Karussell: 50 Jahre Rock aus Leipzig

Wir haben mit der Leipziger Band „Karussell“ das 50-jährige Bestehen gefeiert. Meine Güte, die Herrschaften können es eben nach wie vor. Es ist schon irgendwie so für mich, dass die Band immer da war, wenn auch zeitweise nur bruchstückhaft. Sie war immer da, und das nicht nur, weil sie wie ich Leipziger Wurzeln hat. Nein, da ist noch viel mehr. Es ist halt irgendwie der Soundtrack, der mich immer begleitet hatte. Ich erzähle mal ein wenig darüber. Vielleicht interessiert es ja jemanden.

Karussell: Auferstanden aus Ruinen

In Leipzig gab es immer schon große Musikschaffende. Und so schickte sich Klaus Jentzsch 1958 unter dem Geburtsnamen seiner Mutter an, die Klaus Renft Combo zu gründen. Erst ging es in die Richtung Fats Domino und Rolling Stones. Als die Band mal kurz verboten wurde, gründete Jentzsch kurzerhand die Butlers. Die wurden dann auch mal verboten, was in Leipzig zu den „Beat-Krawallen“ führte. 1967 durfte dann die Klaus Renft Combo weitermachen. Und wie sie das taten.

Nach und nach wurde sie immer regimekritischer. So kam es dann auch zur DDR-Legende „Wer die Rose ehrt“. Nach dem zweiten Album verkürzte sich der Name auf „Renft“. Wegen so Songs wie die „Rockballade vom kleinen Otto“ wurde die Band dann 1975 endgültig verboten, weil es darin um die missglückte Flucht aus der DDR ging. Einige Bandmitglieder verließen freiwillig die DDR, andere wurden ausgebürgert. Übrig blieben Sänger Peter Gläser und Schlagzeuger Jochen Hohl.

In Leipzig gab es auch noch Band „Fusion“. Die war dabei, sich 1976 neu zu erfinden. Kopf Wolf-Rüdiger Raschke und Gitarrist Reinhard Huth holten Peter Gläser und Jochen Hohl an Bord. Komplettiert wurde die Band mit Bassist Claus Winter und Gitarrist Lutz Kirsten. Es gab auch noch den Saxofonisten Bernd Schumacher. Und so tingelten sie umher. Eines Tages kamen sie an einem Jahrmarkt vorbei und beschlossen daraufhin, sich Karussell zu nennen.

1979 kam das erste Album „Entweder oder“ mit dem Bluesrock-Klassiker „Autostop“, der bis heute die Granate schlechthin ist. Aber sie blieben ihren kritischen Texten treu, wie bei „Ehrlich will ich bleiben“ oder „Fenster zu“. 1980 folgte „Das einzige Leben“, u.a.mit einer Neuauflage von „Wer die Rose ehrt“ und der Folk-Nummer „Lieb ein Mädchen“. Tja, und 1982 überrollte mich dann Karussell. Das eine oder andere Stück habe ich als Kind mitbekommen. Aber dann musste es passieren.

Erst durch diesen Berg…

Meine Mutter war ja eine Rocker-Lady. Sie bewarf mich mit den Stones, mit Springsteen, mit Gary Moore und wusste, dass mir die Musik gefiel. Und dann kam sie eines Tages mit einer Schallplatte um die Kurve, auf deren Cover ein angebissener Apfel zu sehen ist. „Hier, hör dir das mal an“. Der Name des Albums: „Schlaraffenberg“ von Karussell. Das war 1982. Über das Titelstück schrieb ich schon mal. Und diese Platte begleitet mich bis heute. Und die Texte. Die haben sowas erzählt:

Flimmertheater
Mutter und Vater
haben kein Wort.
Sitzen im Sessel
beim Bunten Kessel.
Mich treibt es fort.
Leben, nur Leben, nur Leben,
viel mehr muss ja nicht sein.
Aber Leben, selber eben:
Nein!

