Der Countdown für den City-Tunnel Leipzig

Neunhundertsechzig Millionen Euro Gesamtkosten. Zehn Jahre Bauzeit. Fünftausenddreihundert Meter Länge. Es gibt kein Thema im Raum Leipzig, welches heftiger diskutiert wurde, als der City-Tunnel. Auch ich habe nicht meine Klappe gehalten und habe verbal dagegen gewettert. So wie ziemlich jeder Leipziger. Ist doch klar: Wer nutzt schon diesen Tunnel? Wozu braucht Leipzig eine U-Bahn?

Was man aber inzwischen sieht: Der City-Tunnel ergibt dann doch Sinn. Ich bringe es noch nicht übers Herz, den Tunnel zu begrüßen. Aber mein Interesse und mein Wohlwollen sind geweckt. So wie das im Jahr 2009 mit dem Fußballverein RB Leipzig auch war.

Ich habe die Genehmigung des City-Tunnel Teams, ein paar Inhalte breit zu tragen. Damit will ich selbst einmal ein bisschen den City-Tunnel erforschen. Begleiten Sie mich einfach mal auf dieser Entdeckungsreise durch den größten Zankapfel der stolzen Pleißestadt, die in 2 Jahren 1000. Jubiläum der Ersterwähnung feiert.

Beweggründe für den Tunnelbau

In Leipzig gab es immer schon 3 Großbahnhöfe, also zumindest seitdem die Eisenbahn Leipzig erreicht hatte. Es gab den Hauptbahnhof mit den Zügen nach Norden, u.a. nach Berlin. Es gab den Warschauer Bahnhof mit den Zügen nach Osten. Und es gab den Bayrischen Bahnhof der Sächsisch-Bayrischen Eisenbahn.

Der Berliner Bahnhof hatte am Nordrand Leipzigs drei Vorgängerbahnhöfe, den Thüringer, den Dresdner und den Magdeburger Bahnhof. Die wurden, beginnend mit dem Thüringer, nach und nach abgebrochen, je mehr der Leipziger Hauptbahnhof fertig wurde. Der Warschauer Bahnhof wurde schrittweise durch die Industrialisierung des Leipziger Ostens ersetzt und dürfte sich in etwa des so genannten Industriegeländes-West befunden haben. Der dritte große Bahnhof ist der Bayrische Bahnhof, ein stiefmütterlich behandelter Bahnhof über vele Jahrzehnte, der seine Renaissance feiert.

Das Problem an der Lage der Bahnhöfe war, dass sie nicht miteinander verbunden waren. Und so kam es, dass im Laufe der Jahre ein S-Bahn-Ring um Leipzig herum gebaut wurde. In den Jahren des Baus des Hauptbahnhofs wurde zwar eine Tunnelverbindung zum Bayrischen Bahnhof eingeplant und auch 1913 / 1914 angefangen zu bauen, aber dieser Tunnel wurde nie fertig gestellt. Aber die Notwendigkeit eines solchen Bauwerks wurde immer wieder nachgewiesen.

Leipzig ist problematisch für den Individualverkehr. Die Stadt ist sehr eng und durchzogen durch den riesigen Auewald. Das Straßensystem kommt immer mehr an seine Belastungsgrenzen. Und das Straßenbahn- und Busnetz ist auch an seine Grenzen gekommen. Die in Leipzig immer schon – also seit Einführung des S-Bahn-Verkehrs – gern genommene S-Bahn musste ausgebaut werden. Und sie musste zentralisiert werden, also nicht mehr um Leipzig herum führen. Das sind vermutlich die Gründe, dass der City-Tunnel wieder gebaut wurde.

Eckdaten des Tunnels

Es gab jahrzehntelang in Leipzig drei S-Bahn-Linien:

  • S1: Leipzig-Grünau – Hauptbahnhof – Markkleeberg – Borna, seit 2011 nicht mehr bis nach Grünau
  • S2: Leipzig-Plagwitz – Markkleeberg, im Jahr 2002 eingestellt
  • S3: Leipzig Hauptbahnhof – Engelsdorf – Wurzen, im Regionalverkehr aufgegangen

Künftig werden im Zuge der Einführung der S-Bahn Mitteldeutschland mehr S-Bahn-Verbindungen möglich sein, die den gesamten mitteldeutschen Ballungsraum befahren:

