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Trikotagen Kleiderstoffe und Black Label in der Wolfgang-Heinze-Straße in Leipzig-Connewitz - (C) By Niels Heidenreich [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)], via https://www.flickr.com/photos/schoschie/3977292406 Trikotagen Kleiderstoffe und Black Label in der Wolfgang-Heinze-Straße in Leipzig-Connewitz - (C) By Niels Heidenreich [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)], via https://www.flickr.com/photos/schoschie/3977292406

Die Stadt-Guerilla in Leipzig-Connewitz?

So, Leute, jetzt werde ich wohl endgültig zum Nazi abgestempelt. Denn ich muss mich nochmal zu dem äußern, was da in Connewitz immer los ist. Man kann es sich eigentlich gar nicht mehr antun, und eigentlich höre ich auch immer weg, wenn mal wieder irgendwas negatives geschrieben oder erzählt wird, was den Stadtteil betrifft, aus dem ich stamme. Wenn man sich dann kritisch dazu äußert, ist man dann automatisch ein Nazi. Na klar, war ja nicht anders zu erwarten. Die extremen Linken sind nun einmal der Mittelpunkt der Welt und haben die Weisheit für sich gepachtet.

Da feiern stadtweit die Blitzmerker einen ab, weil es mal zu Silvester in Connewitz friedlich geblieben ist. Damit wollen sie beweisen, dass in Connewitz ja inzwischen alles friedlich ist. Natürlich, da sammelt sich niemand der Gewalt wegen. Auch was da am 12. Dezember 2015 passierte, war alles nur friedlich. Im Dezember ist es nun einmal kalt, weshalb man mit ein paar brennenden Dingen Wärme und Heimeligkeit verbreiten wollte. Die rechten Spinner, die da unbedingt in Connewitz aufmarschieren wollten, haben das sicherlich alles nur falsch verstanden.

Connewitz wird irgendwie immer mit den Begriffen „autonom“ oder „linksradikal“ oder „gefährlich“ oder so in Verbindung gebracht. Natürlich stimmt das nicht ganz. Connewitz ist nun einmal auch bürgerlich, grün, bunt und was auch immer sonst. Früher war Connewitz mal schön. Ich bin ja dort aufgewachsen, ich kenne die Gründerzeit-Häuser, die monumentalen Schulen, die grünen Plätze und kleinen Parks. Wenn wir immer mal wieder einen Abstecher durch Connewitz machen, stellen wir fest, dass nicht mehr viel Charme geblieben ist.

Da gibt es die Wendeschleife an der Klemmstraße, die immer den Hauch des Hingerotzten hatte. He, genau dort in der Gegend bin ich groß geworden, ich weiß, wovon ich rede. Das haben sie hochmodern umgebaut, sodass das jetzt wie ein größerer Bahnhof aussieht. Ebenso wie der Bahnhof umgebaut wurde. Das Zerfallene ist aber dennoch geblieben. Wer soll das auch wegmachen? Meine Schule gibt es ebenfalls noch, teilweise mit neuem Gedöns. Und das ist eben das jetzige Connewitz: Alt und verfallen wird mit neuem durchmischt.

Dieses ungefährere, was Connewitz seit vielleicht 20 Jahren ausmacht, bietet natürlich auch Raum für alles mögliche. Und da Behörden wegschauen, denken extreme Gestalten dort, sie können tun und lassen, was sie wollen. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass dazu aufgerufen wurde „unseren Kiez“ notfalls mit Waffen oder so zu verteidigen. Ich kann mich daran erinnern, dass da auch noch ein Bild mit brennenden Autos zu sehen war. Ernsthaft, und da soll man sich wohlfühlen?

Wie gesagt, ich bin in Connewitz groß geworden, aber ich bin froh, dort weg zu sein. Das wurde mir ja schon vorgeworfen. Man warf mir da vor, „unseren Kiez“ verraten zu haben. Was habe ich denn verraten? Wenn ein ganzer Stadtteil immer wieder in Verruf kommt und man nicht weiß, wann ein guter Tag ist, um mal abends im Viertel um die Häuser zu ziehen, dann will man nicht mehr dort sein. Und ehrlich, ich will auch nicht mein Eigentum brennen sehen. Aber damit muss man leider rechnen, wenn man sein Auto zum falschen Zeitpunkt in Connewitz parkt.

Die Stadt hat ja lange Zeit weggeschaut. Oftmals hieß es, dass in Connewitz unbescholtene Bürger einen alternativen Lebensstil pflegen würden. Das wäre ja auch in Ordnung gewesen, wenn nicht irgendwelche radikalen und extremistischen Leute dort hätten tun und lassen können, was sie wollten. Während viele Leute in Connewitz einfach nur „nicht normgerecht“ aussehen, wie ich es mal irgendwo las, und einfach nur friedlich ihr Leben führen und ihrer Arbeit nachgehen, finden es andere offenbar völlig normal, immer wieder irgendwelche Exzesse zu veranstalten.

Ja, meine Güte, dann lasst die Leute halt ihr Leben leben. Macht ihnen doch nicht alles kaputt. Nur weil sie eine andere Vorstellung von Familienleben haben, heißt das doch noch lange nicht, dass sie es geil finden, wenn irgendwelche Spinner mit brennenden Barrikaden die Staßenbahn am Weiterfahren hindern. Wer kann es gut finden, wenn immer wieder irgendwelche einfach so etwas kaputt machen? Und der Guerilla-Krieg, der da immer mal wieder geführt wird, ist auch unfassbar.

Ja, Silvester war es ruhig in Connewitz. Na, super, dann sind ja alle Fragen beantwortet. In Connewitz wird nie wieder jemand etwas davon erzählen, „unseren Kiez“ „bis zum Tod“ verteidigen zu wollen. Und in Connewitz wird auch wieder bürgerlicher oder wirtschaftlicher Besitz beschädigt. Richtig? Ich glaube es nicht. Denn es sind ja schon wieder Scharmützel angekündigt. So, wie sie immer mal angekündigt werden. Also geht der Guerilla-Kampf immer weiter. Aber da wird sicherlich nichts passieren, richtig?

Nun ja, ich hätte mich darüber gefreut, wenn Connewitz eine wirkliche Chance gehabt hätte. Der Stadtteil hat es halt auch mal verdient. Ich will es niemandem absprechen, dass nach der eigenen Vorstellung gelebt wird. Aber die Anderen, die braucht niemand. Können die sich nicht damit abfinden, dass Protest gegen rechtsradikale und extremistische Spinner auch friedlich ablaufen kann? Muss denn immer alles in Gewalt, Chaos und dergleichen enden? Das würde ich mir für „unseren Kiez“ wünschen. Was denken Sie? Wird das ein zu frommer Wunsch bleiben?

Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

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