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Weitere Hintergründe zum Tagesschau-Shitstorm

Ich habe ja bereits kurz darüber berichtet, was da an Kommentarflut auf den Facebook-Kanal der Tagesschau einprasselte, weil diese jede andere Meldung den großen Protesten gestern in Spanien vorzog. Jetzt mit etwas Ruhe habe ich noch ein paar Dinge zusammengetragen, die durchaus interessant sind, will man in irgendeiner Weise das Geschehene einsortieren. Denn das hatte ich noch nicht vorliegen, als ich meinen ersten Beitrag zum Thema verfasste.

Also, da wollen wir mal. Ich habe etwas die Wasserstände überblickt. Und nun glaube ich, dass ich mir ein besseres Bild machen kann.

Warum diese starke Empörungswelle?

Zunächst einmal wechsle ich sofort die Begriffe. Es heißt ab jetzt “Empörungswelle”, da “Shitstorm” so etwas gossenhaftes an sich hat. Daher auch diese Überschrift. Nun aber mal zum Thema.

Ich glaube, der Tagesschau hat man es übel genommen, als so ziemlich das reichweitenstärkste Nachrichtenmedium im deutschsprachigen Raum sich derart mit der Berichterstattung rund um die Vorfälle vor dem spanischen Parlament zurückzuhalten. Da gibt es nichts zu beschönigen.

Ich habe einen Kommentar gelesen, der sinngemäß aussagte: Wenn schon nicht das laufende Programm unterbrochen wird, also teuer produzierte oder eingekaufte Sendungen unterbrochen werden, dann doch wenigstens eine Zwischeninformation zwischen den Sendungen oder ein Laufband. Man hätte auch einen Kurzbeitrag im Videotext und auf der Webseite veröffentlichen können und dazu einen Tweet bei Twitter absetzen können. Dann wäre man ja zumindest informiert gewesen. Aber so gänzlich mit Stummschaltung zu glänzen, das ist nicht die feine englische Art.

Das ist man nicht gewöhnt. Das muss ich auch zugeben. Ich verfolge ja auch die Nachrichtenlage bei der Tagesschau. Die Nachrichten – ich schrieb es bereits – sind mir um einiges lieber als woanders. Und die Tagesschau berichtet über alles mögliche. Und das twittern natürlich auch die Redakteure. Und das ist auch gut so. Ein paar Kostproben der letzten Stunden?

Ich denke, so in etwa sieht täglich die Nachrichtenlage bei der Tagesschau aus. Und nicht wundern bei den Links in den Twitter-Nachrichten. Die können allesamt zu einer Landeseite führen, die darüber informiert, dass die ARD das Leistungsschutzrecht unterstützt. Wer dann zur Nachricht will, der klicke dann auf der Seite rechts unten.

Jedenfalls denke ich, dass bei so einer Nachrichtenlage die Online-Redaktion auch etwas getwittert haben sollte, wenn halb Spanien auf das Parlament losgeht.

Die Tagesschau als fragwürdiges Nachrichtenmedium?

Diese Frage wird ernsthaft gestellt. Ich denke, das ist etwas zu hart formuliert. Ich meine, einen 82-jährigen Helmut Kohl muss man nun nicht zur besten Sendezeit zeigen. Man muss auch nicht jeden Windhauch kommentieren, der irgendwie Staub zur NSU aufwirbelt. Und wenn, dann muss man das nicht in dem Umfang tun, wie es die Tagesschau gestern gemacht hat. Wenn man sich das ehrlich überlegt, dann war die Dosis der Nachrichten einfach mal falsch. Bei anderer Dosierung hätte auch eine Information zu Spanien in die Sendung gepasst.

Naja, und es gibt eben die Online-Medien, aber das habe ich ja schon oben geschrieben.

Irgendwie wird man da als “gelernter DDR-Bürger” mit Schrecken daran erinnert, was die DDR-Medien alles verschwiegen haben. Die Montags-Demos in Leipzig und sonstwo mit teilweise so um die 500.000 Mann allein in Leipzig wurden von der DDR-Hauptnachrichten-Sendung “Aktuelle Kamera” schlichtweg als “Zusammenrottung einiger weniger subversiver Elemente” bezeichnet. Und dass man eine derartige Berichterstattung nicht zurückhaben will, dürfte irgendwie klar sein.

Es ist auch irgendwie so, dass man bei dem – nennen wir es – “Tagesschau-Gate” den Eindruck gewinnt, dass da irgendwo in Europa irgendwelche Reformen durchgeprügelt werden sollen, wie es Mutti Merkel und Opa Schäuble gern hätten, und das deutsche Volk eben nicht allzu viel von den Konsequenzen mitbekommen soll. Dumm nur, dass es in Zeiten der allgegenwärtigen Vernetzung so ist, dass solche Ereignisse eben nicht geheim bleiben. Eine kollektive Volksverdummung, wie sie in der DDR vollzogen wurde, konnte eben gestern nicht stattfinden.

Und somit kann man zusammenfassen: Hätte die Tagesschau auch nur irgendetwas brauchbares gestern abgesondert, die Empörungswelle wäre, wenn sie denn gekommen wäre, ungleich geringer ausgefallen.

Endlösung: Hose runter?

Die Tagesschau betont ja immer, dass sie ein unabhängiges Medium ist. Das behauptet ja die gesamte ARD. Man lasse sich nicht unter Druck setzen, man würde sich nicht politisch bestimmen lassen und so weiter und so fort. Allein die Tatsache, dass in den Aufsichtsgremien der ARD ganze Heerscharen von Bundes- und Landespolitikern sitzen, lässt mich an dieser Absonderung zweifeln.

Was mir immer gut gefallen hat, war eine Berichterstattung, die dazu angeregt hatte, selbst Dinge zu hinterfragen. Das hat die ARD gut hinbekommen mit ihren Formaten Tagesschau, Morgenmagazin und den ganzen Politikmagazinen. Um nun schnell wieder an Ansehen zurückzuholen, wäre es meiner Ansicht nach an der Zeit, wenn in der Tagesschau live Stellung zur Falschdosierung bezogen wird. Und ab diesem Zeitpunkt sollte man noch bissiger berichten.

Oft zeigen Tagesschau und Magazine der ARD ja eben erst auf, was alles falsch läuft in diesem Land. Ich glaube daher, dass sich die Kritik, die Tagesschau wäre politikbestimmt, nur bedingt halten lässt. Und gerade systemkritische Sendungen der gesamten ARD – und dazu zähle ich auch das überragende Medien-Magazin “ZAPP” vom NDR – legen oft den Finger in die Wunde.

Daran müssen sich die Nachrichtenmacher messen lassen. Und nur damit kann das hohe Niveau an Nachrichten und Zuschauern / Lesern / Followern usw. gehalten werden. Voraussetzung dafür ist aber meiner Meinung nach, dass sich mal jemand von der ARD hinstellt und sagt: Da haben wir Bockmist gemacht. Denn das ist es, was die Leute da wissen wollen:

Gesteht man einen Fehler ein und ist ehrlich? Oder macht man weiter nach Plan? Also ehrlich, da muss die ARD einfach mal die Hose runterlassen.

Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

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