Ich weiß noch nicht, wohin mich mein aktuelles Musik-Experiment führt. Aber ich habe da so ein Kribbeln in den Fingern, es herauszufinden. Das ist gerade so eine Zeit, in der ich mir einfach kein Ziel mehr setze und einfach mal herumprobiere. Kennt ihr das? Ich meine jetzt Hobbies: Man hat beim Malen eine neue Technik am Wickel oder so. Oder beim Schreiben probiert man mal was neues, um einfach nicht immer das Gleiche zu schreiben. So ist das auch bei der Musik.
Was hat er denn schon wieder an der eigenen Musik auszusetzen?
Ich musste einfach mal ein Musik-Experiment anfangen. Irgendwie ist in Sachen Melodic House und angrenzenden Genres die Luft raus. Da ich aber viel zu gern mit Melodien und Sounds herum fummle, will ich ja nicht einfach aufhören. Also bastle und klimpere und mische und experimentiere ich vor mich hin. Mir geht es einfach irgendwie darum, wieder den Elan zu spüren, als ich Melodic House für mich entdeckt hatte. Aber ehrlich gesagt, diese Musikrichtung engt mich immer mehr ein.
Und das ist es eigentlich, was ich daran auszusetzen habe. Wer so meine Melodic House Helden Ben Böhmer, Nils Hoffmann oder Lane 8 verfolgt, wird irgendwie mitbekommen: Wo der entsprechende Name draufsteht, bekommt man auch exakt das, was zu dem Namen passt. Und irgendwie wird mir das zu eintönig. Klar, wer meiner Musik ausschließlich wegen Melodic House folgt, wird vielleicht enttäuscht sein. Aber mein aktuelles Musik-Experiment ist ja nicht dazu da, alles bisherige zu eliminieren.
Wisst ihr, meine musikalische Herkunft ist nun mal etwas diffus. Meine Mutter war die Rocker-Lady, mein Vater der große Richard-Wagner-Fan, meine Oma spielte Akkordeon. Ich selbst habe Schlagzeug gelernt, mir später Keyboard und Musiktheorie selbst beigebracht und sogar mal kurz Gesangsunterricht gehabt. Ich habe alles mögliche an Musik gehört, vor allem aber Depeche Mode, The Cure, OMD, Sisters of Mercy. Und ich hatte meine Sturm-und-Drangzeit mitten im Eurodance.
Klingt verrückt und nach gar keiner klaren Richtung? Joar, exakt so bin ich. Warum, oh wertes Publikum, sollte sich das nicht auch in der Musik widerspiegeln, die ich selbst fabriziere? Ich habe jetzt irgendwie lang genug Melodic House gemacht. Da ist die Luft wie gesagt raus. Da muss doch noch irgendwie mehr kommen. Und so probiere ich in der nächsten Zeit einfach mal aus, womit ich mich wohlfühlen könnte. Klar, deshalb wird es wohl in nächster Zeit weniger Musik von mir zu hören geben.
Was ist denn nun dieses tolle Musik-Experiment?
Tonarten, Modi, Tongeschlechter und so weiter und so fort sind nun einmal festgesetzte Regeln. Mein Musik-Experiment geht aber der Frage nach: Was passiert, wenn man diese Regeln einfach mal bricht? Martin Gore hat sich das ja auch zur Aufgabe gemacht. Da gibt es den Begriff „Gore-ism“. Wenn in „Enjoy the silence“ in der letzten Zeile des Refrains plötzlich ein H-Dur (B-Major) statt eines C-Moll kommt, dann ist das genau so ein Bruch von Regeln.
Ich habe mit etwas angefangen, wo ich eigentlich den „Trans-Europa Express“ von Kraftwerk als Einfluss hernehmen wollte. Kraftwerk hatten zu der Zeit unfassbar viel mit Samples gearbeitet, und so fing ich halt auch damit an. Aber ziemlich schnell wurde klar: Nö, das ist sehr weit weg von Kraftwerk, dafür aber sehr nah an Depeche Mode der Neunziger. Und irgendwie fummelte ich weiter. Wie gesagt, es ist ein Musik-Experiment, es gibt keine Regeln und keine Grenzen.
Ich spiele da mit einer ganz wilden Akkordfolge herum: Bb-Moll (Im Deutschen ist das B-Moll), F-Dur, nochmal Bb-Moll und C-Dur. Das war irgendwie die Ausgangslage. Und der „Gore-ism“ ist quasi Bb-Moll -> F-Dur. Und plötzlich passte da mein aus Samples gebauter Rhythmus dazu, sodass man sich an das Depeche-Mode-Album „Ultra“ erinnert fühlt. Analoge Synthesizer-Sounds und einfach mal bauen und fummeln und machen, halt ein Musik-Experiment einfach mal wachsen lassen.
Ich habe keine Ahnung, wohin mich das führt. Aber sowas ist immer super, um mal aus festgelatschten Pfaden auszubrechen. Ob das dann am Ende „gute Musik“ wird, kann ich jetzt noch nicht beurteilen. Es fühlt sich neu an. Und da ist ja die Sache mit dem Zauber. Daher lasst mich einfach mal eine Weile vor mich hin fummeln. Was soll denn auch schief gehen?
