Was wäre wenn… – Gedankenspiele zu Israel, Iran und Günter Grass

Die Hauptbeteiligten meiner Gedankenspiele sind heute einmal die Herrschaften Netanjahu, Ahmadinedschad, Obama, Grass und Westerwelle. Was wäre, wenn Irans Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad falsch verstanden oder übersetzt wurde? Würde nach einer eventuellen Korrektur eine vom Westen vorangetriebene militärische Auseinandersetzung dann noch bevorstehen? Ja, wenn man einfach mal Krieg spielen will, weil zu lange Frieden war. Aber sonst würden die gewetzten Klingen wohl weniger gekreuzt.

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte am 04.04.2012 ein Gedicht von Günter Grass. Das zu fragwürdiger Berühmtheit gelangte Werk “Was gesagt werden muss” setzt sich mit dem Konflikt zwischen Iran und Israel auseinander. Wie weitläufig bekannt, wurde der Literaturnobelpreisträger Günter Grass dafür heftig verhauen. Was wäre denn, wenn er Recht hätte?

Günter Grass schreibt von Ahmadinedschad als Maulhelden, in dessen Bereich mindestens eine Atombombe vermutet wird. Und genau das ist der Knackpunkt. Bislang wird sie nur vermutet, die Atommacht Iran. Niemand hat jemals Waffen gesehen. Grass schreibt weiter von dem anderen Land, das ein wachsendes atomares Potential hat, sich aber der Kontrolle entzieht. Er nennt dabei Israel nicht einmal beim Namen.

Es ist ja bewiesen, dass Israel über Atomwaffen verfügt. Und durch die Medien geisterten Meldungen, dass Israel durchaus willens ist, diese Waffen auch einzusetzen. Das Ziel dieser Waffen ist Iran. Dafür hat man sogar Landeplätze in Aserbaidschan erhalten. Und Israel wird zudem konsequent mit Waffen versorgt und unterhält eine schlagkräftige Pflichtarmee, die ein Muss für jeden Bürger des Landes ist.

Also Zwischenfazit:

  • Waffen auf israelischer Seite: u.a. atomar
  • Waffen auf iranischer Seite: atomar ist nicht bewiesen

Günter Grass schreibt weiter davon, dass jeder, der Israel kritisiert, sogleich als Antisemit hingestellt werden könnte. Gerade in einem Lebenslauf eines deutschen Bürgers wäre das ein sehr dicker Schönheitsfleck. Aus diesem Grund schweigt er, was den Namen des Landes betrifft. Hintergrund der sofortigen Brandmarkung als Antisemit ist ja der Umstand der deutschen Geschichte.

Aber ich frage hier einmal: Ist es nicht irgendwann einmal genug? Ja, was von deutschem Boden ausging, war eine schlimme und verachtungswürdige Angelegenheit. Aber: Der zweite Weltkrieg war 28 Jahre vor meiner Geburt zu Ende. Ich denke nicht, dass man von mir lebenslange Wiedergutmachung für Verbrechen verlangen kann, die ich nachweislich nicht begangen habe. Wenn ich also bei irgendeiner Sache etwas auszusetzen habe, möchte ich Kritik üben dürfen. Und wenn mir die Haltung Israels nicht gefällt, möchte ich diese Meinung vertreten dürfen. Alles andere ist für mich Diktatur.

Ich sehe nämlich keineswegs ein, dass sich Israel vogelfrei verhalten darf und keine völkerrechtlichen Regeln beachten braucht. Etwa 99% der Staaten dieser Erde sind ja auch dazu verpflichtet, gewisse Regeln zu befolgen. Da kann sich auch die Republik der Gottesstreiter (Deutung nach Altem Testament) an solche Regeln halten.

Günter Grass prangert also an, dass unter dem Deckmantel der Wiedergutmachung U-Boote mit Massenvernichtungswaffen an Israel geliefert wurden, und zwar von Deutschland. Und zwar, um gegen den Iran eingesetzt zu werden, dessen Atomwaffenbesitz immer fraglicher wird. Grass erklärt, warum er bislang nichts zu diesen Waffenlieferungen gesagt hat: Weil er aus Deutschland stammt, wo Israel-Kritik verpönt ist und als Antisemitismus abgestempelt wird. Und weil er als junger Bursche in der Waffen-SS war, weil er nur dort die Chance auf warme Mahlzeiten hatte. Und dann definiert er es punktgenau:

Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden

Er mahnt an, dass Deutschland durch die Waffenlieferungen zum Komplizen in einem Krieg wird. Dieses Verbrechen würde man dann nicht durch die üblichen Ausreden ungeschehen machen können. Er wirft dem berühmten Westen Heuchelei vor und hofft, dass durch seine Zeilen auch andere mal einen Ton gegen die israelverliebte Taktik sagen.

