Gesichtspalme #23 – Likezig als neuer Unfug für Leipzig

Nein, ich wollte es nicht kommentieren. Ich wollte das neue Tretminengebiet in Leipzig umgehen. Ehrlich! Ich hatte so viel vor. Ich wollte lieber irgendeinen Marketing-Menschen ignorieren, als dass ich auf seinen Irrsinn eingehe. Wirklich! Es ist nicht meine Schuld.

Aber ernsthaft! “Likezig”? Geht’s noch? Wer hat sich das einfallen lassen? Und ist seine Stelle bereits ausgeschrieben? Seit Tagen schäumt das Leipziger Internet (auch so ein unsinniger Begriff) mit diesem neuen Marketing-Kram über.

Der “gemeine Leipziger” wird sich noch erinnern: Da wurden Heerscharen von Marketing-Hanseln in die Spur geschickt, um Leipzig als “Hip” rüberkommen zu lassen. Eigentlich eine ziemlich schicke Idee. Denn Leipzig ist ja eigentlich ziemlich gut. Nur in Sachen Eigenwerbung haben sie es noch nie so richtig drauf gehabt. Und so kam dann der Begriff”Hypezig” als Karikatur auf.

Was erst ausgelacht wurde, sah man dann bisweilen als netten Versuch an, mindestens so cool wie Berlin zu sein. Es gab eben nur einen Haken: “Arm aber sexy” war schon vergeben. Also musste man einen Hype in Gang setzen, und so kam es zu “Hypezig”. Irgendwie hat man sogar drüben am anderen Ufer des großen Teichs in den USA von Hypezig gehört. Und also konnte man das Ganze schon als Erfolg verbuchen. Und dabei war der Begriff nie etwas anderes als eine Karikatur.

Was war denn Leipzig immer? “Klein-Paris”, “die Stadt nahe Berlin”, “die Heldenstadt” – alles irgendwie so etwas wie der Kumpel, mit dem man gern ein Bier trinken geht, wenn andere keine Zeit haben. Nicht umsonst schrieb vor kurzem irgendein Fußball-Verein nicht vom “RB Leipzig”, sondern von “Red Bull Austria” oder so etwas. Und Leipzig verortete der Ortsunkundige auch gern mal nach Thüringen oder sonst wohin. Sprich: Man wusste, dass es Leipzig gibt. Aber das musste irgendwo in einer fernen Galaxis sein.

Dem musste abgeholfen werden. Denn man hat ja schließlich nicht nur Liebenswürdigkeit oder einen riesigen Wald oder tolle Einwohner oder eine einzigartige Architektur zu bieten. Nein, man hat einen riesigen Flughafen, einen City-Tunnel, eine große Messe, man ist bald Hafenstadt (ein Gag, der noch lange nachhallen wird). Leipzig ist nun wer. Und deshalb taugt der Spruch “Mein Leipzig lob ich mir” vom guten, alten Goethe nichts mehr. Da muss was herhalten, was “geil” ist. Und also musste sich die Facebook-Schickeria von Leipzig gedacht haben, dass man nun Facebook und Leipzig verkofferwortet. Und herausgekommen ist das unsägliche “Likezig”.

Aber das ist ja noch nicht alles, was man sich an Grausamkeiten erlaubt hat. Die Farben der 999 Jahre alten Stadt waren Ewigkeiten Blau und Gelb, und ich spreche hier ausdrücklich nicht vom Fußball des 1. FC Lokomotive Leipzig. Und was bringt man als farbliche Untermalung für die sprachliche Entgleisung “Likezig”? Soll das Bindenwerbung sein? Oder wie die Leipziger Internetzeitung befindet: Margarine oder Buttermilch?

Was “früher” noch witzig war, nämlich ein Blog über und mit “Hypezig”, wird es mit dem sprachlichen Totalschaden “Likezig” nicht geben. “Hypezig” ist immernoch mit der provinziellen Liebenswürdigkeit von “Klein-Paris” “bei Berlin” verbunden. Und André Herrmann, der diesen Tumblr-Blog betreibt / betrieb, hat hier all das aufgesammelt, das beschrieb, warum Leipzig ganz plötzlich und wie selbstverständlich der Nabel der Welt sein musste. Am Wochenende hat er im Weltnest verkündet, dass das nun zu Ende ist. Wegen – Sie ahnen es schon: “Likezig”. Das hat sogar die größte Zeitung der Region, die Leipziger Volkszeitung, als Anlass für einen entsprechenden Artikel hergenommen.

Leipzig hat mit diesem Unsinn alles an Potential, das man über die Liebenswürdigkeit und das teilweise Chaotische einsammeln konnte, aufs Spiel gesetzt. Und ich bin mir nicht sicher, wie viel Sympathien man durch diesen Unsinn verspielt hat. Auf jeden Fall ist dieser Blödsinn gut genug, um der Stadt Leipzig eine ausgewachsene Gesichtspalme zu verleihen.

Nebenbei: Ich hätte gern den Unfug “Likezig” mit einem Bild hier dokumentiert. Da mir aber die Rechte nicht klar sind, lasse ich das lieber bleiben. Aber auf den verlinkten Seiten finden Sie Bildmaterial. Aber Vorsicht, nicht schaudern, die Kampagne ist wirklich hässlich wie die Nacht.

Likezig Plakatmotiv – (C) Leipziger Freiheit / Ströer

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