Wie ich darauf kam, höre ich euch fragen. Ganz einfach: Ich bin neulich mal über „Boards Of Canada“ gestolpert. Die solltet ihr euch durchaus mal antun. Ich weiß nicht, was es ist, was diese Musik auszeichnet. Aber das hatte mich gepackt. Und das fließt da derzeit mit ein. Ende Juni kommt eine Single mit einem Stück, das so den Anfang von diesem Musik-Experiment zeigt. Und das ist dann am Ende der Startschuss bei dem, was ich alles so ausprobieren will. Ich bin gespannt. Ihr auch?






Gut, die Leute, die zum ersten Mal etwas von mir hören, sind da meist etwas untergeistert, aber das liegt eher am rohen Sound und an der gelegentlichen Nutzung von (oft eher notdürftig gestimmten) Geräuschen zusammen mit größtmöglichem Minimalismus. Aber es gibt viele Beispiele in beinahe jeder Richtung bis in den besseren Pop hinein Beispiele für Musik, die Regeln bricht. Ob es Björk mit »Army of Me« mit einem Bass im an sich eher antimelodichen Lokrisch ist, oder ob es Kate Bush mit ihrem »Wuthering Heights« (das waren Zeiten!) ist, wo ich mal vor der Internetzeit länger davorsaß und mich frage, was die da eigentlich für Akkorde spielt, weil ich erst beim HInhören gemerkt habe, wie konfus das im Grunde ist. Prodigy mit F-D-E-Dm mit den Melodietönen f, f#, g#, a im Intro von »Out of Space« spielt hier eh jenseits jedes Wettbewerbs. Experimente sind ein wesentlicher Anteil der Kreativität. Was herauskommt, wenn überhaupt nicht mehr experimentiert wird, kann man leider seit Jahren am seichten, sofort wieder vergessenen Pop erkennen, mit dem die hiesige Musikindustrie glaubt, etwas beim ESC reißen zu können… und das in einer Zeit, in der mir die populäre Musik, die an meine wehrlosen Ohren dringt, eh schon sehr unterkomplex erscheint. Da hilft dann auch alles überemotionale Gesinge nicht mehr. Vor uns liegt das Zeitalter der Durchschnittsmusik aus dem angelernten neuronalen Netzwerk, und der Weg dorthin wurde schon lange vorbereitet. Modern Talking – von mir meist mit dem Spottnamen »Modernes Gelaber« bezeichnet – hat jahrelang immer wieder das gleiche Stück verkauft. Mit deprimierendem Erfolg.
Ich weiß ja nicht, was Kraftwerk damals als Drum-Sequencer benutzt hat, aber der Rhythmus an sich klingt eher nach einem fahrenden Zug als nach einem »normalen« Rhythmus. 🚂
Liest sich für mich (nachdem ich es geistig in eine etwas andere Notation gebracht habe, in der ich immer meine Ideen notiere) wie Tonika, Dominante, Tonika, Doppeldominante… eine recht seltene Progression. So sehr es mich gerade juckt, ich klaue mal nicht.
Der größte Ordner in meinem Projektverzeichnis trägt den Namen »Verworfen«. Darin haben sich die Trümmer von allerlei Experimenten gesammelt. Manchmal höre ich durch und finde kleine Goldstückchen drin, die man nur mal ausarbeiten müsste…
Sooooooooooooooooooooooooooo, da will ich doch glatt mal antworten…
Ja, Björk verbrennt schon mal mit „Army of me“ diverse ungeölte Gehörgänge. Und „Wuthering Heights“ war seiner Zeit irgendwie mindestens 15 Jahre voraus. Da hätte doch eher zu einer wehklagenden Annie Lennox in der Diva-Zeit gepasst, als zu einem Teenager zu Beginn der New-Wave-Zeit. Aber was für ein großartiges Stück. „Modernes Gelaber“ passt wirklich wie die Faust aufs Auge. Welche Sprache war denn das, was die da in „You can win if you want“ vor sich her radebrechen?
Das waren bei Kraftwerk alles irgendwie Sequenzer. Und ich hatte auch erst damit angefangen, den Sequenzer in Ableton zu missbrauchen und ihm ein Sample zum Fraß vorzuwerfen. Erst mit der Zeit ging das in eine völlig andere Richtung. Und hey, das macht ja erst recht Spaß. Ich hab irgendwo auf Youtube gehört: „Nicht du bestimmst, wie sich ein Song entwickelt, der Song erzählt dir, wohin er will“. Ich habe das als Gerede abgetan, aber genau so fühlt sich mein Experiment gerade an.
Ja, die Akkordfolge ging so in die Richtung: „What sounds good, is good“. Es ist eine von drei Folgen, die ich da reingeworfen habe. Ich wollte einfach mal sehen, wohin mich das Alles führt. Wie gesagt, das geht so in die Gore-ism-Richtung, ohne dass ich das gewollt habe. Ist aber extrem befreiend, einfach mal zu probieren, auf welchem Waldweg welche Hundehaufen liegen.
Ich habe übrigens auch so einen Projjetordner mit Leichen. Der heißt dann bei mir passenderweise „Tot“. Ich habe immer wieder Angst, in diese Gruft reinzugucken. Aber du hast Recht, ab und an findet man da was, das – etwas verändert – durchaus noch was taugt. Aber bei manchem ist schon echt viel Leichengeruch ausgetreten.