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Geisterstadt Agdam in Bergkarabach - Joaoleitao at en.wikipedia [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons Geisterstadt Agdam in Bergkarabach - Joaoleitao at en.wikipedia [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Bergkarabach – Eskalation eines vergessenen Krieges

In den Neunziger-Jahren gab es den Bergkarabach-Krieg im Kaukasus. Irgendwie hat man ihn vergessen. Seit dem Wochenende ist er wieder zurück. Es gibt Gefechte und Tote, und irgendwie fragen sich alle, wie es denn zu dieser plötzlichen Eskalation kommen konnte. Der mehr oder weniger brüchige Waffenstillstand ist derzeit vollends dahin. Und man spricht mittlerweile von einer Art Stellvertreterkrieg. Nicht zwischen den Streithähnen Armenien und Aserbaidschan. Sondern zwischen der Türkei und Russland. Und es geht um viel mehr.

Zerrissene Geschichte

Seit irgendwas um die hundert Jahre existiert ein ständig schwelender Konflikt zwischen der Türkei – also damals noch dem Osmanischen Reich – und Russland. 1914 trat die Türkei in den Ersten Weltkrieg an der Seite des Deutschen Reichs und Österreich-Ungarn gegen Frankreich, die Britische Krone und das Russische Kaiserreich ein. Die Türkei war von einem pantürkischen Traum vom Bosporus bis einschließlich zum kompletten Kaukasus getrieben.

Die Bevölkerung Armeniens unterstützte in Teilen die russische Armee, da sie die Hoffnung hatte, unabhängig zu werden. Trotz der räumlichen Nähe Armeniens zur Türkei dachte man in der Türkei an einen Sabotageplan, weshalb es in der Folgezeit zu einem Massenmord kam, der in der Geschichte als Genozid an den Armeniern bekannt wurde, bei dem bis zu 1,5 Millionen Armenier getötet wurden.

Bergkarabach war immer schon von Armeniern bewohnt. Auch kulturell war es eher armenisch geprägt. Aus diesem Grund erhob Armenien immer schon Ansprüche auf die Region, die in der aserbaidschanischen Sprache „Schwarzer Garten“ bedeutet. Kurz nach der russischen Oktoberrevolution bestand für etwa einen Monat die „Transkaukasische Demokratisch-Föderative Republik“ aus Georgien, Aserbaidschan und Armenien, und die beiden letztgenannten führten danach Krieg um Bergkarabach.

1921 wurde von Moskau aus Bergkarabach der Aserbaidschanischen SSR zugeschlagen. Es gab immer wieder Unruhen, aber erst 1988 eskalierte der Konflikt mit Schießereien und Pogromen. Bergkarabach erklärte sich für unabhängig, wird aber als solches von kaum einem Land anerkannt. Zwischen 1992 und 1994 kam es zum verheerenden Krieg um die Region, in den sich auch Tschetschenen einbrachten. Es kam zu 25000 bis 50000 Toten und zu über 1 Million Vertriebenen. Seitdem war die Situation zwar brüchig, aber weitgehend friedlich. Bis zum 01. April.

Aserbaidschan gegen Armenien ist eigentlich Türkei gegen Russland

Seit dem 01. April tobt der Konflikt zwischen beiden Kaukasus-Republiken erneut. Inzwischen kam es bereits zu einigen Toten. Und es zeichnet sich ab, dass Russland Armenien unterstützt, und die Türkei aus historischen Gründen das „Land der Feuer“ unterstützt. So hatte Erdogan wohl Baku zugesichert, „eines Tages“ Bergkarabach vollständig zurückgewinnen zu können und nötigenfalls „bis zum Ende“ an der Seite Aserbaidschans stehen würde.

Am Ende geht es um die Vorherrschaft auf dem Kaukasus. Wir erinnern uns an den oben genannten pantürkischen Traum. Und wir erinnern uns an die reichen Rohstoff-Vorkommen im Kaukasus. Zudem liegt die Region strategisch günstig. Es kann aber auch die USA nicht gänzlich außer Acht gelassen werden. Denn schließlich war es Außenminister John Kerry, der neulich eine „ultimative Lösung“ für den Konflikt um die Region gefordert hatte.

Aserbaidschan behauptet, von Armenien angegriffen worden zu sein. Aber von wem denn? Von Truppen aus Bergkarabach? Die Bevölkerung wird wohl froh sein, Ruhe zu haben. Von Armenien?Warum, wenn es enge Beziehungen zwischen Armenien und Bergkarabach gibt? Aus heiterem Himmel trifft Kerry diese Aussage, und danach bricht der Konflikt wieder aus. Wie konnte es dazu kommen? Da bin ich mir alles andere als sicher.

Wie geht es weiter?

Also entweder explodiert die Region vollständig, was weltweit Einfluss haben kann, oder man bemüht sich um eine Wiedereinführung eines Waffenstillstandes. Frieden herrscht dort ohnehin nicht. Aber wenigstens ein Waffenstillstand. Diplomatische Bemühungen waren in all den Jahren seit dem Krieg in den Neunzigern erfolglos. Und ich bin mir nicht im Klaren darüber, wie viel Anteil die Türkei und über sie die USA sowie Russland an dem andauernden Misserfolg haben.

Wir erinnern uns noch einmal: Bergkarabach ist historisch gesehen das mittelalterliche armenische Königreich Arzach. Aus diesem Grund wird Bergkarabach von Armenien nach wie vor „Arzach“ genannt. Aserbaidschan hat „qara bağ“ als Namen für die Region. Die Grenzen der Siedlungsgebiete sind nie genau festgelegt worden. Und deshalb denke ich, dass der Konflikt noch lange schwelen wird, selbst wenn die Region wieder friedlich ist.

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Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

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