Armes Deutschland

Nein, um Deutschland ist es nicht schlecht bestellt. Allerdings wird uns Deutschen eine gar schlimme Zukunft vorhergesagt, in der wir völlig ohne Intelligenz zurecht kommen müssen.

So in etwa lesen sich die neuesten Ausdünstungen unseres liebsten Meinungsbildners, Thilo Sarrazin, die er wohlschmeckend in seinem Buch “Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen” verwurstet hat.

Als Meinungsbildungskooperationspartner hat sich unser Meinungsbildner ausgerechnet die BILD ins Boot geholt. Und schon ist der Aufschrei riesengroß.

Man sagt nicht ohne Grund: “Schuster, bleib bei deinen Leisten”. Thilo Sarrazin ist sicherlich ein respektable Finanzexperte. Nicht ohne Grund genoß er als Finanzsenator in Berlin großen Respekt und  als Bundesbank-Vorstand großes Ansehen. Aber dann muss der Mann unbedingt eine Weltuntergangsstimmung verbreiten und sich als Wächter aufspielen. Was hat er denn zum Besten gegeben?

Der Mann philosophiert in seinem Buch über Geburtenrückgang, Zuwanderung, eine wachsende Unterschicht und folgert aus all dem Folgen, die sich für Deutschlands Zukunft ergeben.

Er stellt ferner fest, dass Deutschland nicht nur älter und kleiner, sondern auch dümmer und abhängiger von staatlichen Zahlungen wird. Und damit wird sich Herr Sarrazin nicht abfinden. Und basta.

Als Berliner Finanzsenator sagte er, vor Haushaltsberatungen entwichen öfter mal gefährliche Mörder aus dem Gefängnis. Bei solchen Sätzen wussten allerdings Berliner Bürger, was gemeint war und hielten zu ihm. Er genoss Popularität und Respekt, weil er es vermochte, mit seinen „Benchmarks“ und Tortengrafiken Finanzpolitik – und ihre Erfolge – anschaulich darzustellen.

Als Finanzpolitiker sorgte für einvernehmliche Senatsbeschlüsse, die jedes einzelne Mitglied später davor bewahrten, Ressortinteressen zu egoistisch zu verteidigen. Das war erfolgreich, denn wer Ausgaben begrenzt, kann auch bald Schulden abzahlen.

Allerdings wechselte er in den Vorstand der Bundesbank und leidet seitdem an chronischer Unterbeschäftigung. Da nützt es auch nichts, dass er sich seine Zeit mit Literatur vertreibt. Um seine gewonnene freie Zeit sinnvoll zu gestalten, versucht sich Herr Sarrazin dann eben als Amateur in der Integrationspolitik.

Womit glänzt jetzt Sarrazin in seinem Buch?

Ungesteuerte Zuwanderung konnte zu jeder Zeit staatliche Gebilde gefährden und die Stabilität einer Gesellschaft unterminieren.

Oha! Der Mann vergleicht die deutsche Zuwanderungspolitik mit dem Wegbröckeln des Römischen Reiches oder des Chinesischen Kaiserreiches. Das ist schon starker Tobak. Des Weiteren schreibt er:

Der wachsende Zulauf, den rechte populistische Bewegungen in vielen europäischen Ländern zu verzeichnen haben – oder auch die Volksabstimmung zur Zulässigkeit von Minaretten, wie sie in der Schweiz durchgeführt wurde –, sind Folgen der überwiegend unhistorischen, naiven und opportunistischen staatlichen Migrationspolitik in Europa.

Will also heißen: Der deutsche Staat ist aufgrund seiner Zuwanderungspolitik selbst schuld, dass die NPD erstarkt. Und Sarrazin ledert los über Beobachtungen, die – wer auch immer – getroffen hat:

– unterdurchschnittliche Integration in den Arbeitsmarkt

– überdurchschnittliche Abhängigkeit von Sozialtransfers

– unterdurchschnittliche Bildungsbeteiligung

– überdurchschnittliche Fertilität

– räumliche Segregation mit der Tendenz zur Bildung von Parallelgesellschaften

– überdurchschnittliche Religiosität mit wachsender Tendenz zu traditionalen beziehungsweise fundamentalistischen Strömungen des Islam

– überdurchschnittliche Kriminalität, von der „einfachen” Gewaltkriminalität auf der Straße bis hin zur Teilnahme an terroristischen Aktivitäten.

Es scheint so, als ob Sarrazin mittlerweile mit Teilen von Holger Apfel, Vorsitzender der NPD-Fraktion im sächsischen Landtag, zu einer Art Monster verschmolzen ist, quasi die Vogelscheuche gegen Zuwanderung.

Was sind nun Konsequenzen? Oder bleibt das alles folgenlos für Sarrazin?

Es hagelt jetzt schonmal eine Klage wegen Volksverhetzung. Die Frankfurter Rundschau berichtet von einer Klage wegen Volksverhetzung gegen Sarrazin, die von der Deutschtürkin Aylin Selcuk eingereicht wurde.

Der NDR weiß, dass Schleswig-Holsteins SPD-Chef Ralf Stegner Sarrazin aufgefordert hat, die SPD zu verlassen und sich eine Partei zu suchen mit geringerer Toleranz.

Andrea Nahles, die Generalsekretärin der Bundes-SPD, nennt Sarrazin gar  einen “unterbeschäftigten Bundesbanker mit ausgeprägter Profilneurose“.

Und n-tv.de rät in Anbetracht der Äußerungen und Ausdünstungen von Thilo Sarrazin dazu, “Thilo – wer?” zu ignorieren.

Ich glaube, wenn wir Thilo Sarrazin einfach seinen Unfug weiter verbreiten lassen, ohne zu reagieren, machen wir uns der Ignoranz schuldig. Und Deutschland ist nicht ignorant, oder?

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Nutzen des Kommentarbereiches erklären Sie sich mit der Datenschutzerklärung einverstanden.