Zu viel: Guck ich mir später an

Ich habe grad keine Zeit, ich guck’s mir später an. Kennt ihr das? Wie oft macht man das dann? Es wird doch eh alles zu viel in letzter Zeit. Und weil wir eben alles auf irgendwann verschieben, vergessen wir es dann. Und ja, ich meine „wir“ tatsächlich so. Es betrifft ja nicht nur die eine oder andere wunderliche Person. Es ist vielmehr so, dass uns allen irgendwie alles über den Kopf wächst. Nennt man das jetzt „Information Overload“ oder so? Und ist es nicht herzlich egal?

Es ist alles irgendwie zu viel

Ich lese abends immer noch ein bisschen. Ja, ich bin ehrlich: Ich habe einen vollen Feed Reader. Und durch den scrolle ich durch und öffne das, was mir interessant genug vorkommt. Und dann? Dann bleiben die Tabs auf dem Handy offen. Ich weiß gar nicht, wie viele Tabs das bei mir im Moment sind. Aber ich weiß, dass ich zu viel offen habe. Man nimmt sich dann vor, das Alles irgendwann später zu lesen. Aber macht man das denn dann auch? Ich wäre mir da nicht so sicher.

Wie ist das denn wirklich? Irgendwann haben wir vergessen, warum wir dies und das eigentlich lesen wollten. Oder die Welt hat sich viel zu schnell weiter gedreht, und der Artikel ist schon längst überholt. Es gibt vielerlei Gründe, warum wir alles mögliche aufhäufen und dann einfach so vom Tisch fegen. Also: Warum öffnen wir all die Artikel und – weil sich die Welt weiter gedreht hat – schließen dann all die Tabs wieder? Weil es zu viel ist.

War das immer schon so?

Ich beziehe mich mal nur auf diese ganze Read-Later-Sache. Klar, ich könnte die Artikel einfach im Feed Reader lassen und in den Später-Lesen-Bereich reinspeichern. Aber auch da grinst mich eine Zahl an. Da ist also auch was drin, was ich noch lesen wollte. Wann mache ich das? Irgendwann später. War das immer schon so? Oder ist einem nur alles zu viel durch die ständige Beschallung durch Videos, Reels, Plattformen, Breaking News, dies, das und – nicht zu vergessen – jenes.

Wer sich früher informieren wollte, war auf Zeitungen, Radio und / oder Fernsehen angewiesen. Ja, auch das konnte zu viel werden. Aber das Angebot war einfach mal begrenzt. Wir konnten uns mit allem möglichen beschäftigen. Und wenn der Schädel zu voll wurde, sind manche hingegangen und haben ihren Kopf leer gemacht. Was einen so beschäftigt hatte, floss in ein Tagebuch. Das gibt es alles irgendwie nicht mehr. Deshalb haben wir alle eine Aufmerksamkeisspanne eines Goldfisches.

Ich habe den Überblick verloren

Wer oder was ist gut oder böse? Was ist echt, was manipuliert? Welche Folgen hat dies und das? Leute, das ist mir echt alles viel zu viel. Ich habe komplett den Überblick verloren. Das ist der Grund, warum ich bisher nichts zum Berliner Südwesten, zu Venezuela, zum BSW und zu all dem anderen Chaos geschrieben habe. Und ja, ich fühle mich gut dabei. Irgendwann muss man halt auch mal festhalten, dass man sich nicht mit allem beschäftigen kann. Bin ich da jetzt ein Goldfisch? Egal.

Mich hat es lange Zeit extrem gestresst, mich über alles mögliche informieren zu wollen. Aber ich lasse mich nicht mehr stressen. Der „Information Overload“ hat mich einmal klein gekriegt, das schafft der nicht nochmal. Deshalb muss ich wohl meine Tabs auf dem Handy einfach mal schließen. Danach muss ich wieder etwas mehr aufpassen, dass es mir nicht zu viel wird. Ich kümmere mich nur noch um das, worauf ich einen Einfluss habe. Anderes kann ich doch eh nicht ändern.

Jaja, ich werdet jetzt sicher sagen: Das Weichei zieht den Kopf ein. Ja, und? Wisst ihr, wie egal mir das ist? Dann denkt halt diesen Quatsch, wenn es euch selig macht. Ich werde mich schon zu Wort melden, wenn ich was zu irgendeinem Thema zu sagen habe. Aber Maduro, Trump, Putin, Selenskyi, Xi, Merz, Grönland, Venezuela, Ukraine, Betrug, Krieg, Gewalt, Terror und so weiter und so fort? Ich weiß nicht, ob ich da die Hysterie mit anzünden muss. Gut tun würde mir das nicht, darum lass ich das.

