Goldfisch-Internet: Merkt ihr selbst, oder?

Ich finde den Begriff „Goldfisch-Internet“ irgendwie passend. Denn wir alle leiden an einer Aufmerksamkeisspanne wie bei diesen Tierchen. Ich will damit gar nicht auf irgendwen spezielles zeigen, denn mir geht es doch nicht anders. Wie oft schon haben wir es erlebt, dass wir irgendwas im Brustton der Überzeugung von uns geben und dann zu einem random Zeitpunkt einfach nichts mehr davon wissen (wollen)? Das habe ich selbst erlebt und auch bei anderen beobachtet. Also tut nicht so, als ginge euch das nichts an.

Die digitale Shopping Mall

Der Piehnat hat hier in seinem Artikel schon Recht: Wir leben im Zeitalter der endlosen Scrollerei, und um die wenigen echten Informationen herum blüht die Blinkerei. Man kommt sich vor wie in einer Shopping Mall, einer Einkaufspassage. Nur eben nicht irgendwo in einer beliebigen Stadt in der Innenstadt, sondern eben im Internet. Gerade jetzt zwischen Black-Sonstwas und Weihnachtsangeboten ist das echt schlimm geworden. Und wir werden dadurch immer unaufmerksamer.

Dadurch scrollen wir wie die Weltmeister. Darüber schrieb ich bereits vor längerer Zeit mal. Und neben den ganzen Angeboten, die ja meistens keine sind, haben wir auch noch die „Jahresend-Rallye“ zu allerlei politischen Themen, die unbedingt noch „im alten Jahr“ verhackstückt werden müssen. Diese ganze Themenschlacht wiederum verusacht dann halt endlose Diskussionen, Shitstorms, süffissante Wortmeldungen voller Sarksamus und heillos viele Einordnungen.

Also ist das Internet derzeit so, dass wir durch eine digitale Shopping Mall schlendern, in der wir von allen Seiten mit Angeboten, Theorien und „Extrablatt“-Rufen vollgeschrieen werden. 5 Schritte weiter, und all das war so viel, dass wir vergessen haben, was vor diesen 5 Schritten war. Das meine ich mit Goldfisch-Internet. Es ist alles viel zu viel. Man kommt wieder zuhause an, schlägt die Tür hinter sich zu und denkt sich: Endlich Ruhe! Bis der Zirkus wieder von vorn anfängt.

Lasst das Goldfisch-Internet hinter euch

Kann ein Goldfisch außerhalb des Glases überleben? Ich glaube schon. Er ist halt nicht daran gewöhnt. Und nein, ich bin kein Zoologe, dass ich mich nun zu dieser Theorie hinreißen lasse. Ich meine halt nur, dass wir alle rausmüssen aus diesem Ich-verliere-meine-Reichweite-wenn-ich-nicht-poste-Hamsterrad. Ich habe vermutlich in diesem Jahr wesentlich mehr Artikel hier im Blog fallenlassen als in den Jahren davor. Warum also palavere ausgerechnet ich davon?

Weil es richtig ist. Mir ging dieser Tage auch das Fediverse wieder tierisch auf den Sack. Facebook ist zur reinen digitalen Shopping Mall verkommen, Bluesky fühlt sich nicht richtig an. Jetzt nehmen wir mal an, ich würde auch immerzu dort noch irgendwas neben meinen Blogartikeln abwerfen, ich käme ja zu gar nichts mehr. Ey, und das hatten wir doch alles schon mal. Und irgendwann dreht man sich im Kreis. Wie diese possierlichen Tierchen in ihrem Goldfisch-Glas.

Genau deshalb fiel mir das Goldfisch-Internet ein. Ich weiß, dass ich ab und zu Themen wiederhole und mir vielleicht hier und da auch mal widerspreche. Ich glaube, das wurde mir auch schon mal vorgeworfen. Aber mal im Ernst, ich bin nun mal auch Teil im Goldfisch-Internet. Warum soll ich mich an das erinnern, was vor 5 Minuten war? Dabei ist das, was der Piehnat im oben verlinkten Artikel so schreibt eigentlich genau das richtige.

