Dave Stewart And The Spiritual Cowboys – ein Album diesen Namens erschien vor 35 Jahren und war damals irgendwie etwas ganz besonderes. Warte mal, vor 35? Das war 1990. Die Achtziger waren grad rum, ich begann meine Lehre als Industriemechaniker in einem gerade zusammengewürfelten Deutschland. Michael Cretu trieb mit Enigma sein Unwesen. Und überhaupt war das eine völlig wirre Zeit. Ordnen wir mal dieses in Teilen höchst seltsame Album des großen Musikus ein. Habt ihr Lust?
Wer war denn Dave Stewart And The Spiritual Cowboys?
Über David A. Stewart muss ich wohl nichts erzählen, oder? Der Mastermind hinter Annie Lennox bei den Eurythmics, der daneben auch für den Saxofon-Gassenhauer „Lilly Was Here“ mit Candy Dulfer verantwortlich war. Tja, und dann wurde er mutig. Er schuf die „Spiritual Cowboys“. Spirituelle Viehhirten? Tolle Idee. Aber da gibt es durchaus was dazu zu erzählen. Denn die Begleitband des Masterminds bestand nicht aus irgendwem.
Da gab es den Bassisten Chris Bostock, der eigentlich zu den so-lala-bekannten JoBoxers gehörte. Keyboarder Johnathan Perkins der britischen New Wave Band XTC war dabei. Drummer Olle Romö von der schwedischen Prog Rcok Band Kaipa, die Sängerin und Gitarristin Nan Vernon und Martin Chambers von den Pretenders sowie John Turnbull von den Blockheads komplettierten den Haufen.
Ach ja, und dann gab es noch die „Occasional Cowboys“, also die nur hier und da dabei waren. Ian Green als Programmierer der Drum Maschine, „Tower Of Power“ als Bläser-Ensemble, Bassist Nathan East, Pianist Patrick Seymour, sowie der große Michael Kamen und der so genannte „Inspirational Choir“. Viele, viele Menschen waren an dem ersten von zwei Alben beteiligt. Verkauft hatte es sich eher so mäßig. Aber reden müssen wir dennoch darüber.
Seelen, Beatles, Entgiftung
Das Album beginnt mit „Soul Years“, in dem Stewart über Anarchie und all den abgehauenen Missionaren philosophiert. Es ist der Zusammenbruch des Ostblocks und die wild fauchenden Gedanken des Westens, was man denn jetzt mit der Situation anfängt. Er erzählt von im Blut ertrunkenen Matadoren und besoffenen Horden, die die Töchter des Staates verwüsten, was ein passendes Ende eines schönen Sommertags ist. Puh, OK, Dave, was geht mit dir?
In „King Of The Hypocrites“ geht es um all die Scharlatane, die erzählen, sie wären Christen und rein. Sie alle lügen uns die Taschen voll. Und der König der Heuchler hat geschlagene sieben Jahre gebraucht, bis er es geschafft hatte, seinem Gegenüber in die Augen zu schauen. Und dabei dachte man, er wäre der Coolste von allen.
Bei „Diamond Avenue“ erzählt Stewart auf einem Reggae vom Thatcherismus und vom Treiben, das an den Untergang des Alten Roms erinnert. Und er kommt zu der Erkenntnis, dass es schon lustig ist, wie Geld einen taub und blind machen kann. Es geht um die Geheimnisse, die in den Schlafziemmern der Könige diskutiert werden, und um das Elend in einem wiederkehrenden Traum auf eben jener Straße, der Allee der Diamanten.
Das wundervolle Stück „This Little Town“ hatte ich bereits mal erwähnt. Für mich eins der absolut besten Stücke von Dave Stewart insgesamt. Es ist die Reinwaschung von all dem Übel der Welt und die Rekapitulierung seines bisherigen Lebens. Er ist müde. Mitten auf dem Album, das noch so einiges bietet, war diese sanfte Nummer schon etwas besonderes.
Weltuntergang, aber es wird alles gut
„On Fire“ ist dann eine treibende Nummer über die Herzensbrecherin mit den perfekten Zähnen hinter samtenen Lippen. Und er fühlt sich wie der Herzbube in einem Spiel der Verlierer. Sie ist zwar so gemein wie eine Hexe, aber sie ist am Ende für ihn immernoch eine Frau. Na, wenigstens haben wir das geklärt, oder? Aber jetzt wird es richtig fett.
Die beiden dicken Brocken danach gehören für mich absolut zusammen. In „Heaven and Earth“ taumelt der besoffene Leichenbestatter an der Kirchen mit den kaputten Fenstern vorbei. Er hatte sie alle begraben: Die Leute, die die Reden schwingen. Und die, die wie Blutsauger sind und die Macht aussaugen. Keine Ärzte können sie retten. Man kann nur Buße tun. Und wie Nixon, Mao oder Nero sind sie alle gekommen, um dann wieder zu verschwinden. Und was tun wir im Himmel und auf Erden? Und der Vater fragt den kleinen Jungen, wo sie alle sind. Weg, antwortet er.
„Love Shines“ beginnt mit einem kalten, müden Tag, an dem alle Engel weg sind. Kristallklares Wasser läuft über das Gesicht. Man bekommt Schläge, woher auch immer. Männer wurden zum Leiden und Frauen zum Trauern gezwungen. Aber die Liebe scheint auf dich. Es geht um gefallene Engel, eine schwarze Erde, auf der sie gestrandet sind, und um den Ort namens Paradies, aus dem der Mensch ein Gefängnis gemacht hat. Aber die Liebe wird am Ende auf alle scheinen. Damit versöhnt er nach „Heaven and Earth“ wieder, oder?
