Sind Blogs für den Niedergang des Journalismus verantwortlich? Ist es tatsächlich so einfach und so schwarz-weiß zu sehen? Ich habe Zweifel. Und da will ich echt niemandem irgendwas böses. Aber mir scheint, als müsse ich meine Sicht auf das Bloggen und auf den Journalismus nochmal neu erklären. Es kann ja nichts schaden, das immer mal wieder nachzuschärfen. Wir müssen uns also mal wieder mit der Funktion von Blogs und Journalismus auseinandersetzen.
Ich wollte mich immer austauschen
Als ich vor 75 Jahren nach Leipzig zog, also kurz vor gestern und fast neulich… In meiner Kindheit gab es hier in Leipzig mehrere Zeitungen. Das DDR-weit vertriebene kommunistische Blatt „Neues Deutschland“, das es bis heute aus Berlin gibt, die „Leipziger Volkszeitung“ und das „Sächsische Tageblatt“. Ich weiß, dass meine Eltern die „LVZ“ gelesen haben. Und ich weiß, dass Nachbarn mit den genannten „Kommunisten-Schmierblättern“ nichts anfangen wollten und auf das „Tageblatt“ schworen.
Irgendwann wurde ich politisiert. Ich glaube, ich habe einen ganz guten Kompass mit auf den Weg bekommen. Und ich habe mich immer gern ausgetauscht. Man kann schon sagen, dass ich immer schon ein ziemlicher Labersack war. Aber das Ganze in einem beruflichen Rahmen zu machen, war für mich unvorstellbar. Journalismus war für mich immer irgendwie suspekt. Was war ich dann froh, als ich das mit dem Bloggen herausfand und als Social Media zu einer Nummer wurde.
Seitdem konnte ich mich nach Herzenslust austauschen. Klar, ich schoss immer schon dann und wann mal übers Ziel hinaus. Und außerdem lag ich oft genug auch mal falsch. Ich empfinde das als menschlich. Und nachdem ich immer mehr Erfahrung sammeln konnte, konnte ich auch mit Kritik gut umgehen, so lang sie sachlich ist. Aber es blieb unterm Strich halt ein Austausch, ein Sortieren von Gedanken.
Wenn mich ein Thema extrem beschäftigt, bin ich froh, wenn ich da ein Ventil habe. Das ist die Hauptfunktion, die ich für meinen Blog sehe. Wie mit dieser Iran-Nummer dieser Tage. Wenn ich mir ein Thema von der Seele geschrieben habe, ist es aus meinem Kopf raus und belastet mich nicht mehr. Und ich sehe anhand der Reaktionen zu letztem Artikel, dass ich nicht allein bin mit meinen Gedanken zu der Geschichte. Das ist für mich Bloggen.
Blogs sind kein Journalismus
Durch diesen Artikel beim Stefan wurde ich nun auf diesen Artikel beim Gunnar aufmerksam. Leute, wir wollen uns doch nicht streiten. Das machen die ganzen Gehirnamputierten in staatstragender Rolle schon zu Genüge. Aber wirft letzterer den Blogs gerade irgendwas in Sachen Geisteshaltung vor? Ich will echt nichts böses, weil ich den Gunnar auch echt gern lese, wenn ich dazu komme. Aber das klingt so, als seien Blogger allesamt nicht ganz dicht.
Was bitte hat er daran auszusetzen, dass viele Blogger nur zum Spaß bloggen? Das ist doch wie bei meiner Musik: Professionelle Musiker haben Jahrzehnte lang darüber abgelästert, dass Hobby-Musiker ja quasi nichts können. Und jetzt? Jetzt sind es die Hobby-Musiker, die die Trends setzen und sich auch mal was trauen, wo dann die Profis dann mit all ihrer Armada aufspringen. Oder was glaubt ihr, woher der Trend mit Melodic Techno und Melodic House vor ein paar Jahren kam?
Nein, Blogs, wenn sie wie hier privat betrieben werden, sind Spielwiesen, Experimentierfelder, Plattformen zum Austausch und Dialog, manchmal auch sowas wie ein Korrektiv. Aber all das oft genug graswurzelig und ganz sicher nicht professionell. Ich habe ja nicht mal irgendwas mit Journalismus am Hut. Wieso sollte ich dann meinen Blog als Journalismus bezeichnen? Ja, ich hab das vor vielen Jahren mal, weil ich da auf auf irgendwelche schreihälsigen Labertaschen gehört habe. Aber das Thema ist ja wohl hoffentlich durch.
Dürfen Blogger nicht publizieren?
Gunnar schreibt etwas davon, das so klingt, als dürfe Publizieren keinen Spaß machen. Machen Journalisten den Job etwa nicht, weil er ihnen Spaß macht? Geht es echt nur ums Geld? Wären manche Journalisten mit Spaß bei der Sache, würde vielleicht manche Ausgeburt an Publikation diverser Lächerlichmachung standhalten. Wie war das mit dem KI-Bild bei „heute“? Oder anders: Wie kommt es, dass so viele Journalisten auf das Lamentieren der Populisten hereinfallen?
