Es kam, wie es kommen musste: Die europäische Rundfunkunion EBU vergrault nationale Sender, weiter Eurovision zu machen. Der ESC stirbt weg. Man sagt in der Finanzwirtschaft: „Politische Börsen haben kurze Beine“. In der Musik ist das offenbar jetzt auch so. Nach dem schlimmen Terroranschlag der Hamas auf Israel hat ja Israel den Gazastreifen dem Erdboden gleich gemacht, Unschuldige getötet und Millionen von Menschen einfach mal nahezu verhungern lassen. Aber sie dürfen beim ESC weitermachen. Eine Schande ist das.
Man kann Teilnahmen aussetzen
Das Problem ist ja nicht, dass ein Land mitten in einem Konflikt am Eurovision Song Contest teilnimmt. Die Ukraine hat den schon trotz des russischen Terrors gewonnen. Es geht darum, dass Israel einen Genozid im Gazastreifen veranstaltet hat, wenn man Experten so zuhört, und sie im Westjordanland einfach mal weitermachen. Und es geht darum, dass mit unfassbar viel Geld das Voting zum Eurovision Song Contest durch Israel manipuliert wurde.
Wisst ihr, das Beschissene an der ganzen Situation ist ja nicht, dass „New Day Will Rise“ von Yuval Raphael kein gutes ESC-Lied war. Ganz im Gegenteil. Ohne Krieg, ohne das Leid der Kinder, ohne dass ein ganzes Volk ausgelöscht werden soll, ohne Manipulation, ohne den rechtsradikalen Netanjahu wäre das Stück vielleicht auch sehr weit oben in der Gunst gelandet. Und alles wäre in Ordnung gewesen. Aber mit dem ganzen Kram halt nicht. Und dass das die Organisation so mitmacht, macht ohnmächtig.
So, man kann Teilnahmen aussetzen. Belarus ist suspendiert, da die politische Situation in dem Land nicht geeignet ist, am Eurovision Song Contest teilzunehmen. Und Russland wurde ausgeschlossen, nachdem das Land die Ukraine überfallen hatte. Es geht also. Und bedenkt mal die völkerverbindende Funktion des ESC. Ich akzeptiere daher auch nicht das Gebrabbel von wegen „Ist doch nur der Träller-Wettbewerb“. Nein, der ESC ist extrem wichtig und richtig. Und er wird einfach geopfert.
Escape From Eurovision
Die European Broadcasting Union saß zur Generalversammlung zusammen und beriet über Israel wegen der Vorkommnisse. Ich will jetzt nicht zu sehr ins Detail gehen. Lest es gern nach, schaut euch entsprechende Videos an, whatever. Jedenfalls wurde entschieden: „Nö, wir schmeißen Israel nicht aus dem Eurovision Song Contest, wir ändern halt lieber die Regeln“. Und das, nachdem verschiedene Journalisten und Sender vom ESC verbannt wurden. Das gab es auch noch nie.
Das Alles wirkt dann doch extrem unwürdig. Wie gesagt, der ESC hat eine unfassbar wichtige Funktion. Das Motto „United By Music“, das man seit ein paar Jahren wie eine Monstranz vor sich herträgt, sagt dazu ja eigentlich alles. Das Problem dabei: Die Organisation selbst lebt dieses Motto nicht im Ansatz vor. Und die ARD aus Deutschland laviert wie immer herum, weil es ja dieses Verhältnis zwischen Deutschland und Israel gibt. Jedenfalls hat das nun Folgen.
Slowenien wird das erste Mal seit 2000 dem Wettbewerb fernbleiben und ihn nicht ausstrahlen. Irland nimmt das erste Mal seit 2002 nicht teil und wird auch nicht ausstrahlen. Die Niederlande kommt das erste Mal seit 2002 nicht und verschiebt die Ausstrahlung auf Nebenkanäle. Und Spanien nimmt das erste Mal seit 1961 nicht teil und verzichtet außerdem auf die Ausstrahlung des Wettbewerbs. Letzteres ist der Elefant im Raum.
