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Piraten – Die Ratten verlassen das sinkende Schiff

Ich habe mal einiges von der Partei gehalten. Sie hätte viel bewegen können. Sie stand ja nicht nur für „Freies Internet für alle“ oder „Öffentlicher Nahverkehr ohne lästigen Fahrscheinkauf“. Sie stand für Menschenrechte, für Mitbestimmung, für den freien Bürger.

Ach, die guten, alten Zeiten. Bald wird man sich abends beim Bier mit verklärtem Blick sagen: „Hach, wisst ihr noch?“ Und dann wird es nicht mehr lang dauern, und die Piraten werden nur noch als Legende behandelt, von deren Wahrheitsgehalt man irgendwann vom Hörensagen her erfahren hat. Ich denke, das Piratenschiff ist schwer Leck geschlagen, und die Ratten verlassen dass sinkende Schiff. „Terra Titanic“ lässt grüßen.

Ich habe eine Weile lang das Treiben der Piraten beobachtet. Waren sie am Anfang ein putziger Haufen mit netten und guten Ideen, haben sie sich nach und nach ausschließlich nur noch mit sich selbst beschäftigt. Außer die Berliner Piraten. Denn die sind durch Mandate dazu verdammt, Politik zu gestalten. Aber im Großen und Ganzen habe ich immer wieder festgestellt, dass der orange Haufen gar keine Zeit für Politik hatte.

Es gab etliche Grabenkämpfe, Mitglieder wurden wegen Lapalien aus der Partei ausgeschlossen, andere hatten halt einfach keinen Bock mehr. Animositäten wurden öffentlich über kilometerlange Blog-Artikel ausgetragen. Und dem Twitter-Benutzer gingen sie eigentlich nur noch auf den Geist. Ich weiß das, denn ich hatte einige Piraten unter meinen Kontakten. Ein paar sind immernoch dabei. Aber: Die sind entweder nicht mehr bei den Piraten oder wenigstens nicht (mehr) in leitender Position.

Da gibt es immer wieder Ausschlussverfahren, und eigentlich will man sich gar nicht mehr damit beschäftigen. Die (ehemaligen) Parteimitglieder in meiner Timeline sind mir aber immer aufgefallen, weil sie vertretbare Ansichten haben. Jüngstes Opfer der Vabanque-Spiele innerhalb der Partei ist zum Beispiel Christopher Lauer. Der twittert unter @schmidtlepp. Aber eigentlich tut er das ja gar nicht. Obwohl, man liest täglich etwas von ihm. Aber das ist jetzt gar nicht das Thema.

Ich habe natürlich die Berliner Landespolitik nicht im Blick. Aber ich habe diverse Debatten über Youtube oder sonstwo nachgehört. Und da muss ich sagen: Schade, dass man den Lauer nie bundesweit richtig hatte tätig werden lassen. Der haut Freund und Feind in die Pfanne, um eine Politik für selbstbestimmte Berliner Bürger zu machen. Ich will da gar nicht so sehr in die Tiefe gehen. Involvierte wissen, was ich meine. Christopher Lauer war irgendwie immer die Sache an sich wichtig.

Der Christopher Lauer jedenfalls war sich mit dem Piraten-Chef Stefan Körner nicht grün. Irgendwie habe ich heute mitbekommen, dass jener Körner jenen Lauer aus der Partei schmeißen wollte, weil der ihn nicht leiden konnte. Tja, und was macht so ein schlauer Kopf wie Lauer? Der empfiehlt der Partei, den Kram künftig ohne ihn zu machen. So jedenfalls wurde es kolportiert.

Und so muss es wohl zuhauf innerhalb der Partei abgehen. So ein Haufen ist doch zur Politik gar nicht in der Lage. Das haben auch andere ehemalige orange Koryphäen mitbekommen, wie der Anwalt Udo Vetter, der Politiker Jörg Tauss, oder eben auch solche Leute wie Klaus Peukert oder, oder, oder. Das sind ja alles hoch intelligente Leute. Das weiß ich ja aus eigener Erfahrung.

Aber diese ganzen klugen Leute – Lauer, Vetter und Peukert verfolge ich mit ihren Meinungen – hat man nach und nach aus der Partei gedrängt. All diese klugen Leute haben mitbekommen, dass das, was die Piraten in Deutschland sind, nicht das ist, was sie als ihre politische Heimat ansehen. Ich denke, Chef Körner hat mit dem Grabenkampf gegen Lauer der Partei endgültig den Todesstoß versetzt. Da kann eine Anke Domscheit-Berg so viele Lichtmasten mit Strickwaren verzieren, wie sie will. Das wird alles die Partei nicht mehr retten.

