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Augustusplatz Leipzig mit Leipziger Gewandhaus und Mendebrunnen - mit freundlicher Genehmigung von Andreas Schmidt / Leipziger Touristik- und Marketing GmbH Augustusplatz Leipzig mit Leipziger Gewandhaus und Mendebrunnen - mit freundlicher Genehmigung von Andreas Schmidt / Leipziger Touristik- und Marketing GmbH

Rassistisches Leipzig?

Ich halte Leipzig für eine Stadt, die durchaus als weltoffen durchgehen will. Stolz ist sie, diese Stadt. Aber manchmal nicht weltoffen genug. Wie ist das mit dem Rassismus in Leipzig? Ist der wirklich da? Bildet man den sich ein? Übertreibt man nicht ein wenig? Ich würde mich nicht so einschätzen, dass ich irgendwie übertreibe. Aber an einigen Stellen ist Leipzig nicht das, wofür es durchgehen will.

Eilenden Schrittes eilt eine in tiefschwarzem Stoff eingepackte Frau mit ihren Kindern durch das Einkaufscenter. Nervös wechselt sie permanent die Hand, die ihre Einkaufstüte trägt. Als der Henkel reißt und die Tasche zu Boden fällt, keift sie ihre Kinder an. Sie beruhigt sich aber schnell, entschuldigt sich bei ihren Kindern und eilt mit ihnen und der zerstörten Tüte davon.

Eine Muslimin im Allee Center im Leipziger Plattenbaugebiet Grünau. Vorher wurde sie übel im mittig gelegenen Rondel beschimpft: Terroristenschlampe, Sozialhure und schlimmeres. Dass sie möglicherweise vor Krieg geflohen ist und vielleicht Ärztin oder Lehrerin ist, interessiert die Pöbler nicht. Und die, die da pöbeln, sind auch nicht die, für die der Begriff „Schule“ ein unbekanntes Wort ist oder die mit erhobenem rechten Arm einschlägige Parolen brüllen. Es waren Rentner und die so genannte Mittelschicht.

Natürlich gibt es in Leipzig Alltagsrassismus. Es sollte niemand so naiv sein und irgendwas anderes behaupten. Den gibt es aber auch sonst überall in Deutschland. Wie vermutlich auch in der Schweiz, Ungarn, Großbritannien oder so. Es ist kein Phänomen, worauf die Stadt Leipzig ein Exklusivrecht hat. Und gerade Leipzig mit seiner großen Geschichte als Handelsstadt mit starken jüdischen Einflüssen und einem Werdegang, der ohne fremde Kulturen undenkbar gewesen wäre, sollte es besser wissen.

Ich stamme aus dem Arbeiterviertel Connewitz. Seit jeher war dieses Nest slawisch geprägt. Es wurde gar von Sorben gegründet. Daher auch der seltsame Name, der in etwa „Ort, wo die Pferde weiden“ bedeutet. Geprägt war Connewitz jahrhundertelang durch das Rittergut. Und immer war man darauf bedacht, das Einfache, gepaart mit dem Gutbürgerlichen, am Leben zu erhalten. Das machte Connewitz immer schon bunt.

Die DDR-Industrie machte aus dem Stadtteil immer mehr ein zugepflastertes Stückchen Leipzig. Wo es ging, wurden die Gründerzeithäuser links liegen gelassen und durch Plattenbauten oder etwas in der Art ersetzt. Alles wurde nüchtern. Aber man wollte sich das Ursprüngliche bewahren. So wollten es auch die Alternativen, die die alten Häuser nach und nach besetzten. Gegen die liefen die mutmaßlich Rechten aus dem Leipziger Nordosten Sturm.

Connewitz ist nicht mehr so bunt, wie es mal war. Der Stadtteil ist zwar nach wie vor beliebt. Aber eben nicht bei Leuten, die „nicht von hier“ kommen. Dann eher Hipster, Künstler, Weltverbesserer. Die mit anderer Hautfarbe oder anderer Sprache sind wohl woanders zu suchen. So oft ich auch Connewitz bin, das Bunte, das eben auch durch Zuwanderung erhalten bleiben muss, ist etwas verblasst.

Jedenfalls gab es immer wieder kriegsähnliche Zustände zwischen „Süd“ und „Nordost“. Und ich sehe auch heute immer wieder, wie argwöhnisch man von einem „Nordostler“ angeguckt wird, wenn man erzählt, man stammt aus dem Süden. Aber ich kenne es eben auch so, dass im Nordosten gern mal Jagd auf die gemacht wurde, die nicht so aussehen „wie von hier“. Die Opfer konnten gut und gern gebürtige Leipziger sein, das interessierte aber die Jäger nicht. Waren ja alles „dreckige Ausländerschweine“.

So etwas in der Art beobachtet auch der Autor Samael Falkner immer wieder in anderen Stadtteilen. Er ist zum Beispiel als „Nordostler“ aufgewachsen, aber nicht in der gemutmaßten Gesinnungsrichtung verortet. Auch er stellt Rassismus in einer Stadt wie Leipzig fest, die ja immer als hach-so weltoffen gelten will. Das sind eben die Probleme, mit denen sich eine Stadt herumschlagen muss.

Es ist in meinen Augen kein Wunder, dass sich Oberbürgermeister Burkhard Jung bei einer NOLEGIDA-Kundgebung hinstellt und böse über LEGIDA schimpft. Denn selbst die als rechts-genug-um-für-die-AFD-interessant-zu-sein geltende PEGIDA distanziert sich ja von den Birnen von LEGIDA in Leipzig, weil die ihnen zu weit rechts stehen. Eine angeblich weltoffene Handelsstadt wie Leipzig sollte es sich eigentlich nicht erlauben, so etwas zu dulden.

Und der kunterbunte Stadtteil Connewitz darf es sich eigentlich auch nicht erlauben, dass Teenager andere Teenager durch die halbe Stadt jagen, weil sie anderer Meinung sind als die anderen. Das habe ich selbst erlebt, als in Leipzig „Wir sind das Volk“ gebrüllt wurde. Das ist 25 Jahre her. Aber es gilt nach wie vor für mich, dass Rassismus in den Köpfen anfängt und weder bei Religion noch bei Hautfarbe oder Landeszugehörigkeit aufhört. Auch ideologischer Rassismus bleibt unterm Strich Rassismus.

Bildquelle: Augustusplatz Leipzig mit Leipziger Gewandhaus und Mendebrunnen – mit freundlicher Genehmigung von Andreas Schmidt / Leipziger Touristik- und Marketing GmbH

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Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

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