100 Jahre Julikrise, nur jetzt in der Ukraine?

Die ganze Welt schaut derzeit nach Osteuropa. Genauer gesagt: An die ukrainisch-russische Grenze. Dort marschieren Armeen auf, dort wird einiges an Tamtam veranstaltet. Dort könnte es zu einer größeren Eskalation kommen. Wie man es auch immer dreht und wendet, es ist eine ernste Situation, die keineswegs unterschätzt werden sollte.

Der Journalist Jürgen Vielmeier fragte gestern in die Runde, ob wir es derzeit mit einer Neuauflage der berühmten Julikrise zu tun haben. Laut Wikipedia war das 1914 eine Zuspitzung der Ereignisse rund um die Konflikte zwischen den europäischen Großmächten. Diese folgte auf die Ermordung des damaligen österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand und gipfelte im Beginn des I. Weltkriegs.

Wollen wir mal nicht hoffen, dass es soweit kommt. Denn ein Weltkrieg mit den heutigen Möglichkeiten der Kriegsführung würde die Menschheit wohl nicht überleben. Wenn ich mir aber so ansehe, was die beiden Supermächte USA und Russland derzeit so treiben, kann ich es niemandem verübeln, dass es ihm die Sorgenfalten ins Gesicht treibt.

Russland hat ja erst die ukrainische Halbinsel Krim – im Wirtschaftsdeutsch heißt das – feindlich übernommen. Ich habe irgendwo gelesen, dass das Riesenland auf der Halbinsel einmarschiert ist und dann irgendwie das eilends einberufene Referendum in die für Russland richtigen Bahnen gelenkt hat. Das heißt ja dann wohl, dass Russland das Referendum über eine Abspaltung der Krim von der Ukraine beeinflusst hat.

Und nun will man vom Osten her die Ukraine erobern. So liest sich das auf jeden Fall, wenn man so die Nachrichtenlage überblickt. A propos Nachrichtenlage: Da wird ja derzeit auch jede Menge Zeug geschrieben. Man weiß gar nicht so richtig, was man da alles glauben soll. So las ich auch irgendwo in einer renommierten Zeitung – also in deren Online-Version – irgendwas davon, dass Russland wohl die abhanden gekommenen ehemaligen Sowjet-Republiken wieder „heim ins Reich“ zu holen gedenkt. Na, wenn das mal nicht pure Panikmache ist.

Aber ich schweife ab. Es blickt jedenfalls niemand so wirklich durch, was da in Südrussland und der Ukraine eigentlich los ist. Die Süddeutsche Zeitung hat gestern einen Kommentar veröffentlicht, in dem es um den „heißen Krieg“ geht. Unbestritten sind die Kampfhandlungen, die Toten und die Verletzten. Unbestritten ist auch das harsche verbale Säbelrasseln der beiden involvierten Regierungen. Und unbestritten ist auch, dass sich NATO und Co. mit aufspielen. Aber steht Osteuropa tatsächlich vor einem neuen Krieg? Einem Krieg, der über kurz oder lang die ganze Welt mit einbezieht? Jürgen Vielmeier schrieb dazu im März:

Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir uns kurz vor einem globalen Konflikt von einem Ausmaß wie 1914 oder 1939 befinden.

Es deutet allerdings vieles darauf hin, dass die Lage immer weiter zu eskalieren droht. Denn – ähnlich wie vor hundert Jahren – wurden gestern wichtige Persönlichkeiten festgenommen. Wie SPIEGEL ONLINE berichtet, sind gestern mehrere Militärbeobachter der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) in die Gewalt der prorussischen Miliz geraten. Dass sich darunter auch Deutsche befinden, ist zwar tragisch, spielt dabei aber leider nur eine untergeordnete Rolle.