  • S1: Leipzig-Grünau – Hauptbahnhof – City-Tunnel – Bayrischer Bahnhof – Engelsdorf – Wurzen Oschatz
  • S1E: Leipzig-Messe – Hauptbahnhof – City-Tunnel – Bayrischer Bahnhof – Stötteritz
  • S2: Bitterfeld – Delitzsch – Hauptbahnhof – City-Tunnel – Bayrischer Bahnhof – Markkleeberg
  • S3: Halle (Saale) – Schkeuditz – Hauptbahnhof – City-Tunnel – Bayrischer Bahnhof – Völkerschlachtdenkmal – Stötteritz
  • S4: Hoyerswerda – Elsterwerda – Bad Liebenwerda – Torgau – Eilenburg – Taucha – Hauptbahnhof – City-Tunnel – Bayrischer Bahnhof – Markkleeberg – Böhlen – Borna – Geithain
  • S5: Flughafen Halle / Leipzig – Hauptbahnhof – City-Tunnel – Bayrischer Bahnhof – Markkleeberg – Böhlen – Altenburg – Crimmitschau – Zwickau
  • S5X: Halle (Saale) – Flughafen Halle / Leipzig – Hauptbahnhof – City-Tunnel – Bayrischer Bahnhof – Markkleeberg – Böhlen – Altenburg – Crimmitschau – Zwickau

Zusätzlich hierzu noch die Linie ohne City-Tunnel:

  • S7: Halle-Trotha – Halle (Saale) – Halle-Neustadt – Nietleben

Aber das ist ja nicht alles, was man so an Eckdaten kennt. Die bisherige Liste zeigt nur, wie das S-Bahn-Netz künftig aussehen wird. Halle, Bitterfeld, Borna, Zwickau, Torgau – und später vielleicht noch Dessau etc. – rücken damit näher an Leipzig heran. Die Linien S3, S5 und S5X sollen im 60-Minuten-Takt, alle anderen im 30-Minuten-Takt fahren. Und bis auf die S7 alle durch den City-Tunnel.

Der Tunnel verfügt über folgende Stationen:

  • Hauptbahnhof (tief) – unterirdisch
  • Markt – unterirdisch
  • Wilhelm-Leuschner-Platz – unterirdisch
  • Bayrischer Bahnhof – unterirdisch
  • Leipzig-Nord – überirdisch
  • Leipzig-MDR – überirdisch

Alle Stationen sind barrierefrei ausgestattet. Sie verfügen über Treppe, Rolltreppe und Fahrstuhl. Die beiden parallel laufenden Tunnelröhren zwischen Hauptbahnhof und Bayrischem Bahnhof haben jeweils eine Länge von 1,4 km. Zusammen mit den Einfahrten, Rampen und der Strecke zum MDR ergibt dies eine Gesamtlänge von 5,3 km.

Bautätigkeiten

Ich glaube, das ist das, was die Leipziger Bevölkerung am meisten gestört hat: Die Bautätigkeit über die vielen Jahre. Brücken wurden abgerissen und neu gebaut, teilweise wurden ganze Stadtteile umgebaut, die Innenstadt wurde umgegraben. Der traditionelle Weihnachtsmarkt fand über Jahre inmitten von Baugruben statt. Der traditionsreiche Markt, das Herzstück der Stadt, war praktisch nicht vorhanden. Diese Bautätigkeiten waren wohl für die Bevölkerung ähnlich schlimm wie die Kosten, obwohl die Stadt Leipzig gar nicht so einen großen Teil davon tragen musste, wie Sie hier sehen können.

Überblick über den Markt im Mai 2005 - (C) Freistaat Sachsen
Überblick über den Markt im Mai 2005 – (C) Freistaat Sachsen

Angefangen hatte alles im Juni 2005, als der Markt umgegraben wurde. Die Bauarbeiten fanden aber immer wieder ein jähes Ende. Denn Leipzig als Stadt und Gegend mit viel Tradition grätschte immer wieder mit Fundstücken dazwischen, sodass die Dinge erst archäologisch bewertet und ausgegraben werden mussten. Im September 2005 sah dann der Markt so aus:

Rohrleitungs- und Abrißarbeiten auf dem Leipziger Markt im September 2005 - (C) Freistaat Sachsen
Rohrleitungs- und Abrißarbeiten auf dem Leipziger Markt im September 2005 – (C) Freistaat Sachsen

Ab dem Sommer 2006 wurde Leipzig geziert mit hübschen blauen Rohrleitungen. Diese manifestierte Hässlichkeit war notwendig, um die Innenstadt-Stationen von Grundwasser zu befreien. Jedenfalls sahen diese Ungetüme so aus und zogen sich durch die halbe Stadt:

Rohrleitungssystem zur Entwässerung im Herbst 2006 - (C) Freistaat Sachsen
Rohrleitungssystem zur Entwässerung im Herbst 2006 – (C) Freistaat Sachsen

Und die Röhren wurden ja auch gegraben. Und zwar von einem steinfressenden Monster namens Leonie. „Leo“ ist dabei der Löwe, das Wappentier Leipzigs. Leonie erreichte jedenfalls am 22. November 2007 den Markt, was dann so aussah:

Tunnelbohrer "Leonie" im November 2007 - (C) Freistaat Sachsen
Tunnelbohrer „Leonie“ im November 2007 – (C) Freistaat Sachsen

Und so gingen die Bautätigkeiten weiter und werden dann im Dezember diesen Jahres fertiggestellt, sodass der Tunnel feierlich eröffnet werden kann.

