Bangaranga: Der ESC ist United by Chaos

I’m the bangaran, Bangaranga… Da wisst ihr Bescheid. Der ESC 2026 in Wien hatte mächtig was zu bieten, unter anderem Dara als Siegerin. Und zwar so eine Siegerin, dass man schon froh sein konnte, das nur im Fernsehen verfolgt zu haben. Wer weiß, vielleicht kam es ja zu wildem Entsetzen, zu Tumulten, zu sonstwas. Aber – und das ist das Gute – Darina Nikolaewa Jotowa, also Dara aus Bulgarien, hat mit ihrem Siegerlied den Eurovision Song Contest davor bewahrt, an seinem 70. Jubiläum beerdigt zu werden. Es war ein Gemetzel.

Bangaranga: Was ist damit denn gemeint?

Erwache zum Leben, ergib dich den blendenden Lichern. Niemand wird heute Nacht schlafen. Willkommen beim Aufruhr. Ich bin Bangaranga. Ich bin ein Engel, ein Dämon, ein Psycho ohne Grund, ein Macher, ein Teaser. Ich folge nicht, ich bin der Anfrührer. Lass mich dich hypen. Ich werde dich süchtig machen, dich geflasht zurücklassen…

So geht das weiter. „Bangaranga“ hätte man früher (TM) als aufrührerisch verboten. Das ganze Stück reißt einen mit, kommt mit Tempowechseln, Energie-auf-und-abs und all dem Unvorhersehbarem um die Kurve und beschreibt so eine Art Chaos. Das Wort „Bangaranga“ kommt aber auch nicht aus dem bulgarischen Kyrillisch, sondern aus dem jamaikanischen Kreolisch und bedeutet so ungefähr „Unruhestifter(in)“.

Dara kommt als selbstbewusste junge Frau daher, und das Stück soll wohl auch grundsätzlich für das eigene Selbstbewusstsein werben und steht auch für das Entdecken der eigenen Stärke und das Besiegen von Ängsten. Ach, und Dara sieht im Song auch eine Verbindung zum Kukeri, in den allemannischen Regionen in Deutschland und der Schweiz vielleicht mit der Fastnacht vergleichbar. Daher auch oben das Bild, das Kukeri zeigt.

Ich glaube ja, dass das Stück irgendwie zum Zeitgeist passt: Lasst euch nicht unterkriegen. Zeigt den bösen Mächten den Stinkefinger. Seid laut, seid unbequem. Da das Publikum ja nicht doof ist, war das vielleicht der Grund, warum das Stück den ersten ESC-Sieg für Bulgarien brachte. Und zwar mit einem Rekord-Abstand zu Platz 2 Israel. Und das bringt mich zum zweiten Teil des Artikels.

Als der ESC fast tot war

173 Punkte Abstand zu Israel. Das Stück „Michelle“ von Noam Bettan war zwar an sich künstlerisch wertvoller als die Techno-Ethno-House-Mixtur von Dara. Aber nur, weil etwas Kunst ist, muss es so einen Wettbewerb nicht gewinnen. Aber was war denn da eigentlich los? Der israelische Beitrag kommt auf Hebräisch, Französisch und Englisch daher und ist im 6/8-Takt gehalten. Es handelt von toxischer Liebe. Aber es klickte gar nicht.

Ich habe auch nicht viel im Vorfeld mitbekommen, dass diesem Lied große Siegerchancen eingeräumt wurden. Genauso wie „Bangaranga“. „Michelle“, weil – well – Israel, „Bangaranga“ hatte niemand auf dem Zettel. Israel hatte ja die ESC-Fans extrem gespalten, einige Länder sagten auch wegen diesem Land ihre Teilnahme ab. Es gab Buhrufe, Sprechchöre und so machen spitzzüngigen Kommentar. Klar, dafür kann Noam Bettan nichts. Aber so war das halt.

