter weiter im Griff hatten, mussten sie halt das machen, was sie eh am besten können: Angreifen.

Und da Ralph Hasenhüttl auch in diesem Spiel das tat, was ihm an Spieltagen so gut bisher gelingt, kam, was kommen musste. Diesmal schickte Diego Demme den eingewechselten Oliver Burke auf die Reise. Wieder über das halbe Spielfeld. Und da die Darmstädter ehrfurchtsvoll zuschauten, was sich so im Strafraum tat, konnte Marcel Sabitzer aus vielleicht 3 oder 4 Metern erneut einnetzen. Im Prinzip war das 0:2 eine Blaupause des 0:1, nur dass die Darmstädter beim zweiten Gegentreffer noch interessierter zuschauten.

Das Spiel war dann entschieden. Und so durfte dann auch noch Davie Selke ran. Es ist schon schade, dass er momentan so eine Bankdrücker-Rolle innehat. Aber was soll Hasenhüttl machen? Warum soll er irgendwas an der derzeitigen Linie der zwei Wühler ändern und auf einen reinen Strafraum-Stürmer setzen? Selkes Zeit dürfte noch kommen. Es gibt Gegner, gegen die er besser geeignet ist. Und es gibt Verletzungen und Krankheiten. Klar ist das unbefriedigend. Aber derzeit wohl nicht zu ändern.

Nach einem lauschigen Nachmittag in südhessischer Herbstsonne zählte Peter Gulacsi vielleicht 2 oder 3 halbwegs ernst zu nehmende Schüsse irgendwie in seine Richtung. Aber am Ende muss man schon sagen, dass Darmstadt 98 erschreckend schwach war. Da war nicht mehr viel davon übrig, was die Duelle früherer Spielzeiten ausmachte. Trotzdem war Norbert Meier einigermaßen zufrieden. So wie auch Werder Bremen vor kurzem zufrieden war, denn gegen RB Leipzig zu verlieren, ist ja nun nicht so schlimm.

Diese Wir-haben-traditionelle-Anzeigetafeln-und-ihr-nicht-Haltung der blauweißen Lilien war schon irgendwie albern. Aber so muss das eben sein, wenn der in-der-Liga-gebliebene „Underdog“ auf den hoch-gekauften „Krösus“ trifft. Dazu ist auch die Aussage von Norbert Meier passend, der gestern sagte, dass sie sich nicht beschweren, da sie eine Umkleidekabine mit Heizung haben und demzufolge nicht frieren müssen. Ich glaube aber, dass die Ansprüche in der 1. Bundesliga doch noch ein Stück andere sein dürften, als heißes Wasser beim Duschen zu haben.

Ohne Frage war das Spiel gegen Darmstadt deshalb erfolgreich, weil RB Leipzig quasi mit 2,5 defensiven Mittelfeldspielern und 1,5 offensiven daher kam. Diego Demme machte nicht mehr nur kaputt, sondern gestaltete mit. Er musste ja auch kaum etwas kaputt machen, weil kaum ein Angriff der Lilien stattfand. Stefan Ilsanker erprobte sich in der Funktion als höchst intelligenter Spielgestalter und breiter Absicherer. Und Naby Keita schloss die Reihen bei möglichen Angriffsversuchen und spielte sonst mit Emil Forsberg hübsch anzusehende Angriffe heraus.

RB Leipzig verabschiedete sich mit einem sehenswerten 0:2 von ihrem Traditionsgegner. Wenn Darmstadt so weiter spielt, könnte es allerdings eine Weile dauern, bis man wieder ins Südhessische fährt, da es für Darmstadt dann schwer könnte, mit solchen Leistungen die Klasse zu halten. Leipzig ist nun Zweiter und freut sich dann mal langsam auf den 1. FSV Mainz 05, der irgendwie eine Schüssel außerhalb der Stadt als Spielstätte hat. Vielleicht zeigen die Leipziger dann, wie schön es ist, mitten in der Stadt Fußball zu spielen.

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Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

3 Gedanken zu „Traditionsspieltag: SV Darmstadt 98 gegen RB Leipzig

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