Der musikalische Veitstanz
„Party Town“ ist eine wüste Beschimpfung derer, die im Rausch von Drogen, Musik, Alkohol und Sex dem Untergang entgegen tanzen. Polizisten und Verbrecher laufen Hand in Hand durch die Gegend. Mädchen nehmen Betäubungsmittel, um amüsiert zu bleiben. Senatoren hängen in der Lust. Menschen zahlen für die Szene im Voraus. Die Zeitschriften schlachten alles aus, machen sich über ihren Tod lustig und verdienen damit Geld.
„Mr. Reed“ spricht einen Mann an, der nicht bemerkt wurde, wie er weinend neben der Telefonzelle stand. Warum hat er angefangen mit dem Wegschauen. Dennoch gibt es etwas liebenswürdiges an ihm. Männer sind in ihrem eigenen Netz gefangen, ohne Freunde, aber mit Forderungen. Und sie säen eine schlimme Saat.
In „Fashion Bomb“ geht es natürlich mal wieder um eine höchst attraktive Frau. Sie ist aber – öhm – radioaktiv? Ach, und sie schläft an den Ecken, an denen man von Vampiren gebissen werden kann. Man soll sich von Joni und Mary verabschieden. Denn sie ist die Schlampe und viel zu reich, um eine – öhm – Modebombe zu sein. Warte mal, was? Keine Ahnung.
Die bekannteste Nummer des Albums ist „Jack Talking“. Ja doch, Jack spricht mit dir. Er kommt nach London, weil er genug von der Sonne hat. Er hat fast eine schwarze Schönheit geheiratet, aber die war immer zum Angriff bereit. Ach, und Dave erzählt ihm, was er zu tun hat. Denn Jack ist ein Idiot. Aber wir sollen alle auf ihn hören? Sag mal, Dave, was willst du uns denn erzählen?
Der Teufel und die Spiritualität
„Hey Johnny“ erzählt von dem Verlierer, der seinen Traum hat, der sich als Witz in Rauch auflöst. Es war halt lustig, dass er auf dem Parkplatz all sein Geld verloren hatte. Und er geht heim mit klebrigen Sachen und einer gesunden Überdosis? Er hat keine Schuhe, keinen Job, kein Geld für die Miete. Es gibt nicht mal anständige Banken zum Ausrauben. Er braucht eine Frau, schläft aber mit Grateful Dead ein. Und Johnny ist unterm Strich immernoch ein liebes Kind. Was zur Hölle?
„The Devil’s Just Been Using You“ ist eine schauderlich düstere Nummer über jemanden, der zutiefst durchtrieben ist und sich deshalb im Grab rumdrehen wird, egal ob er all das gebeichtet hat. Er wird nie Frieden finden, wenn er weiter auf den Teufel hört. Am Ende soll uns alle doch die Liebe umarmen. Er muss erkennen, dass ihn der Teufel nur benutzt hatte.
Mit „Spiritual Love“ geht das Alles zu Ende. Wir leben in einem verwüsteten Land mit einem Krebs, der tief im Herzen aller Menschen verwurzelt ist. Wir brauchen ein Wunder. Und das ist dann die spirituelle Liebe. Man soll genau das laut singen, denn wir wollen alle nur das Eine. Das geht dann auch raus an die Feinde, Zyniker, Diktatoren, an alle negativen Kräfte auf der Welt und all diese Leute. Und dann ist das Album zu Ende.
Licht und Schatten
Es ist wohl das bowie-ste David-Bowie-Album, das nicht von David Bowie stammt. Ich weiß über Strecken der 66 Minuten nicht, wo ich gerade bin, was mir Dave Stewart erzählen will und wohin er will. Es sind teils schlimme Aussetzer dabei, wie ihr anhand der vielen Zeilen vorher lesen konntet. Aber es sind auch echt obergeile Stücke darunter. Etwa die Hälfte der Nummern kannst du vergessen, die andere Hälfte ist was für die Ewigkeit.
Die besten Stücke von „Dave Stewart And The Spiritual Cowboys“ sind „Soul Years“, „Diamond Avenue“, „This Little Town“, „Heaven And Earth“, „Love Shines“ und irgendwie auch „The Devil’s Just Been Using You“. Es wirkt irgendwie so, als ob große Teile des Albums Füllmaterial sind. Wie kann man die siamesischen Zwillinge „Heaven And Earth“ und „Love Shines“ zwischen zwei so nichtssagende Nummern pressen?
Ich weiß nicht, was mich damals dazu gebracht hatte, „Dave Stewart And The Spiritual Cowboys“ zu kaufen. Vermutlich war es „Jack Talking“ und die Hoffnung, dass der Geist der Eurythmics auf der Scheibe noch weiterlebt. Als 16-jähriger damals, der noch Jahre nach der Veröffentlichung beseelt war von „Thorn In My Side“ und „When Tomorrow Comes“, war ich arg enttäuscht von dem Album. Aber ich glaube, ich weiß, was Dave Stewart eigentlich anstellen wollte.
Es war wohl die Emanzipation von Annie Lennox. Und eigentlich war es auch eine Generalabrechnung mit dem Thatcherismus, der Großbritannien bis 1990 begleitet und zerstört hatte. Ich glaube, das Album sollte nie schön sein, eher der Veitstanz einer Nation, die sich kaputt regiert hatte und sich neu erfinden musste. Anders kann ich es mir nicht erklären. Ich höre das Album trotz der Frechheiten, die da teilweise drauf sind, dennoch ab und zu. Und ihr könnt ja mal bei Spotify hören, ob das was für euch ist:






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