25 Jahre „Both Sides of the Story“ von Phil Collins

1993 kam Phil Collins mit seinem 5. Solo-Album „Both Sides“ um die Ecke. Huch, das war anders. Vor allem „Both Sides of the Story“ ließ ziemlich aufhorchen. Denn wir können uns drehen und wenden, wie wir wollen, aber die Nummer bringt gehörig Wut mit sich. Ich glaube, dass man das den knapp 7 Minuten auch anhört. Aber was bitte ist das für ein grandioser Knaller gewesen!

We need to hear both Sides of the Story

Du findest dich in der Gosse in einem einsamen Teil der Stadt wieder, wo der Tod in der Dunkelheit wartet mit einer Waffe, um Fremde nieder zu metzeln. Er schläft mit einer leeren Flasche. Er ist traurig und ein Mann mit leerem Herzen. Alles, was er braucht, ist ein Job und ein bisschen Respekt, damit er herauskommen kann, so lang es noch geht. Wir müssen immer beide Seiten der Geschichte hören.

Der Nachbarschaftsfrieden ist erschüttert, es ist mitten in der Nacht. Junge Gesichter verstecken sich im Schatten, während sie beobachten, wie sich Mutter und Vater streiten. Er sagt, sie war untreu. Sie sagt, ihre Liebe für ihn ist weg. Und der Bruder sagt mit zuckenden Schulter zu seiner Schwester: „sieht so aus, als ob wir ab jetzt auf uns gestellt sind“. Wir müssen immer beide Seiten der Geschichte hören.

Hier sind wir nun alle zusammen in dem, was aussieht wie das Zentrum des Sturms. Nachbarn, die einmal freundlich waren, stehen jetzt auf beiden Seiten der gezogenen Linie. Sie haben hier seit Jahren gekämpft. Aber jetzt gibt es Morde auf der Straße, während kleine Särge traurig aneinander gereiht sind, jetzt in der Niederlage vereint. Wir müssen immer beide Seiten der Geschichte hören.

Ein weißer Mann geht um die Ecke und findet sich in einer anderen Welt wieder. Ein Kind aus dem Ghetto greift ihm an die Schulter und schleudert ihn gegen die Wand. Er sagt: „Würdest du mich respektieren, wenn ich nicht diese Waffe hätte? Denn ohne sie bekomme ich keinen Respekt, deshalb trage ich eine.“ – Wir müssen immer beide Seiten der Geschichte hören.

Und die Lichter sind alle an. Die Welt schaut jetzt zu. Menschen suchen nach der Wahrheit. Wir dürfen sie jetzt nicht enttäuschen. Sei dir sicher, bevor wir unsere Augen schließen: Geh nicht weg von hier, bis du beide Seiten angehört hast.

Phil Collins gegen Fake News

Ja, auch in den Neunzigern gab es Fake News, es gab sie eigentlich immer. Und es gilt seit jeher der Grundsatz: Wenn du nicht aufpasst, bist du ganz schnell an einer Schwelle zum Hass und zur Wut angekommen. Man muss immer beide Seiten betrachten. Die Zeitungen und Medien schaffen es immer wieder, dass Menschen andere Menschen unterdrücken, indem nur eine Seite oder ein Teil einer Geschichte erzählt wird.

Phil Collins hatte mit „Both Sides of the Story“ sich an seiner eigenen Wut abgearbeitet. Das gesamte Album hat er im Alleingang aufgenommen. Ohne Gastmusiker, ohne Band, ohne Produzenten. „Both Sides“ ist sein dunkelstes Album mit einem überragenden Titelstück über die die fehlende Ganzheit der Wahrheit. Es ist leicht, auf andere zu zeigen. Es ist viel schwerer, aber auch ehrlicher, sich zu ihnen zu setzen und abseits von Vorurteilen ihnen einfach mal zuzuhören.

Wir erleben es derzeit wieder, dass durch Filterblasen, Fake News und Vorurteile die Geschichte nicht vollständig und nicht richtig erzählt wird. Und was folgt aus unvollständigen Geschichten? Genau das, was wir erleben: Wut und Hass. Das ist im Kleinen so mit dem Fremdgehen der Mutter der beiden Kinder. Das ist im Großen so, wenn die Gesellschaft auseinander bricht und Gewalt die Oberhand bekommt. Insofern ist „Both Sides of the Story“ ein immer aktueller Weckruf.

Phil Collins und Fans gespalten

Nein, das Album ließ die Glücksgefühle nicht überschäumen. Und speziell das Titelstück „Both Sides of the Story“ ist eben kein „In the Air tonight“, „You can’t hurry Love“ oder „One more Night“. Es ist eher die Maschinengewehr-Version von „Another Day in Paradise“. Es sollte nie Popmusik werden, was der Brite da produziert hatte. „Both Sides of the Story“ sollte aufrütteln. Dazu bedarf es spröder Musik und Finger in der Wunde.

„Both Sides of the Story“ wurde nicht so der Welthit wie „A groovy Kind of Love“. Das sollte es aber auch nie werden. Und das ist auch gut so. Die Nummer wird trotz Sechs-Dreiviertel-Minuten Spielzeit nicht langweilig. Und es werden die Probleme aufgezeigt, wegen derer es schon die blutigsten Auseinandersetzungen gab. Das hat Fans und Musiker gespalten. Aber er musste den Finger in die Wunde legen. Vielleicht hat es ja Langzeitwirkung. Wer weiß das schon?

Das Lied

Das Video folgt dem Text im Lied. Es wurde in New York aufgenommen. Also in der Stadt, wo die sozialen Gegensätze der USA am heftigsten aufeinander prallen. Das offizielle Video wurde mit erweitertem Datenschutzmodus eingebunden.

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