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Flagge der Türkei - (C) LoggaWiggler CC0 via Pixabay.de Flagge der Türkei - (C) LoggaWiggler CC0 via Pixabay.de

Die Türkei am Abgrund – Wenn sich ein Volk selbst zum Schafott führt

So oder so ähnlich palavert man seit dem Referendum in der Türkei vom Oster-Wochenende daher. Man denkt sich, dass das nicht ernst gemeint sein kann. Man stelle sich vor, dass die Schafe selbst wählen, dass sie geschlachtet werden sollen. Ernsthaft! Solche Wortmeldungen habe ich gelesen. Ich habe mich wohlweislich raus gehalten, weil ich mir erst einmal eine Meinung darüber bilden wollte. Die Türkei mag nicht mehr sonderlich gut in Schuss sein. Aber nicht wegen der Ergebnisse in DEM Referendum.

Ich habe jetzt nicht vor, unzählige Links in den Artikel hinein zu pflanzen. Aber eins ist mir wichtig: In der Türkei läuft einiges schief. Das ist nicht erst seit dem vergangenen Oster-Wochenende der Fall. Es ist aber nicht die gesamte Amtszeit Erdogans der Fall gewesen, dass man Bauklötzer staunt, was da in der Türkei abgeht. Ich weiß nicht, was passiert ist. Aber es muss irgendwas schlimmes gewesen sein, das Erdogan zu einem solchen Kurswechsel gebracht hat.

Irgendwie ist es doch so, dass 2013 in Istanbul im Gezi-Park demonstriert wurde. Der sollte gentrifiziert und überbaut werden. Es fanden nahezu ununterbrochen Protestkundgebungen auf dem nahen Taksim-Platz statt. Und aus einer – nun ja, platt formuliert – Öko-Aktion wurden politische Proteste, die alsbald die gesamte Türkei betrafen. Diese fanden auch hohen Anklang in der türkischen Diaspora. Also in türkischen Gebieten außerhalb der Türkei, wie eben die vielen türkischstämmigen Menschen in Berlin oder im Ruhrgebiet oder so.

Irgendwas muss da passiert sein. Der Taksim-Platz hat einen hohen symbolischen Wert. Gewerkschaften haben dort Kundgebungen abgehalten und all das. Es war also nicht unbekannt, dass auf dem Platz Proteste stattfinden würden. Und wie gesagt, es muss dabei irgendwie komplett etwas schief gegangen sein. Denn ich denke, seitdem hat sich die Denke von Erdogan und Yildirim und dem ganzen Gefolge gewaltig verändert.

Und dann kam es im letzten Sommer zu diesem ominösen Putschversuch in der Türkei. Es gab dabei um die 300 Tote, von denen der größte Teil Zivilisten waren. Das Militär hatte angegeben, Erdogan und Yilidirim stürzen zu wollen. Das wurde irgendwie gewaltsam niedergeschlagen. Ich will da gar nicht so groß darauf herum reiten, das ist vielen präsent und überall nachlesbar. Nein, ich will auf etwas anderes hinaus.

Der Erdogan hat ja irgendwie eine Privatfehde mit Fethullah Gülen, wie man überall nachlesen kann. Und irgendwie habe ich irgendwo gelesen, dass ihm das Militär nicht mehr so sehr hörig war. Wie dem auch sei. Ich habe übereinstimmend in den letzten 10, 11 Monaten immer wieder etwas gelesen, dass Erdogan selbst den Putsch über irgendwelche zwielichtigen Strohmänner angezettelt hatte, um wieder Ruhe in seinen Laden zu bekommen. Denn schließlich will er ja den starken Mann heraushängen lassen.

Vermutlich haben dortige Medien angefangen, hierüber zu recherchieren und sind auf einiges gestoßen, was sich nicht verheimlichen lässt. Schließlich soll der Putsch über Jahre von Erdogan und Tross geplant worden sein. Wer weiß, vielleicht hocken deshalb so viele Journalisten, Blogger und Juristen und dergleichen in Haft? Und wer weiß, wer das Alles breittragen wollte? Vielleicht wurden deshalb so viele Lehrer aus dem Verkehr gezogen?

Und nun wollte Erdogan mehr Macht. Frei nach dem Motto „Alles muss man selber machen“. Er hat sich dabei die Absolution geholt. Per Referendum. Das ging angeblich gut für ihn aus. Es war ein knapper Sieg. Aber schon während der Auszählungen gab es Berichte darüber, dass es zu Manipulationen kam. Und dann lese ich das hier. Das ist jetzt nicht so sehr erschreckend für mich, da ich ja die Manipulationsvorwürfe schon zur Kenntnis genommen hatte.

Aber ich kann mir das schon sehr gut vorstellen. In der Diaspora haben die Türken mit bis zu 75% für das Präsidialsystem in der Türkei gestimmt. Wenn denen damit gedroht wird, den türkischen Pass zu verlieren und nie wieder in die Türkei reisen zu können, dann macht einen das schon gefügig. Ohne diese Erpressung wäre Erdogan ja gar nicht mit seinem Referendum durchgekommen. Wäre alles mit rechten Dingen abgegangen, hätten die Einwohner Istanbuls und sonstwo in der Türkei sich an die Geschehnisse in den letzten Jahren erinnert. Aber so?

Es ist aber nicht etwa so, dass sich das türkische Volk selbst zum Schlächter führt. Nein, die Türken haben vielleicht im Moment gar keine andere Wahl. Und wenn ich mir so überlege, wie Erdogan mit dem ihm anvertrauten Volk umgeht, wage ich gar nicht die tiefere Recherche zu allem, was den Bürgerkrieg in Syrien mit seiner ganzen Katastrophe und dem ganzen Terror betrifft. Es wird nicht umsonst hartnäckig behauptet, dass da Erdogan auch seine Spiele spielen soll. Und das, nachdem er vom Islamischen Staat zum Tode verurteilt wurde.

Wie dem auch sei, irgendwas muss bei Erdogan schief gegangen sein. Und ich bleibe dabei, dass es die Proteste um den Gezi-Park waren, die das auslösten. Seitdem wendet sich die Politik der Türkei von einer Demokratie ab, die irgendwas mit der Europäischen Union zu tun haben will. Was Erdogan damit wirklich bezweckt, kann man nur erraten, wissen kann man es jedenfalls nicht. Und das beunruhigt mich irgendwie. Einerseits will er die Türkei als großen Partner für die EU hinstellen, andererseits in das arabische Bipol Saudi Arabien / Iran eindringen. Und das mit Verletzungen des Menschenrechts. Ich weiß nicht, ob mir das gefällt.

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Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

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