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4 Gedanken zu „Zu viel: Guck ich mir später an“

  1. Mit der „Verweigerung“ liegst Du voll im Trend, ich kenne viele Leute die das so machen, der tägliche Overkill an Informationen ist kaum noch auszuhalten. Das schlimme daran: man ist hilflos. Diese Hilflosigkeit macht einem dann ein schlechtes Gefühl- bei mir machen sich dann Existenz- und Zukunftsangst breit. Kriegsgefahr steigt, Artensterben, Klimawandel, Trump, Nethanjahu, Ukraine, Putin, Verbrenner aus- aus, KI im Arbeitsleben, die vielleicht meinen Job gefährdet… Und das täglich in allen Netzen und Kanälen. Vieles tue ich mit Sarkastischen Bemerkungen ab. Ich denke, es ist eine Art Schutzreaktion, denn wir haben keine „Schutzräume“ mehr.

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  2. Hallo Henning,
    was du beschreibst, kann ich gut nachvollziehen. Auf dem Handy lese ich allerdings nicht, das wäre mir zu unübersichtlich. Meine Lesestunde/n verbringe ich am PC, lese jedoch immer gleich, was mir interessant erscheint (aus GoogleNews, Blogroll, Feedreader). Weniger gut läufts mit Tipps, die ich per Mail bekomme, da vertage und vergesse ich das Lesen dann schon mal, weil es nicht in meiner „Lesestunde“ reinkommt.
    Weit mehr betrifft mich der Info-Sturm zu „Maduro, Trump, Putin, Selenskyi, Xi, Merz, Grönland, Venezuela, Ukraine, Betrug, Krieg, Gewalt, Terror und so weiter und so fort?“ Den Stress „da möchte/sollte ich drüber bloggen“ kenne ich gut, habe ihn aber mittlerweile ganz gut im Griff, indem ich bei Horst Schulte kommentiere, der zum Glück in hoher Schlagzahl zu Aktuellem postet. Das Kommentieren befriedigt den Impuls, dazu etwas sagen zu wollen, auch sehr gut! Und natürlich nicht nur bei Horst, er ist nur herausragendes Beispiel, viele bloggen ja eher nicht zu den laufenden Ereignissen.

    Des weiteren informiere ich mich nachmittags/abends zu bestimmten Themen auf Youtube. Da habe ich den Info-Overload schon regelrecht körperlich gespürt! So ein Stressfeeling im Bauch, das mir das Anschauen längerer Videos verleidet, wenn nämlich die Publisher so ihre Längen im Vortrag haben… :-)

    Was grundsätzlich hilft: Sich „erden“, wie es so schön heißt. Weg von den verlockenden Bildschirmen, rausgehen oder was körperliches in der Wohnung tun, kochen, putzen etc., natürlich auch Sport, aber momentan kann ich mich eher nicht aufraffen, das Haus zu verlassen und ins Fitnesscenter zu gehen…. :-)

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  3. @henning-uhle.eu hab ich kommentiert

  4. Ich denke oft, ich bin die Einzige, der es so geht. Rational betrachtet ist das natürlich Quatsch. Denn andere haben ja nicht mehr Zeit als ich. Aber in meiner Vorstellung lesen und kommentieren die so viele Blogartikel, wie ich hier als Tab geöffnet habe. Dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, da rigoros weniger Tabs zu öffnen, so verlockend das auch sein mag. Diese „Les ich dann später“-Liste belastet mich nämlich auch sehr, und letztes Jahr habe ich mal auf meinem Smartphone Tabs geschlossen, das waren in zwei Browsern 1300. Vollkommen unrealistisch, dass ich mir diese Informationen irgendwann noch mal effektiv ins Gehirn speichere. Und wenn ich schon jetzt in den Weihnachtsferien nicht den ganz dollen Leseschub bekommen habe, dann wird der auch nicht mehr kommen, wenn ich wieder regelmäßig unterrichte.

    Und ich kann mir auch vorstellen, dass die ganzen kurzen Lunten und blanken Nerven da draußen zum großen Teil eine Folge dieser Überflutung und Überforderung sind. Da hilft jeder, der auch mal sagt, dass er zum Thema XY bewusst nicht genug weiß, um sich da mit reinzuhängen.

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