Verdammte Axt, wir sind Lena

Da schrieb sie nun ins Goldene Buch ihrer Heimatstadt Hannover: “Verdammte Axt, ist das geil!” und alle Welt freut sich. Alle Welt?

Zumindest halb Europa freut sich über unsere Hupfdohle Lena Meyer-Landrut, denn der Ernstfall, von dem ich im März geschrieben habe, ist eingetroffen, und Deutschland – natürlich Lena Meyer-Landrut – hat den Eurovision Song Contest gewonnen.

Es hatte sich ja schon im März herauskristallisiert, dass “Satellite” in jedem Fall ein Gassenhauer wird, der auch – falls es dieses Jahr zu einem Sommer kommen sollte – auch über die Stranddiskotheken von Mallorca, Ibiza, Pamukkale oder sonstwo wabert. Viele hatten daher das Lied in den klassischen Top 10 des Eurovision Song Contests gesehen.

Es kam dann doch etwas anders. Schon das Publikum in der TeleNor Arena sang das Lied mit, und bei den “Televotes” – Germany 12 points, l’Allemagne douze points – kam es zu dem eigentlichen Wunder. Bis auf wenige Ausnahmen erhielt Lena für ihren souveränen Auftritt aus jedem Teilnehmerland Punkte. 9 Länder vergaben sogar die Höchstpunktzahl 12 an den Lena-Satelliten.

Und 28 Jahre nach Nicoles “Ein bisschen Frieden”, die geprägt waren durch Tiefschläge wie Gracia, Roger Cicero oder die No Angels, hat Stefan Raab mal wieder bewiesen, dass die Deutschen durchaus europataugliche Musk fabrizieren können.

OK, es grenzte nicht gerade ein Wunder, dass ausgerechnet ein Lied, bei dem Stefan Raab irgendwie die Finger im Spiel hatte, einen Sieg einfahren konnte. Er hatte ja bereits eine beachtliche ESC-Erfahrung:

  • 1998 Guildo Horn & die Orthopädischen Strümpfe: Guildo hat euch lieb (Platz 7 )
  • 2000 Stefan Rabb: Wadde hadde dudde da? (Platz 5 )
  • 2004 Max Mutzke: Can’t wait until tonight (Platz 8 )

Ich denke, es war nur eine Frage der Zeit, bis mit Stefan Raab die Krone geholt wird.

Dass ausgerechnet Lena die Krone dann geholt hat, ist auch nicht verwunderlich, hat sie doch einen fast fehlerfreien Auftritt absolviert und trotz ihrer schmalen Gestalt und den sparsam eingesetzten Bewegungen die Bühne beherrscht.

Das gerade erst 19 Jahre alt gewordene hannoversche Mädchen hat alle Lügen gestraft. Alle, die sich über ihr akzentuiertes Englisch, das bewusst und absichtlich eingesetzt wurde, lustig gemacht haben. Alle, die ihre Gesangsqualitäten bemängelten. Und auch alle, denen die wahre Lena-Hysterie in den vergangenen Wochen schon ordentlich auf den Geist ging. Und sie alle hat sie an die Wand gesungen und gegrinst.

Auch unser überaus geschätzter Peter Urban, der den Abend wie gewohnt kommentierte, hatte ausschließlich positive Kommentare für Lena übrig. Der oft mit spitzer Zunge redende Kommentator mit der Baldrian-Stimme fand sehr viele Worte der Anerkennung.

Anders beim französischen Beitrag, zu dem Peter Urban die vielsagende Umschreibung der “gymnastischen Übungen aus den Pariser Vorstädten” fallen ließ.

Alles in allem war der Eurovision Song Contest am 29. Mai ein deutscher Abend. Und so können wir sagen: Klasse war’s, verdammt nochmal.

Und wer steht jetzt hinter dem Lied? Stefan Raab als Mastermind wurde ja schon genannt. Er hat das Lied ausgewählt (nach einem Zuschauervoting wurde sein eigenes Lied zurückgestellt) und produziert und managte Lena in allen Belangen rund um den Eurovision Song Contest. Was er nicht ist bezüglich “Satellite”, ist Komponist und / oder Texter. “Satellite” war ein Gemeinschaftswerk der Komponisten Julie Frost und John Gordon.

Julie Frost arbeitete unter anderem mit John Lee Hooker zusammen und ist Amerikanerin. John Gordon ist Däne und schrieb unter anderem Hits für Mike Leon Grosch, Mary J. Blige, Mariah Carey oder die weltweite Nummer 1 “Umbrella” von Rihanna. Unter diesen Voraussetzungen konnte es nur ein Hit werden.

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