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Fahrerfreuden auf der Autobahn A9

Ich habe einen täglichen Arbeitsweg zwischen Leipzig und Dessau. Wie praktisch ist es da, dass es die Autobahn A9 gibt. auf der man die grenzenlose Schönheit des Autobahnfahrens erleben und erfühlen kann.

Ja, es schwingt Sarkasmus in dem Satz mit, denn es ist keineswegs ein ungetrübtes Fahrerlebnis.

Im Jahr 2008 wurde auf der A9 zwischen dem Rasthof Köckern und der Anschlussstelle Dessau-Süd festgestellt, dass die A9 wie so viele andere Autobahnen in Deutschland vom Betonkrebs befallen ist. Bei Betonkrebs handelt es sich um eine so genannte Alkali-Kieselsäure-Reaktion (kurz AKR), was die Bezeichnung für die chemische Reaktion zwischen Alkalien des Zementsteins im Beton und Betonzuschlägen mit alkalilöslicher Kieselsäure ist.

Beton darf keine nennenswerte Mengen schädlicher Bestandteile enthalten. Dies können unter anderem Betonzuschläge mit alkalilöslichen Kieselsäuren sein, die in feuchter Umgebung mit den Alkalien des Zementsteins (Na+, K+) reagieren. Dadurch kommt es zu Treiberscheinungen bzw. zu einer Volumenzunahme mit Rissen und Abplatzungen, welche das Betonbauteil stark schädigen können.

Nun hatte man sich gedacht, man lässt die betroffenen Stellen im Autobahnabschnitt reparieren. Anfang 2009, nach dem Ende der Frostperiode wurden die jeweils äußeren zwei Fahrstreifen in beide Richtung bearbeitet. Arbeiter stemmten die Spalten zwischen den Betonplatten auf und gossen eine dunkle Masse, die wie Teer aussah, in die Spalten.

Die Fahrstreifen wurden wieder freigegeben. Alsbald stellten wir beim Fahren fest, dass einerseits das Fahren auf den frisch verschmierten Spalten sehr unruhig war. Es fühlte sich an, als führen wir mit einem alten DDR-Zug über eine unsanierte Eisenbahnstrecke. Andererseits konnte auch beobachtet werden, dass die Masse durch das Überfahren aus den Spalten wieder herausgelöst wurde.

Eine Lösung musste  her: Eines Tages im Sommer wurde die Autobahn im Streckenabschnitt in eine Richtung gesperrt und in der anderen Richtung verengt. Was war passiert? Es begannen umfangreiche Arbeiten, um eine neue Teerdecke aufzubringen. Innerhalb von ein paar Tagen waren die Arbeiten in die eine Richtung abgeschlossen, und die Sperrung wurde umgelegt, damit die andere Richtung bearbeitet werden konnte. Der Verkehr wurde nun also über die frisch freigegebene Asphaltdecke geleitet. Nun können wir doch richtigen Fahrspaß haben, oder?

Nein, nicht im Geringsten. Die Abrollgeräusche der Räder wurden um vieles lauter, wenn man die neue Decke befuhr. Und zwar nahmen die Geräusche so sehr zu, dass mman schon Angst um seine Räder bekommen konnte. Aber ich fand mich damit ab, denn ich redete mir ein, dass die Geräusche bei zunehmender Abnutzung geringer werden würden.

Leider wurde ich auch hier in meiner Erwartungshaltung enttäuscht. Plötzlich fing mein Auto bei jeder Fahrt über den besagten Abschnitt an, wild zu klappern, und meine Räder hörten sich an, als führe ich ohne Luft. So lang es draußen dunkel war, als ich vorbeifuhr – also im Winter – war mir nicht klar, woher die Geräusche kamen. Nach dem Räderwechsel und Durchsicht wusste ich aber, dass der Fehler nicht von meinem Auto herkam.

Nein, ich fuhr nicht nur wegen den Geräuschen in die Werkstatt, aber das ist ein anderes Thema.

Also mussten die Geräusche woanders herkommen. Im Hellen betrachte, wurde mir das ganze Dilemma klar. Vor mir fahrende Autofahrer holperten auch über die Strecke. Es musste an der Strecke liegen. Als ich Beifahrer war, konnte ich mich dann ganz dem Belag widmen und habe mit Erschrecken festgestellt, dass der an sich frische Straßenbelag eigentümliche Beulen aufgetan hat.

Am 29. April 2010 schrieb dann die Mitteldeutsche Zeitung: Sie haben einen Durchmesser von bis zu 30 Zentimetern, eine Höhe zwischen zwei und vier Zentimetern. Und ihre Beseitigung wird Autofahrer auf der A 9 zwischen Dessau-Süd und Bitterfeld-Wolfen erneut vor Geduldsproben stellen. Davon abgesehen sind die Blasen, die sich im fast neuen Bitumenbelag breit machen, für die Experten ein Rätsel. Noch wissen sie nur, dass der Winter eine Rolle spielen dürfte und der jüngst extreme Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht den Schaden zutage treten ließ.

Jetzt soll die Autobahn im besagten Abschnitt wieder aufgerissen werden. Es steht noch nicht fest, wann das passiert, aber sicher ist, dass es passiert. Ich gehe allerdings auch davon aus, dass hier schon ein Termin feststeht.

Die A 9 zwischen Dessau-Süd und Köckern soll insofern ein Sonderfall sein, weil aufgrund baulicher Bedingungen ein eigens für diese Stelle entwickelter, wissenschaftlich untersuchter Belag verwendet worden sei. Ohne die Arbeiten “wäre uns die Autobahn bei diesem Winter hoffnungslos um die Ohren geflogen”, so Christoph Krelle vom Landesbetrieb Bau. Welches Ausmaß die Behebung der jetzigen Schäden haben wird, ist noch völlig offen.

Wegen der Situation auf der A 9 haben einige Beobachter den hartnäckigen Verdacht, dass trotz wissenschaftlicher Begleitung ein unausgegorenes Experiment gestartet wurde, das schief gegangen ist. Es stellt sich demzufolge die ernsthafte Frage, ob die A9 als eine der meistbefahrenen Autobahnen Deutschlands das richtige Testlabor für ein solches Experiment war.

Und wer trägt jetzt die Verantwortung für dieses schief gegangene Experiment? Der Steuerzahler, also der Autofahrer, der die A9 benutzt, soll mit Lohnsteuer, Kfz-Steuer, Öko-Steuer und Mineralölsteuer dieses Experiment bezahlen? Ich glaube, das wäre dann ein Skandal.

Laut Sachsen-Anhalts Verkehrsminister Daehre handelt es sich bei der Abenteuerstrecke zwischen Köckern und Dessau-Süd gar nur um ein Provisorium. Und ich glaube, dass sind schon die Vorboten für den echten Skandal, der vermutet wird.

Informationsquellen:

Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

2 thoughts to “Fahrerfreuden auf der Autobahn A9”

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