Ich werde weiter publizieren, weil mir das Spaß macht. Ich erhebe keinen Anspruch darauf, ein Journalist zu sein. Von denen erwarte ich, dass sie mir die Welt einordnen, dass sie mir das ganze Chaos erklären, dass sie Wahrheit von Lüge unterscheiden und das auch klar und – heutzutage – in Echtzeit darstellen. Dafür werden sie bezahlt. Klar, das steht alles auf wackeligen Füßen. Aber hauptsächlich, weil die echten Finanzierungsmodelle einfach nicht greifen.
Und mal ehrlich: Wenn eine journalistische Nachrichtenquelle (egal welche, ich unterscheide da nicht) mir nachvollziehbar Unsinn erzählt, darf diese nicht erwarten, dass ich sie dafür in Zukunft bezahle. Würden wir unseren Kunden Unsinn erzählen, würden die auch ihre Verträge bei uns kündigen. Wir müssen im hochpreisigen und hochklassigen IT-Service jeden fucking Tag neu unter Beweis stellen, dass wir die Preise wert sind. Das müssen Journalisten auch.
Blogger haben da echt den Vorteil, dass sie sagen können: „Einen feuchten Dreck muss ich“. In Blogs müssen wir uns an geltendes Recht halten. Und zumindest für mich und viele derer, die auch bloggen, gilt, dass man den Anstand wahrt. Wir sind aber keine ausgebildeten Medienmacher, wir haben häufig Journalismus nicht studiert. Es liegt an den Journalisten, das darzustellen. So, wie es an mir liegt, meine Fähigkeiten in meinem Beruf darzustellen.
Darf ich also über meine Tätigkeit im IT-Service hinaus nichts machen? Darf ich kein Hobby-Musiker sein und keinen Blog betreiben, weil das ja Spaß macht? Auf die Blogs geguckt, von denen ich zumindest schon mal gehört habe, kann ich sagen, dass keiner den gut gemachten, echten, wertvollen, tiefgründigen und reellen Journalismus weg kannibalisieren will. Mir scheint, hier wurde echt ein wenig übertrieben. Aber da kann ich falsch liegen.
Epilog
Diese Zeitung „Neues Deutschland“ gibt es bis heute. Sie gilt als „Sprachrohr der Linken“. Keine Ahnung, mir gefällt der Stil nur nicht, aber sonst bewerte ich das nicht. Die „Leipziger Volkszeitung“ wird nicht mehr in der „Medienstadt Leipzig“, sondern zum großen Teil bei Madsack in Hannover hergestellt, was sich ganz entscheidend auf den Inhalt auswirkt. Darüber hinaus gibt es aus Leipzig die „Leipziger Zeitung“ / Leipziger Internetzeitung“, die ich extrem gern lese.
Ich informiere mich ausschließlich über eine einzige Nachrichtensendung am Tag. Das mag mal die Tagesschau sein, mal ist es das Heute-Journal und manchmal eben MDR Aktuell. Es wird viel zu wenig das gemacht, was man von Journalismus erwartet: Das aktive Nachfragen, die Feststellung, dass etwas wahr oder falsch ist und, und, und. Stattdessen ist überall nur noch etwas von Klickgeilheit zu riechen. Das gibt es auch bei manchen Blogs. Aber das kann doch nicht der Maßstab für Journalismus sein, oder?






Wie immer ist es ein Schwarz-Weiß-Denken.
Ja, scheint so. Dabei ist es halt nicht so einfach.
Ein Teil meiner Motivation, über politische Themen zu bloggen, ist dass ich in den „großen“ und „traditionell vernünftigen“ Medien einen ungünstigen Trend beobachte. Und zwar wird anscheinend immer mehr auf Klickfähigkeit gesetzt. Sie unterwerfen sich öfter als es mir lieb ist den Algorithmen und Mechanismen der Techbroplattformen.
Blogs und professioneller Journalismus müssen nicht in Konkurrenz stehen, auch wenn ich die Sorgen nachvollziehen kann und den Frust darüber, wenn ein Berufsjournalist immer wieder angefragt wird, ob er nicht mal was kostenlos machen kann. Da müssen wir uns vielleicht auch alle drauf besinnen, dass solider Journalismus etwas kostet. Ich habe zum Beispiel „Perspective Daily“ abonniert. Weil ich mich auch oft dabei erwischt habe, wie ich über Bezahlschranken schimpfe. Weil ich mich auch so an die kostenlosen Nachrichten gewähnt hatte.
Wie Lorenzo sagt, das Problem ist vielschichtig. Aber als Bloggerin sehe ich mich in dieser Geschichte beim besten willen nicht am langen Hebel, um diese „Pro Bono“-Anfragen zu verhindern.
Danke für den Beitrag. Ich werde weiter bloggen und podcasten, solange es mir Spaß macht. Und weil ich in dieser Situation, in der wir gerade stecken, einfach nicht den Mund halten will.
Ja, so sehe ich das ja auch. Und davon sollten wir uns auch nicht abbringen lassen.