Schweigen: Wieso tut man es nicht öfter?

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Ach, hätten sie doch geschwiegen! Das möchte man gern immer wieder sagen. Warum ist das mit dem Schweigen eigentlich so abhanden gekommen? Jeder meint, irgendwas zu irgendeinem Sachverhalt beitragen zu können. Selbst, wenn man davon gar keine Ahnung hat. Wann hat das eigentlich angefangen? Es gibt so viel wichtigeres, als dass man immerzu plappern müsste. Es ermüdet mich einfach.

Ich lasse mir nicht das Wort verbieten!

Kennen Sie das? Da tropft irgendein Thema durch die Welt, und wie von Geisterhand fühlen sich unzählige Menschen im Internet dazu genötigt, ihre Meinung dazu kund zu tun. Oft hört das aber damit gar nicht auf. Nein, da werden Falschinformationen breit getreten, nachweisliche Lügen als Wahrheit verkauft und das Gegenüber mit einer gegensätzlichen Meinung oder Haltung als ferngesteuert verunglimpft oder beschimpft.

Ich traue vielen Medien zu, dass sie die Situationen, über die sie berichten, schon korrekt einschätzen. Und ich meine damit „viele“ und nicht „alle“. Gleichwohl meine ich aber auch, dass man sich immer aus mehreren Quellen informieren soll. Irgendwelche Schnellschüsse sind bei vielen Themen einfach mal nicht angebracht. Konfrontiert man dann Menschen damit, bekommt man schnell „Ich lasse mir nicht das Wort verbieten“ zu hören.

Selbst, wenn man aufklärt und Nachweise erbringt, spielt das oft genug keine Rolle. Und deshalb habe ich mir irgendwann gesagt, dass ich zu verschiedenen Themen einfach schweigen sollte. Das betrifft Themen, bei denen ich mich nicht auskenne. Und das betrifft Themen, bei denen man mit den sprichwörtlichen Mistgabeln aufeinander losgeht. Das hat nichts mit dem Verbieten der Meinung zu tun. Es hatte mich einfach immer wieder ermüdet. Und ich will das nicht mehr.

Es ist kalt im heißen Deutschland

„Das haben wir nun davon, dass die Merkel ihre Qualitätsmenschen hergeholt hat“ – Na, schon mal gelesen oder gehört? Ich will gar nicht auf DAS Thema eingehen. Denn damit kommt man eh mit niemandem überein. Aber ich bemerke, wie kalt es in Deutschland geworden ist. Es herrscht Krieg in den Kommentarspalten und sozialen Netzwerken. Wohin das noch führen soll, ist unklar. Man kann sich nur selbst am Schopf packen und sich sagen, dass man nicht an diesem verbalen Schlagabtausch teilnehmen möchte.

Es gibt eine enorme Verrohung der Sprache. In Leipzig gab es eine Diskussion über Kindergärten ohne Schweinefleisch. Förmlich mit Mistgabeln sind da angebliche Menschen auf Mitmenschen losgegangen. Das Kita-Personal sollte an den Galgen oder standrechtlich erschossen werden. Wegen Schweinefleisch. Das in Absprache mit Eltern weggelassen wurde. Sogar der Oberbürgermeister musste sich letztlich dazu noch äußern.

Wir haben außerdem ein Freibad in Düsseldorf, in dem randaliert wurde. „Die Moslem waren’s“, hieß es. Ermittlungen ergaben, dass jeder Randalierer ein deutscher Staatsbürger war. Und jetzt? Und der verhaltensgestörte Kriminelle, der den Jungen und seine Mutter vor den Zug in Frankfurt geworfen hatte? Keiner der „Merkel-Freunde“, sondern ein treusorgender Familienvater aus Eritrea, der seit 13 Jahren in der Schweiz sozialisiert ist und dort gesucht wurde.

Was machen wir denn nur damit? Bewerfen wir uns weiter mit Sprüchebildern bei Facebook, dass man die „Zitterpappel“ – also Angela Merkel – aus dem Urlaub holen soll, damit sie sich ihr „Wir schaffen das“ anschaut? Die genannten Vorfälle haben nichts mit dem unsäglichen Ausspruch der Kanzlerin zu tun. Das macht Deutschland trotz 40 Grad im Schatten eiskalt.

Abknallen! Wenn die Sprache verroht…

Wenn irgendwas passiert, zu dem noch niemand irgendwas weiß, ist man derzeit sehr schnell dabei, die Zuwanderer (gleich welcher Art und mit welchen Hintergründen auch immer) als Verursacher zu identifizieren. Wie oft habe ich schon gelesen, dass man „die Musels abknallen“ soll, die „sich nicht benehmen“ können. Das meine ich mit der Verrohung der Sprache. Wer gibt den Leuten das Recht dazu? Wie schön wäre hier das Schweigen!

Die sozialen Netzwerke befeuern das Ganze auch noch. Durch den kaputten Algorithmus von Facebook zum Beispiel werden Menschen in ihrer Filterblase gefangen genommen. Und somit werden die sozialen Netzwerke zu wahren Echokammern. Und die Menschen verrohen immer weiter in ihren Äußerungen. Als Beobachter denkt man sich dann nur: Wie schön wäre es, wenn sie doch endlich schweigen würden.

Weist man darauf hin, dass das alles, nur nicht zivilisiert ist, wenn man andere Menschen als Freiwild bezeichnet, bekommt man schnell zu hören: „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!“ – Nein, darf man nicht, das ist keine freie Meinungsäußerung, sondern ein Straftatbestand. Ich bin es leid, mir so etwas anzutun. Nutzt man aber soziale Netzwerke, kommt man gar nicht umhin.

Was ist die Konsequenz?

Wer sich davor schützen will, mit Hetze egal aus welcher Richtung, Lügengebilden und Beeinflussung konfrontiert zu werden, kann eigentlich nur eines machen: Sich aus den sozialen Netzwerken zurück zu ziehen. Wer will denn eine andere Konsequenz propagieren? Man muss einfach den Mob für sich zum Schweigen bringen. Und das geht nur, indem man sich heraushält. Oder haben Sie eine andere Idee?

Für mich als Blogger bedeutet das, dass ich mich seit langem quasi gar nicht mehr mit solchen Themen beschäftige. Ich lese die Nachrichten dazu und bilde mir meine Meinung. Aber die kommt nur selten zum Vorschein. Das kann man eigentlich auch gar nicht anders machen. Und eigentlich ist es eine gute Idee, mal für eine Weile komplett die sozialen Netzwerke zu meiden.

Entschleunigung nennt man das. Sollen sich doch andere die Köpfe einschlagen. Ich will einfach kein Teil der Krawall-Netzwerke sein. Und dann kann man einfach schweigen. Das kann sehr gut klappen. Denken Sie nicht auch?

4 Kommentare

  1. Schweigen mag im Einzelfall der genervten Psyche gut tun, als allgemeines Rezept halte ich es für schädlich. Weil durch das Schweigen der Vernünftigen die Radikalen und Kämpferischen umso leichter den Eindruck erwecken können, in der Mehrheit zu sein.

    Siehe dazu auch:

    Für hassfreie, vernünftige Debatten – auch über Kriminalität bei Migranten
    https://www.claudia-klinger.de/digidiary/2019/08/04/fuer-hassfreie-vernuenftige-debatten-auch-ueber-kriminalitaet-bei-migranten/

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