Porcelain von Moby: Wenn Melancholie überhand nimmt

Ich bin heute auf einen Artikel gestoßen, in dem Michael über „Porcelain“ von Moby eigentlich gar nicht schreibt. Ich tue es aber sehr wohl. Der Hintergrund ist bei Michael ein ganz anderer als bei mir. Aber ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, über dieses Stück zu schreiben, wenn es nicht seinen Artikel gäbe. Ich habe sofort die rückwärts gespielten Streicher-Samples, die Melancholie und das gerade begonnene Jahr 2000 im Kopf.

This is goodbye

Denn in meinen Träumen sterbe ich die ganze Zeit. Denn wenn ich aufwache, ist mein Geist wie ein Kaleidoskop. Ich wollte dich nie verletzen, ich wollte nie lügen. Ist das also der Abschied? Denn das ist der Abschied.

Sag die Wahrheit! Du hast mich nie gewollt. Denn in meinen Träumen bin ich die ganze Zeit eifersüchtig. Wenn ich aufwache, verliere ich den Verstand.

Damals war’s

Die Neunziger waren für mich eine echt schwierige Zeit. Nach der Wende hatte ich zwar meine Ausbildung in einem Chemiewerk südlich von Leipzig als Industriemechaniker, die ich auch erfolgreich abschloss. Aber einen Anschluss hatte ich dann nicht in dem Werk, weil das neu erfunden wurde. Ich begann dann befristet woanders. Dann kam der Bund dazwischen und dadurch meine ruinierten Knie. Es folgte Zeitarbeit um Zeitarbeit, bis ich in einer Drückerkolonne endete.

Ach ja, es kam auch noch Müllsortierung dazu. Die Partnerinnen kamen und gingen bisweilen. Nein, so viele waren es nicht. Aber halt keine, die blieb. Und Anfang 2000 lernte ich die spätere Mutter meiner Tochter kennen. „Why Does My Heart Feel So Bad“ war da so ein Stück Soundtrack. Und später im Jahr 2000 kam dann „Porcelain“. Irgendwie waren damals für mich damit die Neunziger vorbei. Das ganze Chaos unwiederbringlich weg.

Moby

Moby war für mich irgendwie immer da. Das begann schon mit „Go“, das das Twin-Peaks-Stück „Laura’s Theme“ verwendet hatte. Mit „Feeling So Real“ machten wir in der Großraum-Disco unseren eigenen Rave. „Everytime You Touch Me“ habe ich bis heute auf Maxi Single. Sein Magnum Opus ist aber das 2000er Album „Play“ mit eben jenem „Porcelain“. Da konnte auch nicht der Soundtrack zum „Bourne Ultimatum“, „Extreme Ways“, darüber hüpfen.

Moby wirkt irgendwie immer etwas unbeholfen. Als ob er immer nach irgendwas sucht. Insofern ist er der vegane Fleischersatz gewordene Soundtrack der Instagram-Welt. Als wir letztes Jahr in Albanien waren, habe ich natürlich Fotos gemacht und hier und damit geprahlt. Aber für uns war es ein einziges Abenteuer, eine Suche nach dem Glück, das wir in so etwas wie einem versteckten Café an einer Landstraße irgendwo im Nirgendwo gefunden hatten.

Als wir wieder nach Deutschland mussten, sagten wir uns mit dicken Klößen in den Hälsen: Das ist dann wohl jetzt der Abschied. Irgendwie war uns da „Porcelain“ vom Gefühl her ziemlich nah. Moby hat zwar das Stück für eine Frau gemacht, in die er sehr verliebt war, mit der es aber nie eine Zukunft hätte geben können. Für mich ist das irgendwie immer so ein bisschen Rückblick mit viel Melancholie. Und die kriegt mich jedes Mal, wenn das Stück läuft.

Was ist denn „The Beach“?

Michael spricht in seinem Artikel verschiedene Dinge an, die ihm irgendwie in den Sinn kamen in Bezug auf das Stück. Ich habe keine Ahnung von „The Beach“, war noch nie auf dem Coachella-Festival und kann auch so bei einigem nicht mitreden. Johannes interpretiert den wundervollen Text dann als eine Beschreibung unserer Krise. Und auch das ist richtig und zeigt noch viel mehr, was „Porcelain“ mit uns „alten, weißen Männern“ anrichtet.

Denn wir können ja nicht mal genau benennen, woraus diese Krise besteht. Ist es ein „Früher war alles besser“? Bei mir zumindest nicht. Die Neunziger waren ein reines Chaos bei mir. Die Jahre zwischen der Jahrtausendwende um dem Zeitpunkt, dass ich meine Frau kennengelernt habe, waren in der Nachbetrachtung auch nicht so richtig einfach. Also was ist die Krise? Das ich „The Beach“ nicht kenne? Oder ist es der Zustand der Welt als solche?

Porcelain

Natürlich kennt jeder in meinem Alter – also so rund um die 50 – „Porcelain“. Wenn nicht bewusst, dann aber zumindest vom Hören her. Niemand macht heutzutage noch solche Musik. Zumindest ist mir das nicht bewusst. Und das ist auch irgendwie ein Stück der Krise, wenn man so will. Und so passt dann alles zusammen. Danke, Michael, dass du mich an diese Melancholie erinnert hast.

Moby - Porcelain (Official Video)
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