Digitale Demenz: Der gescheiterte Schnürsenkel

Nein, ich mache hier keinen auf Dr. Google. Aber reden wir mal über digitale Demenz. Ihr wisst nicht, was das ist? Lasst uns mal gucken. Denn da gibt es ein paar Dinge, die man da beobachten kann. Das mag man nicht so schlimm finden. Bitte, dann übertreibe ich vielleicht wieder. Was aber, wenn nicht? Was, wenn die Menschheit eine Ansammlung von 8 Milliarden geistig minderbemitteilten Figuren werden wird? Also die Menschen, die kognitiv die größten Schwierigkeiten damit haben, sich die Schnürsenkel zu binden?

Was soll denn die digitale Demenz sein?

Der Horst brachte mich auf das Thema. Aber an sich ist das nichts neues. Seit über 10 Jahren gibt es den Begriff Digitale Demenz. Den hat Neurowissenschaftler Manfred Spitzer geprägt. Grob zusammengefasst ist es diese Krise, dass Menschen durch die vermehrte Nutzung digitaler Medien immer mehr mentale Defizite ausprägen. Man fragt liebt eine KI, statt dass man selbst nachdenkt. Merkt ihr was? Das knüpft an dieses Thema an.

Wir verlernen es schlicht und ergreifend immer mehr, Alltagstätigkeiten zu verrichten. Man befragt ChatGPT, wie man die Schnürsenkel bindet. Also, wenn man darauf kommt, wie die Dinger in den – dings – Schuhen genannt werden. Ja, das klingt echt übertrieben. Aber was wäre denn, wenn so ein Zustand tatsächlich erreicht werden sollte? Und was ist denn mit all den Kompetenzen, die uns als Menschen ausmachen?

Muss ich es erst wieder lernen, dass eine Herdplatte heiß sein kann? Soll ich erst googlen, wie ich einer schwangeren Frau in der Straßenbahn Platz mache? Durch die sozialen Netzwerke geht uns immer mehr Kompetenz verloren. Was dort nicht steht, gibt es nicht. Da aber die Timelines nur eine begrenzte Halbwertzeit haben, geht immer mehr verloren. Damit erleben wir immer mehr den Verlust des kollektiven Gedächtnisses. Und das meine ich, wenn es um digitale Demenz geht.

Egal, was ich erlebt habe: Das Internet hat Recht

Kennt ihr das? Ihr habt eine starke Erinnerung an irgendwas. Meinetwegen wart ihr in den Achtzigern bei einem sensationellen Konzert von eurer Lieblingsband. Ihr habt aber – wie es damals halt üblich war – keine Fotos von damals. Und so sucht ihr danach im Internet. Ihr findet aber nichts. Also fragt ihr in den sozialen Netzwerken nach. Da kann sich auch niemand erinnern. Und eine KI behauptet, dass es das Konzert nie gab. Spielt euch da die Erinnerung einen Streich? Hat das Netz Recht?

Und dann kommt Elon Musk um die Kurve und will die Geschichte umschreiben. Da sind wir schon extrem nahe am „Ministerium Für Wahrheit“ aus dem Roman „1984“ von George Orwell. Und was ist nun am Ende mit dem Konzert? Gab es das nun oder nicht? Im Archiv der lokalen Zeitung findest du dann die Antwort: Am soundso vielten 19-schlagmichtot fand das Konzert von deiner Lieblingsband statt, und da sind auch die Fotos dazu.

Heutzutage verlässt man sich viel zu sehr darauf, was „im Netz“ steht. Ob das nun stimmt oder nicht, spielt dabei gar nicht so die Rolle. Ich habe oft genug KI dabei erwischt, mir einen vom Pferd erzählen zu wollen. Und ich habe auf den Plattformen oft genug ekelhafte Lügen mitbekommen. Daher sind das für mich auch nur komische Netzwerke. Aber all das fördert leider kolossal die digitale Demenz. Gibt es da nichts, was man dagegen tun kann?

Sind wir der Entwicklung schutzlos ausgeliefert?