Denn Spanien gehört neben Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien zu den „Big 5“, also zu den größten Financiers des Eurovision Song Contests. Wir haben hier ein Teilnehmerland mit einer über 60 Jahre langen Tradition. Und das in dem Jahr, in dem der Wettbewerb 70 Jahre alt wird. Und man fragt sich, ob sich die EBU angesichts dieser Entwicklung nicht einfach mal in Grund und Boden schämen sollte.
Werde ich den ESC nächstes Jahr sehen?
Ich bin mir noch nicht einig, ob ich den Eurovision Song Contest 2026 sehen werde. Der gesamte Charakter der Veranstaltung ist durch Israel kaputt gegangen. Und nein, ich will dem Land nichts böses. So, wie ich eine ganze Menge Muslime kenne, habe ich durch meine Arbeit, durch das Internet und durch meine Musik auch mit einer ganzen Menge Israelis zu tun. Die sind alle gut drauf, ich habe keinen Grund für Pöbelei. Was sich der Israelische Staat aber herausnimmt, das macht es halt aus.
Wer als Journalist Israel beim letzten Eurovision Song Contest kritisiert hatte oder auch nur mit kritischen Fragen um die Ecke kam, dem wurde von der EBU schnell mal die Akkreditierung entzogen. Ist das der europäische Geist? Sollen sie doch in Deutschland den ESC 2026 im austragenden Sender SWR ausstrahlen, mir meine Ruhe lassen und stattdessen zur Abwechslung mal einen guten Film bringen. Oder ich hocke in einem Biergarten. Wer weiß?
Das Alles hat nichts mehr mit dem ESC zu tun, wie ich ihn geschätzt habe. Da ist nichts mehr übrig, was zu „Hallelujah“ von Gali Atari oder „Hold me now“ von Johnny Logan oder „Ein bisschen Frieden“ von Nicole oder „Love shine a light“ von Katrina & The Waves passen könnte. Und nachdem die EBU so rigoros gegen unliebsame Fragen und Kommentare vorgeht, werden auch viele freie Journalisten, Blogger und YouTuber einfach nicht mehr über das Ereignis berichten.
Damit schießt sich die EBU am Ende ins eigene Knie. Was hat denn Benjamin Netanjahu gegen Martin Österdahl in der Hand, dass die Organisation um ihn herum Israel nicht aussetzt? Wenn die Angriffe auf beiden Seiten im Nahen Osten zu Ende sind, die Palästinenser ihr eigenes Land haben und Israel die Finger davon lässt und wenn Israel aufhört mit den Voting-Manipulationen, kann das Land ja gern zurückkommen. So aber? Das sehe ich bei mir nicht. Und ihr?



@henninguhle 👍
Der Vorwurf „Antisemitismus“ schwebt über allen Köpfen, keiner will sich diesem ausgesetzt sehen, also macht man alles um Israel zu gefallen.
Das ist langsam ne Massenpsychose.
Wie ich bereits auf Bluesky schrieb: Das sind exakt meine Gedanken. Es muss ja wohl erlaubt sein, Israel zu kritisieren und bei Verfehlungen entsprechend zu bestrafen, ohne dass man gleich der große Antisemit ist.
Ich bin da ganz bei Euch, muss aber sagen, das der ESC mich nicht interessiert, da ich den schon immer „merkwürdig“ fand. Es ist nicht meine Musik… So lange wir keine Staatsmittel in diese (für mich) drittklassige Show pumpen können die machen was sie wollen.
Nun ja – hätte die Hamas den besagten Überfall nicht gemacht, wäre Netanjahu, der auch bloß ein elender Faschist ist, schon längst da, wo er hingehört: im Knast. Auch in Israel ist er nicht unumstritten.
Ich erinnere daran, daß Israel von der Hamas überfallen wurde – ob danach und bis jetzt dann alles von allen richtig gemacht wurde, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Der ESC geht seit Jahren an mir vorbei, mir ist das inzwischen zu lang, zu aufgeblasen, zu übertrieben – aber anderen gefällt es und es ist ärgerlich, wie das Ganze inzwischen instrumentalisiert wird. Dann kann man es auch gleich ganz lassen.