Und irgendwie lag dann wieder der Charm der Manipulation in der Luft, als „Michelle“ lange Zeit beim Zuschauer-Voting führte. Hätte das Lied den ESC gewonnen, wäre der Wettbewerb meiner Meinung nach direkt gestorben gewesen. Das hätten die Fans nicht mehr mitgemacht. Und dann gab es noch die wahnsinnigen Zuschauer-Punkte für Dara, und plötzlich lebt der ESC weiter. Jaja, da werden einige komische Kommentare dafür übrig haben. Aber ich schrieb ja schon von der Bedeutung.

Die Vorhersagen waren Quatsch

Was wurde im Vorfeld gewettet! Man kann ja heutzutage auf alles mögliche wetten, so auch auf die Siegchancen beim ESC. Mit sage und schreibe 45% lag der Song „Liekinheitin“ von Linda Lampenius und Pete Parkkonen aus Finnland vorn, vor „Ferto“ von Akylas aus Griechenland. Das eine lief auf Platz 6 ein, das andere auf Platz 10. Sarah Engels mit „Fire“ für Deutschland kam erwartbar am unteren Ende an. Wenigstens da waren sich die Wettbüros einig.

Insofern sind diese Vorhersagen allesamt Quatsch gewesen. Sarah Engels hatte einen Nothingburger – also eine belanglose, leere Hülle – als Stück beim Wettbewerb. Außer ihrem durchaus attraktiven Aussehen war da halt nicht viel. Das hatte mich ohnehin von vornherein an dem Stück gestört. Aber sonst lagen die Vorhersagen und Wetten ziemlich falsch. Man sollte sich echt nicht auf so etwas verlassen. Mein Favorit, „My System“ von Alicia aus Schweden, war mit dem 20. Platz auch eher so durchgefallen.

Und „Bangaranga“? Das hatte niemand auf dem Zettel. Die selbst ernannten ESC-Experten hatten gar erst bezweifelt, dass sich das Lied überhaupt fürs Finale qualifiziert. Es wurde als „Disaster Bop“ bezeichnet, also ein Lied, das einfach tanzbar ist und gut klingt, aber irgendwie bizarr, chaotisch und von schlechter Qualität ist. Am Ende wurden sie alle eines besseren belehrt. Und genau das ist es, was den ESC ausmacht.

Was bleibt?

Es reicht eben nicht, ein radiotaugliches, streamable Liedchen zu haben, das gut nebenher dudeln kann und von einer ansehnlichen Sängerin, die außer in Deutschland sonst kaum einen Namen hat, so naja interpretiert wird. „Fire“ muss ein Überbleibsel aus dem Sommerurlaub 2010 gewesen sein, mehr nicht. Sarah Engels hat da vermutlich noch halbwegs das Beste gemacht. Aber das ist es eben nicht, was ein Siegerlied beim größten Musikwettbewerb der Welt ausmacht.

Du musst Eindruck hinterlassen. Das haben die letzten 2 Jahre JJ und Nemo grandios hingekriegt. Aber auch andere Siegertitel zeigen die Sache mit dem Eindruck. Bis heute gröhlen die Leute mit bei „Euphoria“ von Loreen, bei „Making Your Mind Up“ von Bucks Fizz, bei „Waterloo“ von ABBA. Und vergessen wir bitte nicht „Nel blu, dipinto di blu“ von Domenico Modugno, besser bekannt als „Volare“. Irgendwas für eine x-beliebige Playlist reißt beim ESC nichts.

Wo hatte denn Deutschland gut abgeschnitten? „Ein bisschen Frieden“ von Nicole hatte ganz Europa im Kalten Krieg bewegt. „Satellite“ von Lena Mayer-Lanrut war so vollkommen unkompliziert. „You Let Me Walk Alone“ von Michael Schulte trieb Millionen von ESC-Fans die Tränen in die Augen. Und letzten Endes ist es eben auch die Authentizität. Man hatte es Nicole und Lena abgekauft, dass die beiden Mädchen genau das verkörperten, was sie da sangen, die eine brav, die andere görenhaft.

