Guido Westerwelle ist tot

Guido Westerwelle auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2013 - von World Economic Forum from Cologny, Switzerland [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons Guido Westerwelle auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2013 - von World Economic Forum from Cologny, Switzerland [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Er sprach von Arbeitslosen, als ob sie sich spätrömisch-dekadent verhalten würden. Aber er war einer der prägnantesten Politiker Deutschlands. Gestern wurde vermeldet, dass der FDP-Führungspolitiker Guido Westerwelle im Alter von 54 Jahren den Kampf gegen den Krebs verloren hatte. Es gab mal Gründe, ihn als Politiker gut zu finden. Aber es gab auch genau so viele Gründe, ihn abzulehnen. Ich glaube, das war so ein bisschen sein Wesen. Ich schreibe mal ein paar Worte über ihn.

Guido Westerwelle, geboren in Bad Honnef, galt irgendwie als Shootingstar der FDP. Von 2001 bis 2011 war er der Vorsitzende der Partei. Das wurde er mit beachtlichen 39 Jahren. Der Rechtsanwalt war ein Verhandler, aber eben auch Zyniker. So hatte man es ihm übel genommen, dass er in Bezug auf das Arbeitslosengeld II von eben jener spätrömischen Dekadenz gesprochen hatte. Aber so war das eben bei ihm. Er war ein Vollblut-Politiker. Er war über das Ziel hinaus geschossen. Er meinte nicht die Arbeitslosen, sondern das System.

Sein Verständnis von Bürgerrechten war ein anderes als das, was Alternative und Radikale vertreten. Man muss sich nicht herumprügeln und auch keine Dinge beschädigen, um die Bürgerrechte zu vertreten. So vertrat er die Meinung, dass die Kernenergie nicht vorschnell abgeschafft werden werden solle, so lang nichts greifbares und tragfähiges in Sicht ist. Und Kraftstoffe müssten so versteuert werden, dass Autofahren nicht zum Luxus wird.  Und er vertrat ein gnadenlos vereinfachtes deutsches Steuerrecht.

Natürlich schoss er immer wieder über seine eigenen selbst gesteckten Ziele hinaus. Aber er war immer volle Kanne unterwegs. Er kämpfte letztlich erfolglos für die Einführung von Volksabstimmungen, für den vollständigen Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland. Aber er hielt eben auch Gewerkschaften für eine Plage, die mehr Arbeitsplätze gefährden würde, als es jemals irgendein als Heuschrecke bezeichnetes Unternehmen hätte schaffen können.

Am Ende galt er aber auch als einender Europa-Politiker. Gerade zu den Zeiten der Eurokrise und dem Bankrott Griechenlands forderte er, dass wir nicht weniger, sondern mehr Europa brauchen würden. Er kämpfte für eine europäische Integration, sodass kein Land des Kontinents auf der Strecke bleiben musste. Geschafft hatte er es nicht, da er dann schwer erkrankte. Geblieben ist aber seine Stiftung für internationale Verständigung.

Im Sommer 2014 wurde bekannt, dass der schillernde FDP-Politiker an Leukämie erkrankt war. Wie das eben immer so ist bei solchen schwerwiegenden Erkrankungen ist, so wurde auch diese eher nur zufällig entdeckt. Im Herbst wurde er dann wieder aus dem Krankenhaus entlassen. Er veröffentlichte im Herbst 2015 mit „Zwischen zwei Leben“ ein Buch über sein Leben als Politiker und als Krebskranker. Und danach wurde er wieder im Krankenhaus behandelt, wo er dann am 18. März verstarb.

Die gesamte Zeit war sein Ehemann Michael Mronz an seiner Seite. Das, was öffentlich immer wieder gern als „Homoehe“ bezeichnet wird, lebte Westerwelle vor. Ein stinknormales Familienleben zweier Menschen. Dass er da nichts versteckt hatte, brachte dem Politiker unheimlich viele Sympathien ein. Und unterm Strich bleibt das Bild eines Mannes, der immer Vollgas gelebt hat und mit Herz und Schweiß Politik gemacht hat, der sich nie in eine Schublade hätte stecken lassen und der immer gerade heraus war.

Dass ihm das nicht immer Sympathien brachte, dürfte klar sein. Aber wenn sich jemand nicht verbiegen lässt, eckt er eben an. So war das auch mit Guido Westerwelle. Die deutsche Politik ist nicht mehr die gleiche, seitdem er nicht mehr mitgestaltet. Er wurde oft falsch verstanden und als „neoliberal“ beschimpft. Ich glaube, dass er das viel weniger war, als man bis heute glaubt. So einen wie ihn wird es wohl in der Bundespolitik nicht mehr geben. Hab ich Recht?

Über Henning Uhle
Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

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