(Aus „Flimmertheater“, Text: Kurt Demmler)

Auf dem „Schlaraffenberg“ geht es um den alltäglichen Trott als „gelernter DDR-Bürger“ mit all den großen und kleinen Sorgen, mit Wünschen und Träumen, es geht um die Angst vor Kriegen und um die Menschen, die immer nur dagegen sind. Und mit „Sterne in der Nacht“ wird Homosexualität im Arbeiter- und Bauernstaat thematisiert. Als 9- oder 10-jähriger umreißt du die Tragweite noch nicht. Aber je älter ich wurde, desto mehr hat mich dieses Album bewegt.

Die Nicht-Endzeit-DDR-Hymne

Es folgte das Album „Was kann ich tun“, auf dem für mich eins der schönsten deutschsprachigen Lieder mit „Wie ein Fischlein unterm Eis“ befindet. Problematisch war dann, dass die Band auch durch die BRD tourte und dabei einen Teil ihrer Mitglieder verlor. Also mussten sie sich mal wieder neu erfinden. Und so kam es, dass ihnen ein unscheibarer Bursche in einer Kneipe auffiel. Der klimperte Gitarre und sang dazu. Nun war Dirk Michaelis Sänger der Band.

Es folgte das Album „Café Anonym“. Jedem Menschen im deutschsprachigen Raum ist darauf das Stück „Als ich fortging“ ein Begriff. Dirk Michaelis hatte die Melodie schon als Kind nach der Trennung seiner Eltern im Kopf. Gisela Steineckert verfasste dazu den Text. Es ist ein Trennungslied, aber eben eigentlich nur das. Die Trennung der Familie Michaelis wurde vermutlich als Aufhänger hergenommen. Dass das Ganze als DIE Wende-Hymne herhalten muss, liegt an „Nichts ist unendlich, so sieh das doch ein…“

Bis heute ist „Als ich fortging“ das bekannteste Stück von Karussell. Die Band bezeichnet es selbst als eine Art Glücksfall. Die zarte Ballade in E-Moll passte in die Zeit und hat ihren besonderen Reiz durch die sparsame Instrumentierung. Und man kann sagen, was man will, aber auch wenn niemand aus der Kern-Band das Stück mitgeschrieben hat, ist es ein typisches Lied von Karussell.

Ende, aus, alles vorbei

Wolf-Rüdiger Raschke erzählte, dass nach der Wende reihenweise die Kündigungen von Engagements einflogen. Ohne Vorwarnung, da die Band im Urlaub war. Claus Winter wurde bereits 1988 durch Jan Kirsten ersetzt. Das Album „Solche wie du“ verhallte 1990 komplett ungehört. Ähnlich verlief es mit „Sonnenfeuer“ mit Schlagzeuger Ali Zieme von den Prinzen, dem Sänger Larry B. und Takayo. Die Band löste sich auf, nachdem es kein Publikum mehr für sie gab.

Das war dann das Ende. Sohn Joey beschrieb, wie sich Vater Wolf-Rüdiger Raschke da fühlte. Könnt ihr euch ja vorstellen. Der war völlig am Ende. In der Folge wurde er Hotelmanager. Sein Sohn gleich mit. Und 2007 wurden sie gefragt, ob sie als Unternehmer nicht vielleicht mal wieder irgendwie Musik machen wollten. Ich hatte die ganze Zeit immer mal wieder den Text vom „Flimmertheater“ im Kopf. Aber das war alles sowas wie ein Flashback, mehr nicht.

Du, Oschek, wollen wir es nochmal wissen?

Oschek ist Reinhard Huth. Wolf-Rüdiger Raschke konnte seinen früheren Haudegen dazu überreden, bei dem Himmelfahrts-Kommando mit Sohn Joey Raschke mitzumachen. Jan Kirsten musste auch nicht lang gebettelt werden. Frank Endrik Moll trommelte und Hans Graf spielte Gitarre. Kurz darauf stieß der heutige Schlagazeuger Benno Jähnert zur Band, und seit der Pandemie haben sie mit Moritz Pachale eine Art „David Gilmour in jung“ dabei.