Den letzten Funken Hoffnung hatte ich, als man Udo Vetter aufnahm. Aber den hat man ja offensichtlich auch vergrault. Und ich weiß nicht so recht, wieso man so ein totgerittenes Pferd künstlich am Leben erhalten muss. Ich hatte mir durchaus durch das Piratenschiff eine politische Bereicherung versprochen. Aber lasst den Kahn doch endlich absaufen.

Bildquelle: Logo der Piratenpartei Deutschland – By Musikdieb, edits by Kite [CC-BY-SA-2.0-de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons

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Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

5 thoughts to “Piraten – Die Ratten verlassen das sinkende Schiff”

  1. Hallo Henning,

    zu deinem Beitrag gäbe es Vieles zu sagen. Und etliches daran ist richtig. Trotzdem mag ich den nicht ganz so stehenlassen. Hier mal ein paar unsortierte Gedanken:

    Christopher Lauer ist ausgetreten. Jammerschade. Er ist ein Vollblutpolitiker. Intelligent. Aber hat einen bisweilen ätzenden Humor, ist ein Selbstdarsteller und hat nie die Absicht gehabt zu integrieren, sondern polarisiert. Auch solche Leute braucht die Partei – allerdings wären zur Zeit Integratoren, Brückenbauer, leise Macher im Hintergrund wichtiger als „Lautsprecher“.

    Es sind auch viele andere ausgetreten. Aber nicht erst in letzter Zeit. Schon immer haben gerade solche Leute, die leitende Positionen hatten, kurz danach hingeworfen. Vermutlich, weil sie sich ehrenamtlich den Arsch aufgerissen haben und dafür von der Basis nichts als Prügel bekommen haben. Strukturproblem, Geldproblem.

    Das „sinkende Schiff“ wurde schon oft beschworen. Wie gut, dass das nur eine nautische Metapher ist. Selbst wenn es nur noch 1000 Piraten gäbe, wäre die Partei noch da. Und hätte die Chance wieder aufzustehen. Und die Ideen, von denen du schreibst, sind ja auch immer noch da. Vielleicht werden sie von anderen oder neuen Parteien absorbiert. Um Pirat zu sein, muss man kein Parteimitglied sein – und schon immer waren nicht alle Parteimitglieder Piraten…

    Das mit den Parteiausschlüssen…hast du eine Idee, wieviele Leute tatsächlich ausgeschlossen wurden? Und warum? Und dass es mal ein massives Problem mit Rechten gab?

    Die Piratenpartei und ihre Symapthisanten waren schon immer ein anarchischer Haufen von Individualisten. Darin liegt kreatives Potential ebenso wie der Hang, sämtliche Strukturen und Hierarchien kaputtzumachen. Das sind bisweilen keine Grabenkämpfe, sondern eher Prügeleien alle gegen alle.

    Im Moment formieren sich scheinbar Lager (Flügel, Plattformen). Sekor und Lauer gehören unterschiedlichen Truppenteilen an. Sekors liberale Anhänger haben beim letzten Bundesparteitag gefühlt gegen die „linken Berliner“ gewonnen. Das hat zu Verstimmung bei den „Linken“ geführt. Aber früher oder später wird sich hoffentlich die Erkenntnis durchsetzen, dass man nicht so weit voneinander entfernt ist und nur gemeinsam etwas reißen kann.

    Trotzt aller berechtigten Kritik und mancher Frustration: man sollte die Piraten noch nicht abschreiben. Das Feuer ist einstweilen heruntergebrannt, aber die Asche glüht noch. Sie glüht so lange noch, wie es immer noch viele aktive Piraten, z.B. in den Landtagen und Stadträten, in lokalen und Bundes-AGs gibt, die konstruktiv arbeiten. Wart‘ mal ab, wie es aussieht, wenn sich der Rauch verzogen hat…

    1. Hallo und danke für den ausführlichen Kommentar.

      Ja, ich habe so viel mitbekommen. Auch das mit den Rechten. Und die vielen verschiedenen Strömungen habe ich auch mitbekommen. Im Prinzip ist es wie Fundis gegen Realos bei den Grünen. Nur eben öffentlich, sodass jeder außenstehende denkt, was das für ein Hühnerhaufen ist. Die verklagen sich gegenseitig? Was soll sowas?

      Wie gern würde ich glauben, dass der Kahn nur in schwere See geraten ist. Aber ich denke, es ist schlimmer.

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