ActivityPub: Ans Fediverse abgeben lernen?

Der eigene Blog kann mehr, wenn man ihn loslässt. Ist das wirklich so? Ist das Protokoll namens ActivityPub echt so stark, wie es klingt? Ihr werdet lachen, aber es ist mal wieder die Zeit, dass man darüber diskutiert, wie sehr man den eigenen Blog ins Fediverse wandern lässt. Und ich bin dabei völlig ehrlich: Ich tue mich extrem schwer damit. Aber es kann gut sein, dass das der beste Weg ist, die Bloggerszene überleben zu lassen: Lass los. Und ich denke mir: Na, wenn das mal gut geht.

Mein Blog bisher

Ich opere ja schon eine ganze Weile mit dem Plugin vom Mattias Pfefferle rum, das meinen Blog per ActivityPub direkt als Instanz ans Fediverse anflanscht. Zugegeben, das hatte alles erstmal den Anschein, als ob das eine weitere Trete-deine-Artikel-automatisiert-in-der-Welt-breit-Funktion ist. Mittlerweile folgen meinem Blog im Fediverse doch schon knapp 50 Leute. Wie viele davon „Karteileichen“ sind? Keine Ahnung. Und ich glaube, wir müssen uns hier auch von Zahlen freimachen.

Jedenfalls habe ich es bisher immer so gehandhabt, dass ich über die Buttons unter jedem Artikel diesen dann zu Bluesky und Mastodon und mit direktem Posten des Links auch zu Facebook geteilt habe. Letzteres übrigens nur, weil ominöserweise von dort immernoch irgendwelche Zugriffe kommen. Naja, und dann habe ich eine automatische Bridge von meinem Blog zu Bluesky, die – verzögert – meine Artikel auch dort fallenlässt. Aber das Alles taugt nur bedingt etwas.

Wenn ich so gucke, woher die meisten Zugriffe hier auf dem Blog kommen, dann stammen die zu 60% aus Suchmaschinen, zu 10% aus dem RSS-Feed und zu einem erheblichen Teil aus „direkten Zugriffen“, was immer das bedeuten mag. Das hat mich dazu bewogen, immer daran festzuhalten, meine Blogartikel nur als Appetitshappen – als „Gruß aus der Küche“ – in den RSS-Feed und ins Fediverse zu kippen. Ich dachte halt auch, dass das Thema VG-Wort noch irgendwie relevant ist.

Scheinbar sind aber diese Zeiten komplett vorbei. Es kursieren derzeit so die Meinungen, dass es den Bloggern doch eigentlich recht ist, wenn ihre Blogartikel immer so nach dem Geschmack der lesenden Person dargestellt werden, und dass es super ist, dass dann Reaktionen darauf im Blog dargestellt werden. Dazu ist ActivityPub in der Lage. Und eigentlich funktioniert das hier im Blog auch ganz gut. Und nun soll man sich wirklich trauen?

ActivityPub sagt: Lass los

Slipping through my fingers all the time
I try to capture every minute
The feeling in it
Slipping through my fingers all the time
Do I really see what’s in her mind?
Each time I think I’m close to knowing
She keeps on growing
Slipping through my fingers all the time

„Slipping Through My Fingers“ von ABBA

Kennt ihr das Lied von ABBA im Zitat? Mein Blog ist mein Baby. Im April 2009 habe ich den aus der Taufe gehoben. Und nun soll ich einfach so – öhm – loslassen? Ich soll es ActivityPub überlassen, wie Artikel beim Empfänger ankommen und angezeigt werden? Also das, was ich ständig schon bei meiner Musik dazu schreibe: „Streamt doch, wo ihr wollt“? Das soll ich jetzt auf dem Blog einführen? Und das, obwohl ich vor kurzem noch bei Mastodon erzählt habe, dass ich dort keine langen Texte haben will?

