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Fernsehen: Sendepause - (C) LJCRAFTprofi CC0 via Pixabay.de Fernsehen: Sendepause - (C) LJCRAFTprofi CC0 via Pixabay.de

Bespaßungsprogramm Terror

Die Medien haben es derzeit nicht leicht. Nichts können sie recht machen. Mit der Kamera draufhalten oder nicht – beides ist erstmal falsch. Die einen machen es konsequent und schreiben „Breaking News“ drüber, die anderen berichten nur, wenn es wichtig ist. Beide werden dafür sozial verprügelt. Das haben wir gestern in den sozialen Netzwerken erleben dürfen, als es um das Freundschaftsspiel von Deutschland gegen die Niederlande ging, was kurzfristig wegen einer Gefährdungslage abgesagt wurde. Und auch der Bundesinnenminister bekommt dafür virtuelle Ohrfeigen. Warum nur?

Das Volk ist mediengeil. Trotz Lügenpresse. Es will alles ganz genau wissen. Gestern sollte in Hannover ein Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und der Niederlande stattfinden. Das wurde allerdings rund 1,5 Stunden vor Anpfiff abgesagt. Es hätte wohl konkrete Verdachtsmomente gegeben, dass im Stadion ein Anschlag stattfinden sollte. Der Bundesinnenminister hat dazu aus verständlichen Gründen keine konkreten Angaben in einer später stattgefundenen Pressekonferenz gemacht. Aber was man so herausgehört hat, klang alles andere als beruhigend.

Und was passierte in den sozialen Netzwerken? Das ZDF sollte das Spiel übertragen. Etwa 19.45 Uhr wurde in der ARD eingeblendet, dass das Spiel abgesagt wurde. Die Tagesschau wurde etwas verlängert, weil man natürlich sofort nach Hannover geschaltet hatte. Und im ZDF? Die standen vor dem Problem, dass nicht genügend bekannt war und sie somit auf dem Trockenen saßen. Das Parallelspiel England gegen Frankreich im Wembley-Stadion konnten sie nicht als Alternative übertragen, weil es Übertragungs- und Rechteprobleme gab. Also hatten sie erstmal eine ältere Folge einer Krimiserie gebracht, um sofort wegen Hannover reagieren zu können.

Dafür wurden beide Sendeanstalten verbal verhauen. Und auch Bundesinnenminister de Maiziere wurde für seine eher schwammigen Aussagen verbal verhauen. Warum machen Menschen so etwas? Ja, klar, es gab Sender, die ununterbrochen mit dem „Breaking News“-Schild umher rannten und alles mögliche zeigten. Fakt war aber, dass die Lage fürchterlich ernst war. Es gab eine Warnung von einem ausländischen Geheimdienst, weshalb das Spiel abgesagt wurde. Es war nichts konkretes bekannt. Wäre es den sensationsgeilen Zuschauern lieber gewesen, wenn der mutmaßliche Krankenwagen, der angeblich Sprengstoff enthalten haben soll, vor laufender Kamera in die Luft geflogen wäre?

Und was den Minister betrifft, so kann ich nur sagen: Der hat in letzter Zeit keine allzu gute Rolle gespielt. Das ist mal klar. Aber wäre es den Zuschauern lieber gewesen, wenn er konkret gesagt hätte, dass man vom Geheimdienst XYZ diese und jene Warnung erhalten hätte und dies und das der genaue Inhalt war? Was hätte man dadurch gewonnen? Die ScienceFiles haben dazu den Begriff „Terrortainment“ entwickelt. Aber in einem anderen Zusammenhang.

Dort wird er verwendet in Bezug auf Sondersendungen und Liveblogs und Twitter-Informationen. Also auch wieder nur schnöde Kritik. Wie sollen sich denn die Medien nun verhalten? Klar, auch der Papst soll vor einem Weltkrieg gewarnt haben. Wir wissen doch aber selbst gut genug, wie ernst die Lage derzeit ist. Dazu muss man nicht ständig fordern, dass noch mehr „Breaking News“-Gequatsche kommt. Denn noch einmal: Was gewinnen wir dadurch? Außer dass viel daher orakelt wird, kommt doch nichts brauchbares dabei heraus. Dass sich die Welt rasant ändert, wissen wir. Der derzeitige Terror ist da nur ein Teil davon.

Wenn das so weitergeht, wird der Terror zu einem reinen Bespaßungsprogramm. Katastrophen als Unterhaltung. Die Medien machen schon ihre Arbeit. Aber wenn es nichts stichhaltiges zu berichten gibt, was sollen die da berichten? Der Sender, der gestern das „Breaking News“-Girl gespielt hatte, hatte irgendeine Moderatorin dabei, die denkbar unsinniges Zeug als Lückenfüller von sich gegeben haben soll. Weil es nichts stichhaltiges zu berichten gab. War das nun besser? Ich bezweifle das. Aber was weiß ich denn schon? Ich bin ja nur ein dummer Blogger.

Nein, Terror ist ekelhaft. Und wenn Hysterie herrscht, haben die Terroristen gewonnen. Das darf man nicht zulassen. Wir dürfen uns nicht von Unmassen an mehr oder minder fundierten Schreckensmeldungen lähmen lassen. Dann nämlich ist unsere Gesellschaft am Ende. Und nebenbei gesagt: Wer einen anderen Sender der ARD als „Das Erste“ aufrief, der konnte eine unaufgeregte Live-Berichterstattung aus Hannover sehen, falls er denn wollte. Also muss man nicht hysterisch werden. Aber wahrscheinlich ist das gerade hip und angesagt. Was soll so etwas?

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Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

Ein Gedanke zu „Bespaßungsprogramm Terror

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