Sie machen immernoch ehrlichen Rock. 2011 kam das Album „loslassen“ mit so Sachen wie „Wer wenn nicht wir“ oder „Zweitgesicht“. Tjoar, und 2018 kam das Album „Erdenwind“. Wie es sich für eine Band mit regionaler Verbundenheit gehört, befindet sich darauf das Lied an die eigene Heimat, „Meine Stadt“. Das ist alles so Musik, mit der kannst du dich zudecken. Was liebe ich dieses Lied! Es ist irre, wie zuhause man sich mit der Musik fühlt.

Das bisher letzte Album erschien dann 2024. Es heißt „Unter den Sternen“. Wie das eben immer so ist, Schicksalsschläge machen auch keinen Bogen um Musiker. Und so singt Joey Raschke im Lied „Stark“ von seiner „wunderschönen Marinella“. Das soll seine damalige Partnerin sein, die zuvor nach einer Krankheit gestorben sein soll. Ich weiß das nicht, aber das Lied ist so ein trauriges Stück. Wer da nicht Rotz und Wasser heult, hat kein Herz.

50 Jahre – und sie sind immernoch da

Man unterschätzt es, da bin ich ehrlich. Wer als DDR-Kind heute den Namen „Karussell“ hört, denkt an ein paar abgehalfterte Altrocker, die einfach nicht aufhören wollen. Das ist bei den Herrschaften anders. Das ist eine Band, die in jedem gottverdammten Lied etwas zu sagen hat. Sie kommentieren die Gesellschaft, ohne den Zeigefinger zu heben. „Ehrlich will ich bleiben“ ist quasi ihr Motto. Natürlich verbindet man „Als ich fortging“ mit ihnen. Die Band ist aber mehr.

Ich habe nicht umsonst Moritz Pachale als jungen David Gilmour bezeichnet. Die Musik von Karussell ist schon ein wenig wie Pink Floyd, nur weniger theatralisch. Sie erzählen halt nicht in Doppelalbum-Länge eine einzige Geschichte, sondern 10, 12 kleine Alltagsbeobachtungen auf einem Album. Aber musikalisch ist es eben immernoch irgendwo zwischen „Money“, „Another Brick In The Wall“ und „The Great Gig In The Sky“, was die Herrschaften so abliefern.

Reinhard Huth singt immernoch wie ein junger Gott, und zwar mit 78 Jahren. Joey Raschke kommt auch mal mit einer Talk Box um die Kurve. Ihr Jubiläumskonzert haben sie mit der Toccata und Fuge in D-Moll von Johann-Sebastian Bach eröffnet. Sie haben das ganze Haus Leipzig zu „Autostop“ wackeln lassen, und sie waren leise zu ihren beeindruckenden Balladen. Und ich war wieder Kind. Und die eine oder andere Träne konnte ich mir halt nicht verkneifen.

Sie sind immernoch da. Und sie haben noch viel vor. Wer weiß, vielleicht geben irgendwann Wolf-Rüdiger Raschke und Reinhard Huth das Zepter ab. Das muss dann aber dennoch nicht das Ende von Karussell bedeuten. Joey Raschke und Moritz Pachale können die Zukunft sein. So lang der Geist der Band lebt, wird sie auch immer so sein, wie sie seit 50 Jahren ist. Halt immer Karussell. Und ihr solltet mal nach der Band gucken, wenn ihr sie nicht kennt.

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0 Kommentare zu „Karussell: 50 Jahre Rock aus Leipzig“

  1. muss ich wohl mal rein hören… Pink Floyd Qualität aus Deutschland ist ja mal ne Ansage :-) …

    https://www.henning-uhle.eu/musik/karussell-50-jahre-rock-aus-leipzig

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