Ja, mit ActivityPub ist mein Blog direkt ein Teil im Fediverse. Die Posts zu Beiträgen meines Blogs erscheinen direkt in der Timeline der Follower des Blog-Accounts. Und zwar egal wo im Fediverse: Mastodon, Friendica, Pixelfed, Sharkey oder so. Und wenn ich die Beiträge vollständig im Fediverse anzeigen lasse, dann sind das halt richtige Beiträge auf den Plattformen. Dann können die Follower des Blogs die Beiträge direkt dort lesen.

Und damit tue ich mich echt schwer. Auf der einen Seite betone ich ja immer, dass es für Blogger am wichtigsten ist, dass sie überhaupt gelesen werden. Auf der anderen Seite sollen die Follower bitteschön das Ganze im Blog machen. Warum nicht dort, wo diese es wollen? Naja, und dann ist es durchaus auch so, dass ich diese Einstellungen im ActivityPub nicht richtig verstanden habe. Aber was der Steffen da schreibt, klingt vielversprechend.

Hemmung!

Wie war das denn in diesem so genannten Damals? Man stand als Junge im Steinbruch an der Kante und hat damit geprahlt, da runter ins Wasser zu springen. Alle anderen Rotznasen standen um einen herum und krakeelten: „Hemmung!“ – Das ist der „Machst du sowieso nicht“-Singsang, den wir alle kennen. Das ist für mich eine riesige gedankliche Herausforderung. Ich höre schon die Weisen aus Morgenland Mastodon: „Das macht man so, und ich würde nie einen Blog lesen, der so altertümlich ist“.

Ich glaube, viele sitzen noch dem Irrtum auf, dass man mit einem Blog irgendeine Einnahme generieren kann. Ich schließe mich da nicht aus, da ich den Pixel der VG-Wort hier integriere. Und seitdem das die Verwertungsgesellschaft automatisiert abwickelt, ist das auch echt alles entspannt. Wenn dank ActivityPub die Artikel aber direkt in der Timeline von – sagen wir mal – Friendica gelesen werden, wird dieser Besuch ja ncht gezählt.

Aber heutzutage bringt das eh nichts mehr ein. Artikel – ob von News-Seiten oder aus Blogs – werden halt lieber ungeschönt gelesen, z.B. als vollständige RSS-Anzeige. Und ich glaube, die Anzeige der vollständigen Artikel im Fediverse ist nichts anderes. Wer weiß, vielleicht hätte ich ja „Milliausende“ Leser mehr, wenn ich dahingehend umdenken würde. ActivityPub macht das ja möglich. Aber dann steht die zehnjährige Rotznase an der Kante und hat „Hemmung“.

Nein, die VG-Wort kann man nicht mehr als „Ausrede“ gelten lassen. Waren es mal „einige hundert Euro“, die die jährliche Ausschüttung brachte, konnte ich bei der letzten froh sein, dass es überhaupt nochmal dreistellig wurde. Also gibt es immer weniger einen Grund, warum ich meinen Blog nicht weiter öffnen sollte. Wer weiß, wenn ich das mal besser verstanden habe, probiere ich das vielleicht mal aus. Statt Steinbruch-Kante vielleicht das 5-Meter-Brett.

Fazit

Das Bloggen geht dank ActivityPub in eine neue Ära. Eigentlich will ich da schon ein Teil davon sein. Aber ich hab da halt irgendwie Schiss davor, was alles passieren kann. Es klingt sehr verheißungsvoll, was mit dem Plugin von Matthias so möglich ist. Ich bin davon überzeugt, dass damit den speichelleckenden US-Plattformen mit ihren zum Teil extremistischen Besitzern die Stirn geboten werden kann. Ich meine, wir sind ja nicht bei LinkedIn, Twitter, Facebook oder so. Wir sind im Fediverse.

Ich glaube, wir müssen uns am Ende davon verabschieden, irgendwie einzigartig zu sein und deshalb an unseren Texten festhalten und diese in unseren Blogs einschließen zu müssen. Hat denn jemand schon vollständig den eigenen Blog im Fediverse publiziert und kann da von Resultaten erzählen? Ein reines „Siehst du schon“ oder „Joar, ist geil“ ist dabei nutzlos. Vielleicht hilft es mir dann doch, von der Kante ins Wasser zu springen.

