Ende eines Schnellbootes – Der FC Sachsen Leipzig wird geschlossen

Bis auf weiteres – vermutlich für immer – wird dies der letzte Artikel zum „Rest von Leipzig“ sein, wie der Verein, der seit 1990 FC Sachsen Leipzig hieß, sich selbst oft nannte. Zum 30.06.2011 wird die Geschichte dieses Vereins beendet. Ich resümmiere hier einmal über das, was mir bekannt ist.

1932 gründete sich im Leipziger Stadtteil Leutzsch der Verein „Sportverein für Turnen und Rasenspiele 1932 Leipzig“, kurz TuRa Leipzig. Dieser fusionierte 1938 mit dem Leipziger SV 1899 zu „TuRa 1899 Leipzig“. Selbst durch Kriegszeiten hindurch wurde vor allem in der Gauliga Sachsen gespielt, zuletzt 1944 als Kriegssportgemeinschaft.

Nach dem 2. Weltkrieg gründeten 1946 Sportler die „Sportgemeinschaft Leipzig-Leutzsch“, die erfolgreich Leipziger Bezirksmeister wurde und 1949 die Qualifikaiton für die neu gegründete DDR-Oberliga schaffte. Zwischenzeitlich war die Sportgemeinschaft am 21. März 1949 mit den Sportgemeinschaften Lindenau-Hafen, Lindenau-Aue, Leipzig-Mitte und Böhlitz-Ehrenberg zur Zentralen Sportgemeinschaft (ZSG) Industrie Leipzig fusioniert. Am 1. April 1949 spaltete sich die ZSG Industrie Leipzig/Abteilung Leutzsch ab.

Aus dieser ZSG wurde aufgrund der Organisation in Betriebssportgemeinschaften die BSG Chemie Leipzig mit dem Trägerbetrieb „Volkseigener Betrieb Lacke und Farben“ geformt. 1950 gewann man dann vor 60.000 Zuschauern gegen Turbine Erfurt (der heutige FC Rot-Weiß Erfurt) die DDR-Meisterschaft im Ernst-Thälmann-Stadion in Chemnitz.

1954 wurde der Verein vor die Wahl gestellt, entweder künftig beim Schwerpunktklub der zentralen Sportvereinigung Chemie in Halle zu spielen (SC Chemie Halle-Leuna, heute SV Halle) oder dem in Leipzig neu gegründeten Sportclub Lokomotive beizutreten. Und man entschied sich für zweites und trat fortan als SC Lokomotive Leipzig an und gewann 1957 den FDGB-Pokal, die DDR-Variante des DFB-Pokals. In der fünftklassigen Bezirksliga spielte zeitgleich ein neu gegründeter Verein „BSG Chemie Leipzig-West“.

1963 wurde der SC Lokomotive Leipzig mit dem SC Rotation Leipzig zum SC Leipzig vereinigt. Da beide Fußballsektionen der Sportclubs in der Fußball-Oberliga vertreten waren, wurde die BSG Chemie Leipzig wieder neu gegründet, um zur anstehenden Saison 1963/64 beide Oberligaplätze für Leipzig zu erhalten. Der SC sammelte so genannte „förderungswürdige Spieler“ ein, die BSG bekam den „Rest“, wodurch auch der Begriff „Rest von Leipzig“ entstand.

In der folgenden Saison war die Mannschaft von Trainer Alfred Kunze optimal aufgestellt und gewann völlig überraschend die DDR-Meisterschaft. 1966 folgte der Gewinn des FDGB-Pokals über Lok Stendal. Diese Erfolge konnten nicht wiederholt werden, under Verein wurde zur Fahrstuhlmannschaft, da er ab- und wieder aufstieg.

Infolge der Friedlichen Revolution wurde der ostdeutsche Fußball neu sortiert. Aus der BSG Chemie Leipzig wurde im Mai der FC Grün-Weiß 1990 Leipzig, der zur Drittklassigkeit verdammt gewesen wäre. Man nutzte das Fusionsangebot mit Chemie Böhlen, das einen Aufstiegsplatz zur Oberliga belegte aber finanziell schwer angeschlagen war. So entstand im August 1990 der FC Sachsen 1990 Leipzig. In der nun folgenden letzten Oberliga-Saison belegte Sachsen Leipzig den 12. Platz und durfte somit an der Qualifikationsrunde zur 2. Bundesliga teilnehmen. Hier belegte man jedoch in Gruppe 2 nur den letzten Platz und musste somit doch in die nun drittklassige Fußball-Oberliga Nordost absteigen.