Irgendeine andere Zeitung schrieb gestern auch darüber, dass die OSZE-Beobachter angeblich unter Terrorverdacht stünden, dass sie unter Spionageverdacht stünden. Ramtamtam! Wenn es dumm kommt, so meine Meinung, könnte dies von den USA als Provokation gegen den Weltfrieden oder so etwas gewertet werden. Und wenn man das weiterspinnt, dann könnte dies endgültig das Pulverfass in die Luft jagen.

Laut Leipziger Internetzeitung ist es allerdings schon zu spät. Michael Freitag kommentierte dazu wie folgt:

Es ist keine Verteidigung, keine Schutzmaßnahme, kein Friedensakt – Es ist Krieg, nicht Frieden und wir sehen zu.

Ich erinnere mich noch an die Zeit vor 25 Jahren. Ich war damals in der 10. Klasse. Montags war es üblich in Leipzig, Kerzen ins Fenster zu stellen. Das war die Zeit der Friedensgebete in der Nikolaikirche. Das war die Zeit der beginnenden Montagsdemos. Das war die Zeit, als es gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den – O-Ton DDR – „subversiven Elementen“ und der „Staatsmacht“ gab.

Die Lage war wohl so prekär, dass wohl die Panzer auf den Autobahnen rund um Leipzig aufgefahren sein sollen. Ich konnte das damals nicht vollständig einordnen. Aber ich glaube, wenn dann nicht ideologische Dämme gebrochen wären, wäre die Lage in Leipzig damals so eskaliert, wie es derzeit in der Ukraine der Fall ist.

In Sachen Russland weiß ich derzeit nicht, wie ich das Ganze einordnen soll. Mir kommt Putin so vor, als würde er Zar Wladimir der Große sein wollen. Wenn ich das so richtig sehe, dann ist Russland gerade dabei, eine aggressive Expansion voranzutreiben. Überall in den Ländern, auf denen mal „Sowjetunion“ drauf stand, kann man sehen, dass Russland mehr und mehr Einfluss gewinnt. Am wenigsten vielleicht noch im Baltikum. Und in der Ukraine zetteln sie gerade etwas an, das der Stabilität der Weltpolitik nicht zuträglich sein kann.

Ich glaube in der Tat, dass es womöglich an der Zeit ist, wieder Kerzen ins Fenster zu stellen. Das nannte man vor 25 Jahren Friedenslicht. Wenn nun aber tatsächlich die USA ihre Truppen, die laut verschiedener Medien in Polen stationiert sind, in Marsch setzen, dann könnte in der Ukraine tatsächlich eine unübersichtliche Situation entstehen, die dann vielleicht tatsächlich in einen III. Weltkrieg mündet.

Zumal ja die NATO-Partner auch mit gefragt sind. Deutschland wäre dann wohl auch mit in der Pflicht. Und da warnt wohl der Chef der LINKE, Bernd Riexinger, Angela Merkel davor, Deutschland in einen Krieg mit hineinziehen zu wollen. Der Bundestag muss vorher befragt werden. Ist das eigentlich nicht immer so? Wurde der Bundestag nicht befragt, bevor die Bundeswehr an den Hindukusch gegangen ist? Ich frage bloß.

Also ist entweder die Riexinger-Warnung Blödsinn, weil das Merkel eh alles klar ist. Oder Merkel spielt sich als Kriegsherrin auf und setzt sich über geltendes Recht hinweg. Letzteres wäre fatal. Denn dann wäre sie nicht besser als Putin. Das ist so meine bescheidene Meinung.

Michael Freitag schreibt in dem Artikel in der Leipziger Internetzeitung, dass die Medien keine Aufrufe starten: „Nie wieder Krieg!“ – Und das stimmt. Überall ist nur zu lesen, wie schlimm „der Russe“ sei. Ich glaube, es war eine Zeitung mit ganz großen Schlagzeilen, die von „Putin mit den scharfen Zähnen“ fabuliert hatte.