Und genau hier kommt auch wieder „Bangaranga“ ins Spiel. Die offenbarte Rotzlöffeligkeit von Dara hat wie die Faust aufs ESC-Auge gepasst. Darüber hinaus war es das richtige Lied zur richtigen Zeit. Deutschland hat so viele großartige Musik hervorgebracht. Warum schafft man es nicht, sich am Zeitgeist zu orientieren? Und der Zeitgeist heißt nun einmal: Fuck Putin, Fuck Trump, Fuck Netanjahu, Bangaranga. Wer weiß, nächstes Jahr ist es vielleicht anders.

Und jetzt?

Ich weiß, ich war mir nicht einig, ob ich das Spektakel sehen werde. Und das ist auch für den kommenden ESC in Sofia der Fall. So lang Nationen den Wettbewerb für Manipulation und Propaganda nutzen, wie es Israel seit Jahren tut, tue ich mich damit echt schwer. Ich möchte allerdings gern nochmal so etwas NACH den derzeitigen Kriegen beim ESC erleben wie 1997, als Katrina and the Waves mit „Love Shine a Light“ dieses Statement setzten:

Wir werden alle zusammen ein Licht scheinen lassen, um den Weg zu erhellen. Brüder und Schwestern in jedem kleinen Teil, lasst unsere Liebe ein Licht in jede Ecke unserer Herzen scheinen.

Katrina & The Waves - Love Shine A Light | United Kingdom 🇬🇧 | Winner of Eurovision 1997
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Es wird eine Zeit geben, in der wir so ein Stück bitterlich notwendig haben werden. Und es würde mich echt freuen, wenn Deutschland mal wieder einen Ein-bisschen-Frieden-Moment haben würde. Es gibt diese Musiker hierzulande. Die sind vielleicht nicht die Top-Garde, sie sind aber wenigstens ehrlich. Vielleicht könnte man aber auch New Age Bands für den ESC begeistern. Denn da gibt es ja noch das für mich beste Stück beim ESC.

Nocturne - Secret Garden - Norway 1995 - Eurovision songs with live orchestra
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Man müsste sich halt trauen. Mit einer Null-Acht-Fuffzehn-Nummer wie „Fire“ wird das jedenfalls nichts. Und wenn alle Stränge reißen, erinnern wir uns bestimmt alle irgendwann mal wieder an „Bangaranga“. Der Song hat am Ende echt gezeigt, dass du nicht die Beliebigkeit dahin schicken brauchst, du brauchst etwas besonderes. Es mag nicht die große Kunst sein, aber es hat den ESC gerettet, und jetzt muss er repariert werden.

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8 Kommentare zu „Bangaranga: Der ESC ist United by Chaos“

  1. Schönes Kommentar, ich bin auf deiner Seite. Wir hatten auch Bulgarien, Schweden oder Zypern in der engeren Auswahl. Ein paar der Kandidaten, die recht weit oben gelandet sind, hatten wir überhaupt nicht auf der Liste.
    Aber ich muss auch sagen, gegen die kraftvollen Stimmen der anderen Frauen, war Sarah Engels einfach zu schwach auf der Brust, wie man so schön sagt. Sie konnte dem Ganzen nicht gerecht werden. Wobei ich trotzdem gehofft hatte, dass wir irgendwo ins Mittelfeld kommen, aber wie du schon sagst, der ESC war auch immer schon ein Stück weit politisch motiviert und ich denke schon alleine deshalb hatten wir keine Chance auf einen guten Platz.
    Ich gönne es Bulgarien. Immerhin der 1. Sieg! Toll! Wäre ich Bulgare, ich würde ausflippen vor Freude *gg*

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  2. „Ein bisschen Frieden“ war gut gesungen, aber mit schlechtem Liedtext. „Ein bisschen Frieden“ ist so unlogisch wie „ein bisschen schwanger“. „Fire“ von Sarah Engels ist daran gescheitert, dass es von einer Interpretin mit langweiliger Stimme gesungen worden ist.

