Einfachsoigkeit: Wenn ich nichts muss

Vor einiger Zeit habe ich über Einfachsoigkeit geschrieben. Damals ging es eigentlich nur ums Bloggen. Aber eigentlich geht das viel weiter. Was wäre denn, wenn wir uns alle mehr oder weniger darauf konzentrieren, keinem Algorithmus mehr gefallen zu müssen? Also nicht so wie: „Wer meine Meinung nicht akzeptiert, bekommt aufs Maul“. Sondern eher: „Ich mach das jetzt einfach, egal, was andere davon halten“. Lasst mich das mal erklären.

Plattform-Gebrüll FTW

Gestern fand das Finale des 70. Eurovision Song Contests in Wien statt. Ich bin da schon ein Freund dieses Musik-Events, lässt es doch Europa – und seit einigen Jahren auch Australien – näher zusammenrücken, zumindest für die Zeit. Es gab allerdings eins, was den Wettbewerb gespalten hat und sogar fast dazu geführt hat, dass gestern der ESC beerdigt werden musste: Die Teilnahme Israels. Und nein, ich will darauf in diesem Artikel gar nicht herumhacken. Ich meine etwas anderes.

Ich verfolge ja nur noch 2 Plattformen: Das Fediverse und Bluesky. Auf beiden Plattformen demonstrierte man vielwortig gelangweiltes Desinteresse. Man würde mal richtige Musik hören gehen. Ich las, dass man einen nicht „mit dieser Scheiße“ nerven solle. Vereinzelt kam es zu „Jaja, Deutschland darf Zahlemann und Söhne machen und soll sonst die Fresse halten“. Was soll dieses Gebrüll? Es gibt Millionen und Abermillionen, die das Spektakel verfolgen. Warum muss man das kaputt reden?

Und so geht das bei so ziemlich jeder Gelegenheit. Es ist so wie in dem Sketch: „Schatz, siehst du, wie mich die Wellen des Meeres küssen?“ – „Jaja, und draußen brechen sie dann“. Meine Fresse, wie ich das ganze Gesabber hasse. Seid froh, dass man nicht mehr mit Waffen innerhalb Europas aufeinander losgeht, sondern trällert. Natürlich ist das ein finanzielles Fiasko, aber es gäbe durchaus andere Themen, über die man diskutieren könnte.

Und mittendrin hocken dann Leute wie ich, die einfach Musik leben und deshalb so etwas wie den ESC gucken. Warum muss ich mich bemäkeln lassen? Und da rede ich nur von den beiden Plattformen. Ich will gar nicht wissen, was auf X, Instagram und Co. los war. Und ich kann auch gar nicht einschätzen, wie sehr diese Mäkel-Gefechte durch Bots und dergleichen befeuert wurden. Und was haben überhaupt KI-Dinge dazu veranstaltet? Es ist alles so brüllig. Nichts mit Einfachsoigkeit.

Das ist gefährlich

Wie gesagt, auf all den Plattformen ist jede Menge Gebrüll unterwegs. Darüber hinaus verquirlen uns KI-Systeme die Inhalte im Internet zu einer scheißegalen Masse. Ob tendenziös oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Wo ist denn da bei den Inhalten die entspannte Einfachsoigkeit? Ich will ja nicht die Welt retten oder auch nur verbessern, wenn ich irgendwas ins Internet schreibe. Mir geht es darum, meine Gedanken zu sortieren, sie aus dem Kopf zu bekommen und sie vielleicht mit euch zu diskutieren.

Das dauert oftmals länger als eine Brüll-Kaskade lang. Kommen die Artikel in Social Media an? Technisch ja. Aber sie sind halt Artikel und keine Posts auf irgendeiner Plattform. Im Strom der Posts geht sowas halt unter, es interessiert praktisch nicht. Aber meine Artikel sind dann halt langlebiger als irgendein Post. Insofern ist es auch so, dass man gegen das Vergessen bloggt. Nicht wegen Algorithmen, durch Dörfer getriebene Säue oder Wassergläser voller Shitstürme.

Deshalb steht oben unter meinem Namen auch: „Es waren nicht alle so“. Ich will einfach mein Ding machen. Und das ist doch dann das, was ich mit Einfachsoigkeit verbinde. Und wenn ich den Horst richtig verstehe, meint er vergleichbares. Diese kurzlebige Empörungskaskadenstrickerei auf Social Media, gepaart mit falsch bedienter KI und strategisch eingesetzten Fake News hingegen bilden ein Gebräu, was richtig gefährlich ist. Und dafür ist auch der ESC ein Sinnbild.

Ja, doch, die allergrößte Substanz ist bei den meisten Stücken nicht vorhanden. I get it. Aber geht es denn wirklich darum? Muss man deshalb drauflos scheppern? Oder geht es möglicherweise um einen riesigen Kindergeburtstag, wo einfach mal eine Zeit lang die Katastrophen der Welt Sendepause haben? Kann man das nicht einfach mal anerkennen? Aus einer Laune der Einfachsoigkeit heraus vielleicht? Es ist nur so eine Idee, aber vielleicht wäre uns damit geholfen.

