Längst vergessen: „On the turning away“ von Pink Floyd

Am Ende der DDR lief das Album „A momentary Lapse of Reason“ von Pink Floyd im Radio. Darauf das großartige Stück Musik „On the turning away“. Das Lied hat mich kolossal beeindruckt. Das Stück ist eine mehrteilige Ballade, die sich mit Armut und dergleichen auseinandersetzt. Über dieses Werk möchte ich mal eben etwas erzählen.

On the turning away from the pale and downtrodden

Wir sind dabei, uns abzukehren von den Blassen und den Unterdrückten. Und von den Worten, die sie sagen und die wir eh nicht verstehen werden: „Nimm nicht hin, was gerade passiert, es ist nur das Leid der anderen. Denn dann wirst du feststellen, dass du mitmachst beim Wegschauen.“

Es ist eine Sünde, dass sich das Licht irgendwie in Schatten verwandelt. Und es wirft sein Leichentuch über alles, das wir kennen. Wir haben nicht bemerkt, wie ihre Schar gewachsen ist, angestachelt von steinharten Herzen. Wir könnten herausfinden, dass wir ganz allein sind im Traum der Stolzen.

Auf den Flügeln der Nacht, wenn der Tag anbricht, wo sich die Stummen in einer stillen Übereinkunft vereinen. Sie gebrauchen Worte, die du seltsam findest. Sie schauen wie gebannt, während sie die Flamme entfachen. Fühl den Wind der Veränderung auf den Flügeln der Nacht.

Kein Abwenden mehr von den Schwachen und von den Ermatteten. Kein Abwenden mehr von der inneren Kälte. Es gibt nur eine Welt, die wir alle teilen müssen. Es ist nicht genug, nur dazustehen und zu starren. Ist es nur ein Traum, dass es keine Abkehr mehr geben wird?

Nicht mehr wegschauen

Was wurde David Gilmour verflucht, als er ein „neues“ Pink Floyd baute, nachdem er sich mit Roger Waters auf Lebenszeit verkracht hatte! Und wahrlich, das Album „A momentary Lapse of Reason“ von 1987 war dann schon für die eingeschworene Pink Floyd Gemeinde eine Zumutung. Schon allein die pure Abwesenheit des bissigen Satirikers Waters machte sich bemerkbar.

Dann wurde auch noch das fast-poppige „Learning to fly“ als erste Single ausgekoppelt, und die Eskalation war perfekt. Mitten in diesen Unmut schlich sich ein Keyboard-Akkord, auf den David Gilmour mit fast brechender Stimme „On the turning away from the pale and downtrodden“ sang. Er mahnte an, nicht mehr wegzuschauen von all dem Leid auf der Welt.

Das Lied baut sich auf. Das Biest nimmt Gestalt an, während David Gilmour von dem Licht singt, das sein Leichentuch ausbreitet. Und es wird größer, wenn er vom „Wind of Change“ philosophiert. Der grollt und tobt dann im Mittelteil, bevor Gilmour die Frage in den Raum stellt, ob es nur ein Traum ist, dass sich mal niemand mehr vom Leid abwendet.

Der Abspann von „On the turning away“ ist ein klagendes, riesengroßes, erschütterndes Gitarrensolo. Das Lied springt während seines großen Lebens zwischen 4/4, 2/4 und 6/4-Takt hin und her und wird damit zu einem der rhythmisch komplexesten Lieder im Schaffen von Pink Floyd. Und es bewegt mich auch nach 32 Jahren noch immer sehr.

Ein Klagelied für die Ewigkeit

„A momentary Lapse of Reason“ bedeutet ungefähr „Ein vorübergehender Verlust des Verstandes“. Diese Zeile stammt aus „One Slip“, wurde aber oft genug dafür hergenommen, der Welt zu erklären, dass David Gilmour seinen früheren Sparringspartner Roger Waters für verrückt erklärt haben könnte.

Gleichwohl hat niemand der Hardcore Pink Floyd Fans auch nur einen Pfifferling auf das Album gegeben. Insofern könnte auch David Gilmour von sich selbst als „den Verstand verloren“ erzählt haben. In dieser Gemengelage ein derartiges Klagelied wie „On the turning away“ zu schaffen, ist dann die wahre Größe eines echten Künstlers.

Das Lied wird wahrscheinlich nie an Aktualität einbüßen, da es immer Not und Elend geben wird. Es ist kein so gewaltiges Monstrum wie „Another Brick in the Wall“ oder „Money“. Auch ist es kein absurdes Abspielen von Tiergeräuschen wie bei „Several Species of Small Furry Animals Gathered Together in a Cave and Grooving with a Pict“. Es ist anders.

„On the turning away“ appelliert an die Menschlichkeit. In der Ellenbogen-Welt von heute ist das nicht mehr selbstverständlich. Insofern meine ich das schon ernst, wenn ich schreibe, dass es sich um ein Klagelied für die Ewigkeit handelt.

Das Lied

Ja, ich könnte die Radio-Version mit offiziellem Video spielen oder auch die etwas längere Album-Version. Ich habe mich aber bewusst für eine Live-Version von 1988 entschieden. Pink Floyd mit vollem Aufgalopp und diesem besonderen Lied. Hören Sie hier mal zu:

Ein Kommentar

  1. Hallo Henning,
    eigentlich bin ich auf einen anderen Artikel von Dir gestoßen (Domain Scam), habe dann aber Deine Würdigung von „On The Turning Away“ entdeckt und gleich durchgelesen, da mich dieser Song schon immer angesprochen hatte.
    Danke für diesen schönen Artikel und für das Gefühl, nicht alleine unter Massen von „Pink Floyd – Dogmatikern“ zu sein, für die es kein Pink Floyd ohne Roger Waters gibt. Würde man das konsequent zu Ende denken, hätte es auch kein Pink Floyd mehr ohne Syd Barrett geben dürfen.

    Die hier verlinkte Version ist übrigens immer noch meine liebste, auch wenn David Gilmour live nicht besonders gut singt… Aber daran hängen für mich Erinnerungen an dieses legendäre Konzert, das ich damals als Zivi auf der Rettungswache live mitverfolgen konnte. Seither höre ich „On The Turning Away“ regelmäßig und erinnere mich damit selbst daran, öfters *nicht* wegzuschauen und *nicht* innerlich auszukühlen.
    Nebenbei ist das hier erwähnte „One Slip“ auch auf meiner Favoritenliste, aber das ist eine andere Geschichte. ;-)

    LG, Uwe

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