Edle Tunnelstationen

Der Leipziger meckert ja gern. Und so ist es vermutlich an der Zeit, dass man sich einmal die Haltestellen im Tunnel ansieht. Und so sehen sie aus, die U-S-Bahn-Haltestellen des City-Tunnels, zumindest im Entwurf:

Entwurfsgrafik für die City-Tunnel-Station Hauptbahnhof Leipzig - (C) Freistaat Sachsen
Entwurfsgrafik für die City-Tunnel-Station Hauptbahnhof Leipzig – (C) Freistaat Sachsen
Entwurfsgrafik für die City-Tunnel-Station Markt Leipzig - (C) Freistaat Sachsen
Entwurfsgrafik für die City-Tunnel-Station Markt Leipzig – (C) Freistaat Sachsen

 

Entwurfsgrafik für die City-Tunnel-Station Wilhelm-Leuschner-Platz Leipzig - (C) Freistaat Sachsen
Entwurfsgrafik für die City-Tunnel-Station Wilhelm-Leuschner-Platz Leipzig – (C) Freistaat Sachsen
Entwurfsgrafik für die City-Tunnel-Station Bayerischer Bahnhof - (C) Freistaat Sachsen
Entwurfsgrafik für die City-Tunnel-Station Bayerischer Bahnhof – (C) Freistaat Sachsen

Eine Werbevideo gibt es natürlich auch, was Sie bei Youtube anschauen können oder aber gleich hier:

Und durch den City-Tunnel und das neue S-Bahn-Netz würde sich die Fahrzeit für mich zu meiner Arbeit enorm verkürzen. Wahrscheinlich ist dann damit nicht mal mehr ein Auto notwendig. Denn man kann wirklich alles, was man will, erreichen. Das ist schon phänomenal.

Das neue Netz

Netzplan des Mitteldeutschen S-Bahn-Netzes - (C) Freistaat Sachsen
Netzplan des Mitteldeutschen S-Bahn-Netzes – (C) Freistaat Sachsen

Die S-Bahn ist das Eine. Fernzüge das Andere. Auch die sollen alle durch den City-Tunnel fahren, wie man immer wieder hört. Aber für den Leipziger zählt, dass er möglichst schnell innerhalb seiner Heimatstadt umherkurven kann. Und das kann sehr gut gelingen mit der neuen S-Bahn durch den City-Tunnel.

Fazit

Ja, die Kosten sind sehr hoch. Aber Leipzig bekommt sehr viel dafür. Und der Leipziger Bürger bekommt ein völlig neues Lebensgefühl. Mitteldeutschland rückt nach Leipzig und Leipzig nach Halle und Halle in den Leipziger Südraum. Die positiven Effekte dürften sehr hoch sein.

Ja, ich habe gemeckert. Aber vermutlich wird am Ende alles gut, und vermutlich werden dann alle glücklich sein. Man sollte dem Ganzen eine Chance geben. Man verliert dadurch nichts.

Nein, ich habe von dem Artikel nichts. Nichts außer Ihre Aufmerksamkeit. Ich werde mir den City-Tunnel auf jeden Fall als Möglichkeit offen halten, um in Leipzig voran zu kommen. Denn mit dem Auto ist das immer schwieriger. Und was meinen Sie als Leipziger oder als jemand mit dem Blick von der Ferne?

Bildquelle: Mehrdimensionale Ansicht des City-Tunnel-Verlaufes, Stand Februar 2005 – (C) Freistaat Sachsen

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Ein Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Uhle,

    ich muss sie erstmal auf einen ihrer fehler hinweisen, es gibt keine S-Bahn linie S1E ansonsten muss ich sagen das die station bayrischer Bahnhof in der vision zwar gut aussieht aber in wirklichkeit mus dort irgend wie das geld alle gesen sein, sonst hätte man keine Sichtbetonbauweise gemacht dies betrifft auch die verteilerebene dort hätte man anstatt zwei treppen eine rollstuhlrampe bauen können die bis in den promenadeneingang geht bzw. hätte man vom Fahrstuhl am südeingang der nikolaistraße einen Tunnel bauen können wo man in den promenaden eingang heraus kommt, wenn man schon einmal beim bauen ist. aber an die Behinderten bzw. an Mütter mit Kinderwagen denkt selbst der architekt des Citytunnels nicht!

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