Und meine gelebte Einfachsoigkeit?

Es gibt da so Sachen, die mir noch wichtiger sind als mein Blog. Na klar, meine Arbeit muss den ganzen Bums namens Lebensstil finanzieren. Und meine Musik liefert mir den Soundtrack zu dem ganzen Bums. Das wäre aber alles nichts ohne meine Frau. Wir haben uns irgendwann mal geschworen, uns niemals das Kindischsein nehmen zu lassen, einfach unser Ding machen zu können, die Macken des anderen gut zu finden. Das ist doch auch eine Art Einfachsoigkeit.

Ich muss im Urlaub nicht den nächsten Instagrammable Hotspot anfahren. Ich kann mich auch mit meiner Frau in einer beliebigen Kleinstadt des fremden Landes in einer Seitenstraße an heißem, starkem Kaffee und selbstgemachtem Brot erfreuen. Keine Sau muss im Leben irgendeine Tiktokkable Bucketlist abarbeiten. Hauptsache, in den Trends landen. Nö, das ist uns scheißegal. Kurz: Wir wollen einfach nur keine Arschgeigen sein, die andere mit dem Ellenbogen ausknocken.

Klar haben meine Lieder damit nur eine überschaubare Zahl an Streams. Aber ich kann mir selbst im Spiegel in die Augen gucken. Meine Frau und ich beenden nie einen Tag mit offenen Fragen. Das hat gewaltig mit Respekt zu tun. Und den muss man auch allen anderen entgegen bringen. Man muss ja auch andere Meinungen und Haltungen aushalten können. Es gibt Gründe dafür, und die sind meistens nicht gut für einen Vormittags-Aufreger-Post auf einer Plattform geeignet.

Natürlich ist es einfach, irgendwas plakatives von sich zu geben. Und was erreicht man damit? Ist der Schlüppi feucht geworden? Fein gemacht! Aber sein Ding aus der Einfachsoigkeit heraus zu machen, ist viel schwieriger, dafür ehrlicher und nachhaltiger. Und ich weiß, dass ihr wieder beim „internationalen Trällerfestival“ hängenbleibt und gar nicht fassen wollt, was ich mit dem Artikel eigentlich meine. So what, ich kann damit leben. Einfach so.

Einfach mal weitersagen

3 Kommentare zu „Einfachsoigkeit: Wenn ich nichts muss“

  1. Eine schöne Botschaft, Henning. Leider fürchte ich, dass die meisten auf solche Appelle nicht allzu viel geben – auch dann nicht, wenn sie so tun, als sei es anders.

    Weil du den ESC angesprochen hast: Früher, als ich jung war – also Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts – habe ich Musik, die nicht meinem Geschmack entsprach, ziemlich entschieden abgefertigt. Man hatte ja Haltung. Oder hielt das, was man dafür hielt, sehr überzeugend in die Luft.

    Leider merke ich, dass es mit meiner Toleranz in solchen Fragen bis heute nicht immer glänzend bestellt ist. Ich habe gestern Abend durchs Programm gezappt und dabei tunlichst vermieden, das Erste einzuschalten. Ich wollte gar nicht erst in Gefahr geraten … verzeih mir die Offenheit: Aber davon bekomme ich Ohrensausen.

    Andererseits: Wenn ich mit meinem Jazz um die Ecke komme, laufen auch manche empört davon. So ist das eben. Geschmacksfragen waren nie ein Hort des Weltfriedens – nicht erst in diesen Zeiten.

    Danke fürs Verlinken. Und ja: Ich meinte es natürlich auch genau so.

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  2. > Aber ich kann mir selbst im Spiegel in die Augen gucken.

    Das kann die Nasse-Schlüppi-Fraktion vielleicht auch. Weil sich für genauso normal hält, wie du dich für normal hältst.

    > Meine Frau und ich beenden nie einen Tag mit offenen Fragen.

    Geht der Nasse-Schlüppi-Fraktion vielleicht auch so. Wieso nimmst du an, dass es bei „denen“ nicht so ist? Kennst du solche Leute persönlich? Oder glaubst du nur, es müsse einfach so sein? Unwissenheit hat schon eine Menge Mist auf dieser Welt verursacht. Es ist besser, mit Leuten als über Leute zu reden.

    Vielleicht sind es im normalen Leben auch ganz normale Leute. Das ist bei Social Media womöglich wie bei vielen Autofahrern. Wehe, sie steigen in ihr Auto! Dann vergessen sie ihre gute Kinderstube und fluchen und schimpfen, was das Zeug hält.

    > Das hat gewaltig mit Respekt zu tun. Und den muss man auch allen anderen entgegen bringen. Man muss ja auch andere Meinungen und Haltungen aushalten können.

    Beim Zusammenhang zwischen Respekt und offenen Fragen kann ich dir nicht folgen. Magst du es erklären?
    Und eigentlich muss man im Leben gar nichts. Außer: Mit den Konsequenzen seines (Nicht-)Handelns klarkommen.

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