Dolchstoßlegenden im Leipziger Fußball

Ich dachte echt, dass sich die Ammenmärchen vom bösen Weltkonzern, den unmündigen Event-Fans, den gekauften Dingen und der Ausrottung des Fußballs erledigt hätten. Ich dachte echt, dass man aufhört, über Dinge daher zu fabulieren, von denen man keine Ahnung hat.

Aber wieder einmal hat sich gezeigt, dass man nie darauf setzen sollte, dass sich der Nebel in manchen Köpfen lichtet. Man erzählt eben weiter nachweislichen Unsinn. Und das über die größte Hoffnung des Ostfußballs, wie ich oft genug in den Medien von Sportexperten erfahren habe.

Das ist die Geschichte über unsinnige Dolchstoßlegenden, die immernoch die Runde machen. Und das eben nicht im Mittelalter, sondern im verregneten Herbst anno 2013.

Der Rotebrauseblogger hat es bei Twitter treffend umschrieben:

Wenn es eines nicht gibt, dann ist es erfolgreichen Fußball bei Lok Leipzig und den beiden Vereinen, die von Chemie Leipzig abstammen. Alle drei Vereine, also der 1. FC Lokomotive Leipzig, die SG-irgendwas (offiziell SG Sachsen Leipzig oder SG Leipzig-Leutzsch) und die BSG Chemie Leipzig, haben chronisch klamme Kassen und spielen alles andere als erfolgreich Fußball:

  • Lok Leipzig: Vorletzter der Regionalliga Nordost (4. Liga)
  • SG-irgendwas: Fünfter der NOFV-Oberliga Staffel Süd (5. Liga)
  • BSG Chemie Leipzig: Zweiter der Bezirksliga Leipzig (7. Liga)

Trotzdem kann man einfach mit nebulösen Fakten glänzen, die da wären:

Auch wenn es nach der Wende deutlich ruhiger um den Leipziger Fußball wurde, standen dennoch spektakuläre Spiele auf dem Programm, wie zum Beispiel das Leipziger Derby zwischen Chemie und Lok, was zu den top Derbys in Europa gehörte, einen Bundesligisten brachte die Stadt Leipzig nach der Wende mit dem VfB Leipzig, Nachfolger des ruhmreichen FC Lokomotive, ebenso hervor wie ein Fifa-WM-taugliches Stadion, welches in das alte Zentralstadion hinein gebaut wurde.

Dieser Absatz impliziert doch, dass Lok und Chemie Top-Teams in Europa wären. Nach der „Wende“ waren es beide Vereine nie wieder, Chemie sogar schon zig Jahre vorher nicht.

Am 17.11.2013 wird die BSG Chemie Leipzig gegen den Chemnitzer FC im Sachsenpokalachtelfinale im Leipziger Alfred-Kunze-Sportpark antreten. Mit dem Chemnitzer FC konnte man ein Traumlos ergattern, handelt es sich doch um den höchstklassig vertretenden Gegner des sächsischen Fußballs im Pokal. Es wird das größte Spiel in der Leipziger Fußballgeschichte, seit dem Derby im Jahre 2011.

Moment mal, der Chemnitzer FC ist nicht der höchstklassige Gegner im Sachsenpokal. Der RB Leipzig spielt in der gleichen Liga und steht deutlich besser da als die Südsachsen. Und das größte Spiel der Leipziger Fußballgeschichte wird das Spiel auch bloß nicht, da der RB Leipzig schon wesentlich spektakulärere Spiele in der Red Bull Arena ausgetragen hat.

Im weiter unten verlinkten Artikel, aus dem dann die ganzen Zitate stammen, folgen dann eine ganze Reihe verklärter Aspekte von längst vergangenen Zeiten. Auch wird Goethe zitiert. Und dann kommt der unweigerlich folgende Hammer:

Doch die Fassade dieser wundervollen Stadt bröckelt seit 2009 erheblich. Im Mai 2009 gelang es dem österreichischem Getränkeriesen Red Bull endliche einen Fuß in die Fußballtür der Stadt Leipzig zu bekommen.

In Leipzig ist jahrezehntelang die Fassade gebröckelt. Einerseits hat die DDR-Führung keinen Pfifferling auf diese stolze Stadt gegeben, andererseits war nach der Wende fußballerisch nicht mehr viel los. Randale und Pleiten waren eben das Aushängeschild des Leipziger Fußballs, nicht die sportlichen Erfolge, denn die gab’s nicht.

Erfreulicherweise folgt dann ein wahrer Satz. Ich glaube, so ziemlich die einzige Wahrheit im Pamphlet:

Leipzig, die Stadt die nach Fußball lechzte, war aufgrund verfehlter Vereinspolitik und verfehlter Sportpolitik im Bezug auf beide Vereine, ein gefundenes Fressen und eine leichte Beute für den Weltkonzern Red Bull.

Genauso ist es. Beim FC Sachsen Leipzig (Nachfolger / Vorgänger der BSG Chemie Leipzig und Vorgänger der SG Sachsen Leipzig) und beim 1. FC Lokomotive Leipzig war es eben an der Tagesordnung, den Leuten das Blaue vom Himmel zu erzählen, das Geld zu verprassen, sportlich ins Bodenlose zu fallen und fragwürdiges Fanpotential anzuziehen. Damit wollte der „gemeine“ Fußballfan in Leipzig nichts zu tun haben. Aber dann wird es schon wieder so richtig falsch:

Das dieser Verein nichts mit Leipzig zu tun hat, außer der Standortwahl steht zumindest für mich außer Frage. Dennoch gelang es relativ schnell, das Leipziger Zentralstadion in seinen Besitz zu bringen und in Red Bull Arena umzubenennen. Es gelang auch genau so schnell die Stadtspitze zu umgarnen und Millionen für den Neubau einer Infrastruktur im Umfeld des Trainingsgelände, sowie natürlich einen lukrativen Platz für den Bau eines Trainingsgelände zu ergattern.

