Es ist die Zeit für Nachhaltigkeitsreisende. Kennt ihr solche Menschen? Sie werden euch mit recycelter Mikroplastik irgendwas erzählen. Nämlich, dass Pauschalurlaub und Massentourismus das Ende der Menschheit sind, und wer das macht, ein engstirniger Idiot ist. Dann setzen sie sich ans Lagerfeuer in ihrem Livestreams von der unbewohnten Seychellen-Insel und sinnieren über den Müllstrudel und plattgelatschte Uferböschungen. Ach, kommt, solche habt ihr doch sicher auch mal im Internet in irgendeinem sozialen Netzwerk gesehen.
Nachhaltigkeitsreisende: Ablasszahlung für den Infinity-Pool
Jetzt im Hochsommer macht sich alle Welt auf den Weg in den Urlaub. Das bedeutet für viele Familien – wenn sie denn wegfahren können – vielleicht Bauernhof, vielleicht Campingplatz, vielleicht aber auch Pauschalurlaub. Für viele andere Menschen, die sich anschicken, auf Biegen und Brechen „die schönste Zeit des Jahres“ zu verbringen, bedeutet das eben auch Pauschaltourismus in der 1000-Betten-Burg im Massentourismus. Es ist halt einfach praktisch.
Nachhaltigkeitsreisende hingegen rümpfen über sowas nur die Nase. Wie kann man denn nur? Ich habe auf YouTube und Instagram immer wieder solche Menschen gesehen. Die fliegen sonstwo hin, irgendwo in die weite Ferne und schippern dann mit dem Motorboot auf eine „einsame Insel“, die vielleicht gar nicht so einsam ist. Und dort erzählen sie dir dann einen von Nachhaltigkeit, direkt per Livestream aus dem Infinity-Pool. Natürlich nicht, ohne vorher den CO2-Ablass beim NGO zu entrichten.
Die erzählen tatsächlich der vierköpfigen Industriearbeiter-Familie, diese dürften nicht an den Goldstrand von Bulgarien fliegen und sollten es lieber so machen wie sie selbst. Die sechs bis acht Wochen im Jahr müssten doch drin sein. Jaja, ich übertreibe bewusst. Aber sowas sieht man tatsächlich im Internet. Ich meine, hey, es ist Sommer, natürlich kommen da die Reise-Influencer um die Ecke und wollen dir eine super-duper Reise andrehen.
Und wehe, das angeblich so einsame Eiland im Südpazifik ist gar nicht so einsam oder der Infinity-Pool fühlt sich gar nicht so „echt“ an. Dann hat aber der Arsch Kirmes! Dann wird gegen-influenct, dass Instagram wackelt. Mein lieber Scholli! Und weil das Alles so anstrengend ist, muss man dann natürlich eine ausgiebige Ayurveda-Kur mit anschließender Entschlackung machen. „Das könnt ihr euch auch gönnen mit meinem Rabatt-Code“. Übrig bleibt ein ganz fades Gefühl, wenn man so etwas sieht.
Nicht immer nur schimpfen
Nachhaltigkeitsreisende mit ihren Mitbringseln von fernen Kulturen und Batik-Bademänteln auf von der Sonne geküssten Felsen sind so eine richtige Pest. Dabei muss man nicht mal immer schimpfen. Mit meiner Frau bin ich jahrelang in Deutschland im Urlaub gewesen. Mal Ostsee, mal Thüringen, mal Mosel, mal Harz und so weiter. Wir waren auch im Riesengebirge. Man kann so etwas tatsächlich als Urlaub ansehen. Und mir reden Nachhaltigkeitsreisende da kein schlechtes Gewissen ein.
In diesem Sommer steht bei uns Balkonien nebst lokalen Aktivitäten an, da der Herbst für uns in Albanien stattfinden wird. Ich hab euch ja von Urlaubsplanung erzählt. Das wird eine spannende Nummer mit Ferienwohnung und Tagestrips und dortiger Kultur und all dem. Solche Leute, die ich hier im Artikel anspreche, sind sicherlich der Meinung, dass das auf keinen Fall gehen würde, weil da die Affen fehlen, mit denen man frühstückt und dabei zu sich selbst finden will.
Ich weiß aber, dass wir bei jedem Urlaub hierzulande erholt und erfüllt wiederkamen. Der anstehende Urlaub wird dem Ganzen die Krone aufsetzen. Da wir uns das so ausgesucht haben und keine solchen Typen sind, werde ich auch nicht von „echt“ erzählen können. Aber es wird eine großartige Erfahrung sein. Nachhaltigkeitsreisende werden im Fünf-Sterne-Hotel auf den Azoren wieder nur von fehlender Echtheit schimpfen. Dabei kann es viel besser laufen.
Wie steht ihr denn solchen Menschen gegenüber?
Nachhaltigkeitsreisende werden immer mit dem Finger auf andere zeigen, wie sie Pauschalurlaub machen oder so etwas, was wir geplant haben. Denn nur sie machen es richtig. Dazu haben sie schließlich das NGO gefördert, das sich im Regenwald an der Liane festkettet. Dann können sie schnell die Erleuchteten spielen mit Yoga auf den Felsen im Chagos-Archipel oder wo auch immer. Sie werden euch immer spüren lassen wollen, dass ihr es nicht richtig macht.
Darum mal die Frage: Wie geht ihr mit solchen Leuten um? Ich ignoriere die, so gut es geht. Das lässt sonst meine „Prana“ versiegen. Am Ende macht jeder Urlaub, wie man es am ehesten will und es am besten mit den finanziellen Möglichkeiten geht. Das Exklusiv-Gehabe dieser Menschen, die mit unserer Wirklichkeits nichts zu tun haben, sollte uns dabei nicht herunterziehen, oder?






Neuveröffentlichungen