In der gesamten Krise ist es doch so, dass die Medien allesamt ziemlich viele Teufel an die Wand malen. Ständig neue Schreckensnachrichten und Klickstrecken. Aber ist das alles wirklich so verifiziert? Die Medien treiben viel die Bevölkerung dahin, dass sie glaubt, man würde diesen Krieg brauchen. Und plötzlich ist „der Russe“ das Böse schlechthin.

Wie gesagt: Was da in der Ukraine und an deren Grenzen zu Russland und so passiert, das ist wohl wirklich real. Und wenn man Beobachtern wie Jürgen Vielmeier folgt, dann kann die Lage dort schnell ins Unberechenbare eskalieren. Aber ist das denn dann gleich Krieg? Wie die Süddeutsche Zeitung einen „heißen Krieg“ herbeischreibt? Dass nun ganz sicher ein III. Weltkrieg kommt?

Wenn der kommt, dann brauchen wir keine Klickstrecken, Newsticker, Breaking News oder Exklusiv-Interviews mehr. Bei der heutigen Technik wird es bald nach Ausbruchs eines solchen III. Weltkriegs niemanden mehr geben, den das alles interessiert. Mal davon abgesehen, dass es niemanden mehr geben wird, der das alles produzieren könnte.

Die Krise in der Ukraine ist schlimm. Aber ich weiß nicht, ob es nicht vielleicht besser wäre, wenn man auf diplomatischem Weg eine Lösung finden würde. Mir ist auch nicht klar, ob das nicht schon zu spät ist. Das ist ja alles in den Klickstrecken und Newstickern untergegangen.

Bekommen wir also eine Neuauflage der Julikrise? Das weiß ich nicht. Es deutet vieles darauf hin. Da man sich aber im sicheren Deutschland nur auf die hysterischen Medienberichte verlassen kann, ist kein Leser der hiesigen Medien auch nur ansatzweise dazu in der Lage, die Situation abschließend zu bewerten.

Mir kommt da der Gedanke, dass Russland vielleicht ein Gegengewicht zum derzeit in der Verhandlung stehenden Transatlantischen Freihandelsabkommen zwischen Europa und den USA bilden will. Denn wenn das Abkommen tatsächlich kommt, verliert Russland wirtschaftlichen Einfluss. Denn schließlich verfügt die Ukraine durch Schwarzerde über sehr ertragreiche Böden und ist wichtiges Transitland für Erdöl und Erdgas. Mal ganz von den vielen Bodenschätzen abgesehen.

Die Ukraine ist für Russland nicht nur aus strategischer Sicht aufgrund des Schwarzen Meeres von großem Interesse. Auch aus wirtschaftlicher Sicht. Insofern könnte eine Annektierung der Ukraine für Russland sehr sinnvoll sein und deshalb auch das Ziel sein.

Bildquelle: Die Ukraine in Europa – (C) nemo via Pixabay

Das sind so Sachen, die man immer wieder liest, wenn man sich über die Gründe für die Aggression Russlands informiert. Ich denke aber, dass die Regierung Putin schlau genug ist, nicht den eh immer wackligen Weltfrieden zu gefährden. Denn ein III. Weltkrieg kann auch nicht im Interesse des Riesenlandes liegen.

Man kann da jetzt weiter spekulieren, was wohl alles passiert ist, was passieren wird und was das Ergebnis ist. Aber ich denke, wir sollten auch die Möglichkeit der Kerzen im Fenster nicht ganz außer Acht lassen. Das bringt zwar gegen die eigentliche Gewalt in der Region nichts. Aber es ist besser, so etwas zu tun, als sich in wilder Panik zu ergießen. Denn Panik ist immer der schlechteste Ratgeber.

Ich weiß es nicht, was genau passieren wird. Mir ist nicht einmal klar, ob in der Region wirklich schon Krieg herrscht. Aber ich hoffe einfach mal, dass es nicht zum III. Weltkrieg kommt. Und wie sieht das mit Ihnen aus?

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