Lassen wir unseren Goldfisch namens Seele frei. Niemand muss in dem Hamsterrad des ewigen Postens und Scrollens gefangen sein. Ihr merkt hoffentlich selbst, dass das nicht ewig so weitergehen kann. Lasst mal alle dieses Goldfisch-Internet hinter euch und fangt wieder an, irgendwas bewusst im Internet zu machen. Der Piehnat kommt Gärten. In denen soll man seine Gedanken einpflanzen, sie gedeihen lassen und ihm dann Zimtsterne backen. Und das ist eine schöne Metapher.

Einfach mal weitersagen

2 Gedanken zu „Goldfisch-Internet: Merkt ihr selbst, oder?“

  1. Naja… so würde ich es nicht unterschreiben. „Seit euch bewusst, was ihr tut!“ wäre mein Pendant dazu. Manchmal, auf der jagt nach Produkten zum Beispiel, vergisst man schnell, hält sich an Parametern fest… Dann bin ich da schon gern der Goldfisch. Leute, die nur noch „Goldfisch“sind, die erreichst Du ohnehin nicht mehr.

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  2. Ein weiterer Nebeneffekt ist auch die Gegenseite: Je mehr Content konsumiert wird umso mehr Müll wird produziert.

    Und ich bin zu alt für diesen Mist. Echt. Ich habe (theoretisch) überall Accounts: Facebook, X, Bluesky, TicToc, Insta … whatever. Ich nutze… alle paar Tage mal Mastodon. Facebook ist voller Werbung (das einzige was ich mir auf dem Video anschaue ist der Countdown), KI-generiertem Zeug und pseudo-lustigen Videos. X kannst du vergessen, soviel hate und getrolle kann man nicht länger als 20sek ertragen. Bluesky (in meinem Universum) zu inhaltsleer – wenn da in der Timeline willkürlich drölfzig „Guten Morgen“ (von mir gänzlich unbekannten Leuten) eingespielt wird ist das ebenso sinnlos.

    Aber wenn ich ansehe, was sich die Leute im Umfeld alles bei SocialMedia (wieso ist dessen Abkürzung nur so zweideutig) antun frage ich mich innerlich: Warum? Ist die eigene Lebenszeit so wertlos, dass man die damit sinnlos vergeuden muss? Ich kenne Leute, die klicken sich stundenlang durch SM, sammeln immer wieder Rezepte (um auf deine Verlinkung zu Piehnat zurück zu kommen) – haben aber keins umgesetzt. Gucken wie andere Leute Musik machen (zig Videos wie irgendwelchen total unbekannten Heimkünstlern oder Schulchören) statt selbst die Gitarre oder das Keyboard in der Ecke in die Hand zu nehmen. Und was irgendein Pseudo-Promi X über seine Kindheit erzählt, Y über Z labert, wer welche Klamotten anhat – ehrlich: Who cares? Die sollen ihren Job machen und gut. Ich frage auch nicht meinen Bäcker, ob mir die eine oder andere Jacke besser steht, oder?

    Deshalb – wenn ich Piehnats Zahlen nehme: Im Schnitt sind es ca. 70% der Erwachsenen, die mehr als eine Stunde pro Tag damit verbringen. Lass es pi*Daumen 55 Millionen Jugendliche/Erwachsene sein, die täglich (also 365 Tage im Jahr) je über 1h in SM unterwegs sind. Das sind 20 Milliarden Stunden im Jahr, die für diesen Kram vergeudet werden. Mal als Gegenbeispiel: Zur Zeit nehmen 1,1 Millionen Schüler Nachilfe. Bei 3h/Woche und 40 Schulwochen werden somit 132 Millionen Nachhilfestunden gegeben. Würde nur 1% der SM-Abhängigen sagen „schei# auf Facbook, ich mach was sinnvolleres und gebe in der Zeit meinem Lieblingsfach ehrenamtlich Nachhilfe“ würden allein diese mehr für die Bildung tun als alle Nachhilfeinstitute zusammen. Aber lieber tötet man seine eigenen Gehirnzellen durch den SM-Konsum ab statt die Zeit produktiv zu nutzen…

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