    Oder wie ein schwuler Bekannter von mir meinte: „Mit der Stimme von Lady Gaga und produziert von ihren Standardproduzenten wäre „Fire“ im Ohr geblieben statt ohne Wirkung durchzulaufen wie das Gießwasser bei einer Topfpflanze mit zu trocken gewordener Erde.“

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    • Das ist mal ein sehr treffender Vergleich. Ich glaube dennoch, dass so eine Standard-Girly-Bop-Nummer nicht so richtig zieht. Beim ESC musst du halt irgendwas besonderes machen. Und wenn es egal zu sein scheint, aus welchem Land ein Lied kommt, ist es halt austauschbar. Wir sind nun mal nicht mehr 2010, als die Streamingdienste noch nicht so allumfassend waren. Willst du heute herausstechen, musst du was unvorhergesehenes bringen, wie diese Tempo-Wechsel und das ganze Tralala bei „Bangaranga“.

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  3. Der letzte ESC ist tatsächlich das letzte?
    Geht man einfach nur davon aus welche Titel ganz vorne rangieren wird ein bange was den Musikgeschmack der Europäer angeht.
    Selbst Platzhirsche und Garanten hatten keine Chance, Frankreich hat es zwar noch in die erste Hälfte geschafft aber wäre definitiv ein Siegertitel gewesen und Schweden die eigentlich immer Erfolgsgeschichten vorweisen können haben diesmal komplett versagt, glaubt man der Platzierung.
    Die Qualität der französischen Beiträge hat mittlerweile stark zugenommen beim Jünger ESC dominiert Frankreich, bei den Erwachsenen dauert es vielleicht noch ein Jahr.
    Ich weiß nicht ob es vielleicht daran liegt dass man selbst älter wird aber man kann doch nicht zusehen wie Musik zu einem Schandmal unsere Kultur wird.

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    • Ich glaube, vieles, was den ESC betrifft, hat auch damit zu tun, wie sich Israel in dem Wettbewerb und gesellschaftlich verhält. Wer weiß, vielleicht hat man sich gesagt, dass es zu absurd ist, dass in dieser Situation Israel den Wettbewerb gewinnt, und hat deshalb wie verrückt für die schräge bulgarische Nummer abgestimmt. Es war ja auch klar, dass viele Nummern so Jury Darlings waren, dafür hatte man dann nicht extra abgestimmt. Also liegt die Theorie nahe, dass a) Israel und b) die Tiktokability von „Bangaranga“ die Gründe für den Sieg waren.

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  4. Ich habe den ESC dieses Jahr wieder nicht gesehen und bin froh darüber. Das trifft einfach nicht meinen Musikgeschmack, noch dazu halte ich von diesem Show-Gemache nichts.

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  5. Mhm, wo ist Bulgarien ein Song der im Ohr bleibt und sich abhebt. Ich finde da klingt alles ziemlich gleich über die Letzten Jahre. So Tophits die du angesprochen hast, die immer noch im Ohr sind und jeder noch kennt gibt es leider kaum noch beim ESC. Leider wird der ESC auch immer mehr politisch und das Punkte zu schieben gibt es leider immer noch und nimmt auch mehr zu, da kann wahrscheinlich Deutschland auch mit besseren Nummern kaum glänzen mehr. Aber es stimmt Sarahs Nummer war ziemlich so das ESC-Niveau und leider nichts abgehobenes. Trotzdem hätte ich mir für die eine bessere Platzierung gewünscht. Ich hoffe dass sie trotzdem weiterhin hier geschätzt wird. Leider hat der ESC mit Musik kaum noch was zu tun, der Fokus liegt auf Show und Gesellschaftkritische Texte. Mal sehen ob er noch 80 wird, oder davor eingeht. Trotzdem freue ich mich das ein Land gewonnen hat was noch nie gewonnen hat. LG Edeline

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