Unfinished Sympathy: 35 Jahre Triphop-Hymne

Es gibt Lieder, die hört man einmal und wird sie nie wieder los. „Unfinished Sympathy“ von Massive Attack (oder damals Massive) gehört dazu. Ich habe die Nummer damals das erste Mal im Haus Auensee von Leipzig gehört. Die hatten da in der Großraumdisco eine Videowand, auf der sie Musikvideos spielten. Mit Ton, bevor der DJ anfing. Und ich habe mich immer gefragt, wieso diese Frau da durch die Gegend latscht. Das waren Zeiten, und darauf gucken wir mal zurück.

Like a soul without a mind

Ich weiß, dass ich schon einmal bis über beide Ohren verliebt war. Und ich habe mir vorgestellt, wie es mit dir sein könnte. Es tut mir wirklich weh, Baby. Du tust mir wirklich weh, Baby. Wie kannst du nur eine Nacht ohne einen Tag haben? Du bist das Buch, das ich aufgeschlagen habe. Und nun muss ich noch viel mehr wissen.

Die Neugier wegen deines möglichen Kusses fügt meinem Geist und meinem Körper Schmerzen zu. Es tut mir wirklich weh, Baby. Du tust mir wirklich weh, Baby. Wie kannst du nur eine Nacht ohne einen Tag haben? Du bist das Buch, das ich aufgeschlagen habe. Und nun muss ich noch viel mehr wissen.

Wie eine Seele ohne Verstand und ein Körper ohne Herz vermisse ich jeden Teil.

Welthit ohne Glamour

Textlich ist in „Unfinished Sympathy“ ja wirklich nicht allzu viel los. Ich glaube aber auch nicht, dass das nun ausschlaggebend ist. Die Single ist nach „Teardrop“ die erfolgreichste im Schaffen der Band. Und vermutlich lag das zum Teil an Sängerin Shara Nelson, die dann und wann mit Massive Attack zusammengearbeitet hatte. Das lag daran, weil alle irgendwie mit dem losen Soundsystem-Kollektiv „The Wild Bunch“ in Bristol verbunden waren, ähnlich zur Stuttgarter „Kolchose“.

Massive Attack hatten sich zu dem Zeitpunkt zeitweise umbenannt und hießen da nur Massive, um es wegen des gerade tobenden Golfkriegs zu vermeiden, dass sie nicht im Radio gespielt wurden. Robert Del Naja, Andrew Vowles und Grant Marshall hockten also zusammen und bauten an einem Track herum, und Shara Nelson arbeitete gerade an einem Lied, was da noch „Kiss and Tell“ heißen sollte. Die Band fand den Entwurf gut und überredeten sie, an dem Song weiter zu bauen.

Produzent Jonny Dollar sah auch Potenzial in dem Stück. Und so ging es in eine Jam Session. Ein Drum Computer schepperte, Keyboards klimperten, und Shara Nelson sang. Mehr so als Witz dachte Del Naja an Franz Schuberts „Unvollendete Sinfonie“ (Unfinished Symphony), und so war der Titel „Unfinished Sympathy“ geboren. Da Massive Attack aus der Breakdance-Szene stammen, mussten natürlich jede Menge Samples verwurstet werden.

Es gibt Percussion-Samples aus „Parade Strut“ von J. J. Johnson. Oder das markante „hey, hey, hey“ als Hook. Das stammte aus „Planetary Citizen“ von John McLaughlin und dem Mahavishnu Orchestra. Die Streicher jedoch wurden von Musikern tatsächlich eingespielt, sogar in den altehrwürdigen Abbey Road Studios. Das Stück hat offenbar bewusst keinen Refrain, da die Romanze im Text ja auch „Ende offen“ und damit unvollständig ist. Und der Bass? Der kommt von den Streichern.

Niemand von den Mitwirkenden hatte die Nummer in Verdacht, ein nennenswerter Hit zu werden. Ja, sie dachten schon daran, dass das etwas besonderes ist. Aber nicht, dass die Nummer einschlagen würde wie ein Asteroid. Deshalb schreibe ich hier auch vom „Welthit ohne Glamour“. Denn die Nummer hat keinen Refrain, sie wird nie „nach Hause“ getrieben, sie bleibt unfertig.

Unfinished Sympathy: Platin-zertifizierter Kloß im Hals

Da hockst du nun als Teenager – ich war da 17 oder 18 – im Haus Auensee und kriegst unvorbereitet dieses Ding serviert, so inmitten von Philip Boa und Talk Talk und Depeche Mode und so. Du siehst, wie Shara Nelson durch die Gegend latscht. Ohne Schnitt wurde das Video in einem Rutsch aufgenommen. Scheinbar ohne Notiz von ihrer Umwelt zu nehmen, marschiert sie den West Pico Boulevard in Los Angeles entlang und singt das Lied dabei.

Irgendwie trifft das einen, wenn es im richtigen Augenblick ist. Es war der Februar 1991, als die Single rauskam. Wir hatten gerade erst ein paar Monate die Zusammenlegung der beiden deutschen Staaten hinter uns, und ich hatte meine damalige Lehre als Industriemechaniker begonnen. Ein größerer Herzschmerz war gerade rum, und dann kommen Massive Attack und Shara Nelson und hauen dir „Unfinished Sympathy“ in die Fresse. Na danke auch. Das ist dann die Nummer:

Massive Attack - Unfinished Sympathy
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