Henning Uhle
Henning Uhle

Es waren nicht alle so.

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17 Gedanken zu „ActivityPub: Ans Fediverse abgeben lernen?“

  1. @henning-uhle.eu Kennt eigentlich jemand eine #ActivityPup Komponente oder ein entsprechendes Plugin für #Joomla? Ich hatte mal etwas probiert mir aber damit das Blog zerschossen. Any ideas?

  2. Ich bin kürzlich von WP zu ghost umgestiegen und da ist die Fediverse-Funktion direkt mit eingebaut, sodass alle meine Artikel (vollständig) im Fediverse landen.

    Ich glaube schon, dass ich dadurch mehr Leser erreiche und es kommen auch Leser zum „eigentlichen Blog“, da in den Artikeln ja auch interne Links sind, die geklickt werden.
    Es kommt aber noch dazu, dass ich auch „Community-Artikel“ habe, die für Abonnenten im Blog lesbar sind.

  3. Eine weiteren Vorteil sehe ich aber auch darin, dass die Vernetzung der Blogs dadurch gefördert wird (auch wenn es nur im Kommentar-Bereich ist. Wenn ich komplette Fediverse-Blogartikel kommentiere/like, erscheint das auch in den Blogs der Autoren, was dem Autor einen Kommentar beschert und mir selbst einen „kleinen“ Backlink. Glaube, dass sich das auf lange Sicht echt auszahlt.

  4. @henninguhle du kannst es ja aber z.B. so handhaben, dass nur ein festgelegter ausschnitt in das Fediverse übergeben wird…

    Ich habe das Beitragsformat z.B. so eingestellt:

    <h2>[ap_title]</h2>

    <p>[ap_excerpt]</p>

    <p>[ap_hashtags] [ap_hashcats]</p>

    <p>Link: <a href=“[ap_shortlink]“>[ap_shortlink type=“html“]</a></p>

    Dann kann man selber bestimmen wie viel geteilt wird.

    Antworten
  5. Was meinst du denn mit „vollständig den eigenen Blog im Fediverse publiziert“?

    Dass ich die kompletten Artikel ins Fediverse poste und nicht nur den Link dazu? Ich glaube, das würde mir auch schwer fallen.

    Antworten
  6. Diese Hemmung hatte ich lange, bzgl der Auslieferung des kompletten Beitrags im RSS. Ich habe es vor ein paar Wochen dann auf vollständig umgestellt und es hat überhaupt nicht weg getan. Zumindest sind laut Matomo meine Leser per RSS nicht dramatisch eingebrochen.

    Darüber, dass nun der Blogartikel vollständig nach Friendica o.ä. ausgeliefert wird, wo man das Format nicht mehr selbst bestimmen soll, habe ich mir gar keine Gedanken gemacht. Da ja die Reaktions auf dem Blog landen, finde ich das auch nicht weiter schlimm. Wer es lieber dort lesen möchte, statt auf meinem liebevoll erstelltem Design, soll das gerne machen.

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  7. @henning-uhle.eu Danke für deine Ehrlichkeit. Ich würde manchmal auch es gerne haben, wenn alle nur im Blog direkt lesen. Aber wer – wie ich – Creative Commons und #OpenBlogging sagt, der … daher finde ich das #ActivityPub Plugin faszinierend. Bin gespannt, wohin der Weg 2026 geht. Danke für deinen Artikel.

      • @henning-uhle.eu Deine Hemmungen kann ich nachvollziehen. Es ist ein umdenken und doch auch ein großer Schritt in eine doch fast schon neue Art sein Blog zu denken.
        Also ruhig langsam angehen. Ja, diesbezüglich bin auf die Entwicklungen im Jahr 2026 gespannt. Insbesondere auch was das #ActivityPub Plugin für #Wordpress betrifft.

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