1. Das Stadion gehört nach wie vor Michael Kölmel. Betreiber des Ganzen ist die ZSL Betreibergesellschaft mbH (für die Masse: ZSL = Zentralstadion Leipzig). 2. Die Stadtspitze wurde nicht umgarnt, es war eher umgekehrt. 3. Die Infrastruktur, das Trainingsgelände und alles, was dazu gehört, hat Red Bull selbst finanziert und wird es auf – glaube ich – 20 Jahre betreiben. Danach soll es kostengünstig an die Stadt übergeben werden. Und es bleibt falsch:

Zudem gelang es ebenso mit Geld und Druck im Nachwuchsbereich der beiden Leipziger Traditionsvereine zu wildern um entsprechend ein Spielrecht zu erlangen und beiden “nahen” Konkurrenten die Basis zu nehmen.

Da wurde nichts mit Druck und Geld gemacht. RB Leipzig hat nur Angebote gemacht. Gekommen sind die Nachwuchsspieler von selbst. Vielmehr werden junge Spieler im Sportinternat von Red Bull auch für die Nachbarvereine in Leipzig ausgebildet. Wo das Wildern ist, möchte ich gern erfahren. Und die falschen Informationen setzen sich fort mit:

Durch den sportlichen Erfolg getrieben, mit Freikarten gelockt und mit einer cleveren Vermarktungsstrategie gelang es auch schnell ein entsprechendes konsumierendes Publikum zu erreichen und ins Stadion zu locken.

Ja ja, die Freikarten. Es würde ja niemand zum „Dosenclub“ gehen. Die gehen doch nur, weil die alle Freikarten haben. Glaubt wirklich jemand, dass das Ganze finanziell lukrativ für den österreichischen Konzern wäre? Außerdem habe ich noch von niemandem gehört, dass das mit den Freikarten auch nur ansatzweise stimmt. Und natürlich sind Fans von RB Leipzig nur Konsumenten der Ware. Deshalb fahren die ja auch zu Hunderten, teilweise mit mehr als 1000 Mann, zu Auswärtsspielen, deshalb verteidigen die ja auch ihren Verein bis aufs Blut. Nicht wahr? Nein, der RB Leipzig hat eine gewachsene Fankultur und nichts anderes.

Aber das war noch nicht das Ende des Artikels. Schauen Sie mal:

Red Bull hat es nicht nur geschafft den traditionsreichen Fußball in Leipzig in letzter Konsequenz vollendend zu zerstören, nein, Red Bull ist es meiner Meinung nach gelungen dem Ruf der Stadt Leipzig deutschlandweit nachhaltig zu schaden.

Nein, die Traditionsclubs haben sich selbst zerstört. Da musste nicht erst ein österreichischer Konzern ankommen. Ausgeführt habe ich das weiter oben. Den Ruf der Stadt hat Red Bull keineswegs zerstört. Denkt denn wirklich jemand ernsthaft darüber nach, dass Dietmar Hopp den Ruf der Stadt Sinsheim (TSV 1899 Hoffenheim) oder Volkswagen den Ruf der Stadt Wolfsburg (VFL Wolfsburg) oder Wiesenhof den Ruf der Stadt Bremen (SV Werder Bremen) beschädigt hat? Leipzig hat in der Vergangenheit selbst genug Fehler gemacht, aber mit Red Bull und dem RB Leipzig hat dies nun rein gar nichts zu tun.

Und dann haben wir ja noch ein typisches Verklärtheits-Mimimi:

Ich finde es auch traurig, dass Fans anderer Vereine immer sehr ungern nach Leipzig kommen werden, aufgrund es Gegners der Ihnen da gegenübersteht.

Das stimmt nicht, und das weiß man auch. Natürlich hat der RB Leipzig aufgrund seiner Geschichte einige Gegenwehr zu erwarten. Aber bei Heimspielen des Vereins sind auch immer jede Menge Gästefans im Stadion, immer gemessen an der Gesamtzuschauerzahl. Zumindest stelle ich hier keinen Unterschied zu anderen Gästebesuchen in Stadien fest.

Und dann fragen Christian Zomack aus Niedersachsen und Kevin Colditz aus Südsachsen (beides ungleich Leipzig) ein paar verklärte Fragen, was alles so egal sein könnte. Und sie fragen ernsthaft, ob man für die Existenz von RB Leipzig auf die Straße gegangen ist. Bitte was?

Und somit schließt der Artikel beim „Elite-Gesindel“ mit so viel Unwissen, wie es sich den ganzen Artikel lang gezeigt hat. Der Artikel ist geprägt von falschen Informationen und schlichter Verklärtheit. Informieren kann der Artikel nicht.

Aber damit muss man leben. Auch ich. Und ich würde mich nicht als Fan der Rotweißen bezeichnen. Ich würde mich aber als jemand bezeichnen, der das, was RB Leipzig tut, als wohltuend für den Leipziger Fußball betrachtet (wie übrigens viele Sportbeobachter und Fußballexperten auch). Und ich würde mich freuen, wenn es irgendwann der 1. FC Lok Leipzig als Nummer 2 schaffen würde. Von der grünweißen Front jedenfalls erwarte ich nichts.

Bildquelle: Red Bull Arena in Leipzig von oben – By Philipp (Flickr: Leipzig von oben: Zentralstadion) [CC-BY-2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

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