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Türkische Flagge - (C) falco CC0 via Pixabay.de Türkische Flagge - (C) falco CC0 via Pixabay.de

Chaos in der Türkei: Wenn ein Putsch weggeputscht wird

Die vergangene Nacht war wohl eine der ereignisreichsten seit Gründung der Republik 1923. Es kam zu einem versuchten Putsch gegen Recep Tayyip Erdoğan. Kurzzeitig war der türkische Präsident machtlos, das türkische Fernsehen okkupiert, die sozialen Netzwerke nicht verfügbar. Es gab jede Menge Tote und Verletzte. Der Putschversuch wurde abgewendet. Aber seit dieser Nacht ist klar: In der Türkei ist jetzt nichts mehr, wie es war. Erdoğan sitzt fest im Sattel, und es werden noch viel dunklere Zeiten für den vorderasiatischen Einheitsstaat anbrechen.

Gestern am späten Abend schaute ich bei einer letzten Zigarette vor dem Zubettgehen nochmal auf Twitter. Eigentlich wollte ich nur die ungelesenen Tweets abarbeiten und hatte nichts besonderes vor. Ich hatte früher am Abend über die gestern auf SAT1 gelaufene Sendung „Superkids“ einen Tweet verfasst und schaute nach Reaktionen sowie nach dem zur Sendung gehörenden Hashtag. Plötzlich sah ich einen Tweet, der so viel besagte wie: „Ihr guckt in aller Seelenruhe #Superkids, während in der #Türkei ein Putsch abläuft.“

Jetzt wird ja immer wieder viel erzählt, was die Türkei betrifft. Aber dann sah ich, dass Twitter gerade explodierte und hunderte Tweets einliefen. Alle mit den Hashtags #Turkey, #Türkei, #TurkeyCoupAttempt oder #Erdogan. Irgendwas schlimmes musste passiert sein. Das Militär hatte geputscht, die sozialen Netzwerke blockiert, das Fernsehen okkupiert und die Nachrichtensprecher Propaganda vorlesen lassen, und Präsident Erdoğan war in Haft genommen worden. Die Ereignisse überschlugen sich.

Es war von Explosionen in der Hauptstadt Ankara und in Istanbul die Rede, Gefechte in der Hauptstadt, Feuer und all das. Es hat Tote und Verletzte gegeben. Insgesamt um die 1000. Und dann war Erdoğan irgendwie wieder frei und angeblich auf dem Weg zum Atatürk-Flughafen, um nach Deutschland zu fliehen. Irgendwie dann aber doch nicht, denn er hielt über Facetime – einem Chatdienst von Apple – eine Pressekonferenz und wurde live ins Studio von „CNN Turk“ geschaltet. Eine sehr absurde Situation, da Facetime ja etwas war, was Erdoğan eigentlich verbieten will.

Irgendwann in der Nacht (Wenn ich das richtig rekonstruiere, muss das gegen 2 Uhr MESZ gewesen sein) hatte dann die türkische Administration wieder die Kontrolle über die Staatsführung übernommen und nach und nach den Putsch niedergeschlagen. Erdoğan kehrte zurück in den Präsidentenpalast, von wo aus er verkündete, dass der Putschversuch ein „Geschenk Gottes“ war, da nun das Militär gesäubert werden kann. Und das ist eigentlich das Bemerkenswerte an dieser obskuren Situation. Denn mir kommt dabei etwas sehr seltsames in den Sinn.

Erdoğan hat ja irgendwie selbst Probleme, seine Autorität aufrecht zu erhalten. Er hat immer wieder mit Brandherden innerhalb der Verwaltung und des Militärs zu kämpfen. Das führte unter anderem zur Castingshow „Türkei sucht den Super-Ministerpräsidenten“, die am Ende Yildirim gewann, der aber allenthalben als Marionette von Erdoğan gilt. Jetzt diese Aktion in der vergangenen Nacht mit dieser merkwürdigen Äußerung des Präsidenten. Ich habe in den Tweets der vergangenen Nacht gelesen, dass das kein Putsch, sondern reines Theater gewesen sein soll.

War das Alles eventuell eine riesige Nebelkerze, die da Erdoğan abgefackelt hatte? War das Alles eine reine Maskerade? Vielleicht wollte sich Erdoğan nur seine Autorität zurückholen. Es gibt die wildesten Gerüchte, dass dieser Putschversuch von Erdoğan selbst angezettelt wurde, um feststellen zu können, wer ihm die Gefolgschaft verweigert und wer nicht. Es heißt, sein großer Widersacher, der islamische Prediger Fethullah Gülen, soll das türkische Militär infiltriert haben. Wer weiß, vielleicht wollte sich Erdoğan tatsächlich nur von denen befreien.

Aber wenn das so ist, drängt sich doch ganz entschieden eine Frage auf, die mich schon seit Wochen beschäftigt, wenn ich irgendeine Hiobsbotschaft aus der Türkei mitbekomme: Kann es unter Umständen sein, dass Erdoğan auch irgendwas mit den Anschlägen auf die türkischen Flughäfen zu tun hatte? Spielt der türkische Präsident eventuell ein ganz übles Spiel, indem er ohne Rücksicht auf Verluste die Muskeln spielen lässt? Klar, alles nicht auf direktem Wege, sondern über gut organisierte Kanäle. Aber ist das theoretisch möglich? Vor allem vor dem Hintergrund der letzten Nacht?

Wir können verfolgen, wie sich die Situation in Ankara, Istanbul, Antalya und wo auch immer in der Türkei weiter entwickelt. Wie das auch immer weitergehen wird: Es brechen ganz dunkle Tage an. Denn selbst wenn Erdoğan nicht hinter dem Putsch gegen sich selbst stecken sollte, wird er nun mit noch viel härterer Hand den Diktator zeigen. Er wird alles daran setzen, dass er wieder der starke Herrscher über die rund 80 Millionen Einwohner ist. Und nach der vergangenen Nacht erst recht.

Wenn Sie wollen, können Sie selbst verfolgen, wie das Alles weitergeht. Das deutsche Fernsehen berichtet über die Situation, die Nachrichten-Webseiten haben Live-Ticker eingerichtet, in den sozialen Netzwerken kann man mittels Hashtags #Turkey #Türkei #Putschversuch #TurkeyCoupAttempt die Situation verfolgen. Deshalb habe ich hier im Artikel auch keinen einzigen Link untergebracht. Aber Vorsicht mit schnellen Schlüssen. Die Situation ist sehr undurchsichtig. Bilden Sie sich ihre eigene Meinung, aber seien Sie nicht voreilig.

Für Europa hat das meiner Meinung nach in jedem Fall ernste Konsequenzen. Egal, ob Erdoğan selbst dahinter steckt oder es wirklich ein exhter Putschversuch war: Eventuelle Abkommen und Verhandlungen mit der Türkei könnten kippen. Für die arabische Welt hat das Ganze auch Konsequenzen, da die Türkei plötzlich kein verlässlicher Partner mehr ist. Das Land mit dem Halbmond war unter Erdoğan nie der einfache Verhandlungspartner. Aber jetzt könnte es richtig schwierig werden. Und was passiert denn nun mit dem Nahen Osten?

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Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

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