Horst schreibt in seinem Artikel, den ich oben ja verlinkt habe, dass wir wieder lernen müssen, hinzusehen, weg vom Bildschirm, hin zum Gegenüber. Und das ist sowas von richtig. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, ob meine Tochter noch eine Ahnung davon hat, wie man Schnürsenkel bindet. Aber das hatten wir ihr damals beigebracht, als sie in dem Alter war. Und wir hatten ihr vorgelesen, statt das Handy zu malträtieren. War das so etwas schlimmes?

Ich weiß ja, dass viele Heranwachsende fest mit ihrem Smartphone verwachsen sind. Das fällt mir häufig bei Kindern in der Nachbarschaft auf. Wenn du denen zuhörst, wie sie sich unterhalten, stellst du dir innerlich die eine oder andere Frage. Andere Kinder in der Nachbarschaft, deren Eltern mit ihnen immer etwas unternehmen, sind halt anders drauf. Jetzt fragt bloß nicht, warum das so ist. Daher halte ich eine Nutzungseinschränkung von Social Media für durchaus angebracht.

Aber wir müssen uns eben auch der menschlichen Tugenden erinnern. Man muss sich durchbeißen, wenn man ein Ziel erreichen will. Ich musste mich aus gesundheitlichen Gründen vor reichlich 20 Jahren neu erfinden. Das ist mir nicht leicht gefallen. Warum machen wir es uns denn heute vermeintlich so einfach und bemerken nicht mal, wenn uns eine ganz andere Welt vorgegaukelt wird als die, die tatsächlich existiert?

Ich habe von meinen Eltern damals mit auf den Weg bekommen, dass man sich und alles um einen herum immer wieder hinterfragen muss und den Status Quo neu bewerten muss. Sie haben mir auch beigebracht, dass das Leben, was man so hat, nie „gottgegeben“ ist und man es immer wieder neu verteidigen muss. Keine KI und kein Social Media kann uns diese Verantwortung abnehmen. Aber wir sind dabei, das Alles zu verlernen, weil die digitale Demenz so um sich greift.

Wenn wir unseren Kindern nicht weiterhin beibringen, wie sie Schnürsenkel binden oder wie ein Wald riecht, werden sie in Zukunft ChatGPT fragen, wie sie warmes Wasser zum Duschen bekommen. Legt daher mal das Handy beiseite und schaut hin, was um euch herum passiert. Setzt mal euer Gehirn zurück, indem ihr im Schlamm wühlt. Das ist besser, als im Unsinn zu scrollen.

Einfach mal weitersagen

2 Gedanken zu „Digitale Demenz: Der gescheiterte Schnürsenkel“

  1. Älter als die digitale Demenz ist die journalistische Demenz, vermittelt von Presse, Funk und Glotze, die dazu führte, dass Menschen in verblüffend kurzer Zeit alles wieder vergessen haben, was sie mühsam erlernen mussten: Rechnen, Biologie, Physik… aber immerhin, die Schnürsenkel haben die meisten noch geschafft. Das war ja auch lebenspraktisch wichtig. Andere Entscheidungen werden dann eher psychisch, also dumm, getroffen. Und ja, diese Infantilisierung wird heute technisch beschleunigt. Und ja, das ist gruselig. Vor allem, wenn man sieht, wie mit der Enthirnung des Lebens der Feudalismus zurückkommt.

    Setzt mal euer Gehirn zurück, indem ihr im Schlamm wühlt

    Mache ich, sobald der Schlamm wieder wärmer wird. 🐷

    Antworten
  2. Guter Artikel! Für mich besonders wichtig der Satz: „Man muss sich durchbeißen, wenn man ein Ziel erreichen will.“ 👏

Neuveröffentlichungen

Likes

Schreibe einen Kommentar

Um auf deiner eigenen Website zu antworten, gib die URL deiner Antwort ein, die einen Link zu der Permalink-URL dieses Beitrags enthalten sollte. Deine Antwort wird dann (möglicherweise nach der Moderation) auf dieser Seite erscheinen. Möchtest du deine Antwort aktualisieren oder entfernen? Aktualisiere oder lösche deinen Beitrag und gib die URL Ihres Beitrags erneut ein.

Mehr über Webmentions erfahren.