Was würde denn passieren, wenn Israel zum vermuteten Atomschlag ausholt? Halten wir uns kurz an Fakten: Fakt ist, und ich wiederhole mich da gern, dass dem Iran bislang niemand vorwerfen konnte, auch nur eine einzige Atomwaffe zu besitzen. Schießt nun Israel atomar auf den Iran, würden wahrscheinlich abklingende Atomkraftwerke, zivile Industrie und Zivilbevölkerung getroffen werden. Was sagt dann der viel gerühmte und allwissende Westen? Ooops, das war ein Versehen?

Ich will Ahmadinedschad ganz sicher nicht zum Heiligen oder wenigstens zum Gutmenschen machen. Zu stark sind die Vorwürfe der Unterdrückung seines Volkes. So richtig entkräften kann er – oder seine Sprecher – sie auch nicht. Aber ich bin der Meinung, dass auch hier wie bei anderen mutmaßlichen Verbrechern gilt: In dubio pro reo (Im Zweifel für den Angeklagten).

So lang niemand eine Rakete herzaubert, auf der das Siegel des Irans eingeprägt ist, und so lange keine Produktionsstätten für Atomwaffen nachgewiesen wurden, so lang sollte man diese Vorwürfe zurückstellen.

Aber woher kommt der Hass, dass nun Israel unbedingt auf den Iran losgehen muss? Uwe Ness schrieb in einem Artikel, dass es ganz einfach um ein Zitat aus einer Rede Ahmadinedschads geht. Dieses wurde nämlich falsch übersetzt. Uwe Ness geht sogar so weit, dass er mutmaßt, die falsche Übersetzung wurde bewusst so vorgenommen, wie sie öffentlich wurde. Es geht um folgenden Satz des iranischen Präsidenten:

in rezhim-e eshghalgar bayad az safhe-ye ruzgar mahv shavad.

Da nun die allerwenigsten meiner Leser des Arabischen mächtig sind – so wie ich auch – liefere ich gleich das mit, was Uwe Ness als Übersetzung liefert:

Das bedeutet: ‘Dieses Besatzerregime muss von den Seiten der Geschichte (wörtlich: Zeiten) verschwinden.’ Oder, weniger blumig ausgedrückt: ‘Das Besatzerregime muss Geschichte werden.’ Das ist keine Aufforderung zum Vernichtungskrieg, sondern die Aufforderung, die Besatzung Jerusalems zu beenden.”

Dieses Zitat hat Uwe Ness aus der Süddeutschen Zeitung, eben jenes Organ, das auch das Gedicht von Günter Grass veröffentlicht hat. Falsch übersetzt wird dann häufig behauptet, Ahmadinedschad hätte folgendes gesagt:

Israel muss von der Landkarte getilgt werden.

Seöbstverständlich, dass sich das Israel nicht gefallen lässt. Die Richtigstellung in der Süddeutschen liest sich dann doch etwas anders.

Heißt das nun, dass möglicherweise Israel wegen eines Übersetzungsfehlers einen Krieg anzetteln will? Ein solches Missverständnis ist in der fragilen Region Naher Osten äußerst fatal. hier sollte Klarheit geschaffen werden.

Wie gesagt, Ahmadinedschad ist alles andere als ein Gutmensch. Er ist ein Diktator. Er ist ein Despot. Er missachtet die Menschenrechte. Aber der Besitz von Atomwaffen scheint einfach nur falsch zu sein und lediglich als Verleumdung eingesetzt worden zu sein. Eigenartig ist aber, dass sich eine solche Falschpropaganda über einen solchen langen Zeitraum hält. Schließlich berichten Qualitätsmedien wie der FOCUS gebetsmühlenartig seit 20 Jahren von der Atombombe, die der Iran versteckt hält und bei Gelegenheit einsetzen wird. Ohne Nachweis kann man nur sagen: Etwas falsches wird nicht richtiger, wenn man es oft genug wiederholt.

Und um die ganze Sache rund zu machen, möchte ich meinem Lieblings-FDP-Politiker zustimmen. Guido Westerwelle hat gegenüber dem anderen der dollsten Qualitätsmedien – nämlich der Zeitung DIE WELT folgendes gesagt:

Eine atomwaffenfreie Zone im Nahen und mittleren Osten ist und bleibt das Ziel der Bundesregierung.

Jawohl, das wäre das höchste aller Ziele. Ich meine, wenn sich Israel anständig benimmt und auch andere machen lassen würde, müsste es sich nicht bis an die Zähne bewaffnen. Und wenn alle anderen Staaten der Region ein wenig mehr Anstand hätten, müsste kein Land das Nachbarland mit fadenscheinigen Themen bedrohen.

Aber das, lieber Guido Westerwelle, wird ein schier unerreichbares Ziel bleiben. Also sollte man diese Staaten entwaffnen. Und da stellt sich für mich die Frage: Was wäre, wenn man irregelaufenen Staatslenkern ihre Spielzeuge wegnimmt?

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