1993 wurde man Meister der Staffel, konnte aber nicht an Relegationsspielen teilnehmen, da der DFB die Zweitliga-Lizenz verweigerte. Aber es gelang der Gewinn des Sachsenpokals über den Dresdner SC. 1994 qualifizierte man sich für die Regionalliga und gewann erneut den Sachsenpokal, hier gegen den VFC Plauen. Es gelang aber nicht, in die zweite Liga danach aufzusteigen. Aber der Sachsenpokal wurde abermals gewonnen, diesmal gegen Dynamo Dresden II.

In den Folgejahren konnte zwar die Klasse gehalten werden, aber durch ständige Trainerwechsel und immerwährende Umstrukturierungen geriet man in finanzielle Schieflage, die 1999 nur durch eine Kooperation mit der Kinowelt AG abgewendet werden konnte.

2000 qualifizierte man sich für die neu gebaute Regionalliga, spielte aber fortwährend gegen den Abstieg. Die finanziellen Probleme des Vereins hatten sich jedoch in der Zwischenzeit weiter verschärft. Für den Verbleib in der Regionalliga forderte der DFB eine Bürgschaft in Höhe von 5,9 Millionen DM. Michael Kölmels Firmen Sportwelt und Kinowelt befanden sich jedoch zur gleichen Zeit ebenfalls in finanziellen Problemen und konnten diese deshalb nicht hinterlegen. Daraus folgte der Lizenzentzug und der Zwangsabstieg in die 4. Liga. Das Präsidium des Vereins trat zurück, das neue Notpräsidium beantragte beim Amtsgericht Leipzig die Insolvenz.

2001 / 2002 wurde in der Oberliga mit neuer Mannschaft der Verein konsolidiert. Nach der zweiten Insolvenz des VfB Leipzig (davor und heute 1. FC Lokomotive Leipzig) wechselte der Verein für seine Ligaspiele ins Leipziger Zentralstadion (heute Red Bull Arena). Und man schaffte sogar den Aufstieg in die Regionalliga. Allerdings wurde die Klasse nicht gehalten. Man gewann aber den Sachsenpokal gegen den Chemnitzer FC.

2006 wurde viel Geld für Trainer / Management und für neue Spieler investiert. Man wollte unbedingt aufsteigen. Um den Jahreswechsel 2006/07 verhandelte man sogar mit österreichischen Getränkehersteller Red Bull über die Übernahme des Vereins und Umbenennung in Red Bull Leipzig. Nach monatelangen Protesten und angesichts der Tatsache, dass das Statut des DFB Änderungen von Vereinsnamen zugunsten eines Sponsors verbietet, scheiterte dies jedoch. Der Erfolg blieb danach aus, und man stand vor einem Scherbenhaufen. Erneut konnte nur Michael Kölmel mit finanzieller Hilfe die Insolvenz verhindern. Trainer Eduard Geyer verabschiedete sich am ersten Trainingstag.

Als Mitglied der Regionalliga wurde die Finanzlage 2008 / 2009 immer schlimmer. Die Spieler erhielten oft verspätet ihr Gehalt, Kölmel wollte und konnte nicht mehr einspringen. Und somit wurde das Halbprofitum eingeführt, wodurch die Spieler Teilzeitjobs annehmen mussten. Im Februar 2009 stellte das Finanzamt Leipzig einen Insolvenzantrag gegen den Verein. dieser meldete selbst auch noch Insolvenz an. Es folgte der erneute Abstieg in die Oberliga. Das Insolvenzverfahren wurde durch Insolvenzverwalter Heiko Kratz am 30. Juni 2009 eröffnet.

Sportlich stabilisierte man sich in der Oberliga. Man gewann auch gegen die beiden Lokalrivalen RB Leipzig und 1. FC Lokomotive Leipzig. Der Verein schloß eine Nachwuchskooperation mit RB Leipzig, infolge derer die Zuschauerzahlen drastisch einbrachen. Die weitere Entwicklung gipfelte darin, dass am 18. Mai 2011 mitgeteilt wurde, dass der Verein seinen Speilbetrieb mit heutigem Datum einstellen wird.

Nebenher hatte sich 1997 eine neue BSG Chemie Leipzig (Ballsportgemeinschaft) gegründet. Der offizielle Spielbetrieb wurde zur Saison 2008 / 2009 in der Stadklasse Leipzig aufgenommen, nachdem sich aufgrund der genannten Kooperation mit RB Leipzig die Ultra-Gruppierung „Diablos“ vom FC Sachsen zur BSG gewandt hatte. Aufgrund einer Fusion mit dem VfK Blau-Weiß Leipzig übernimmt der Verein dessen Startrecht und wird kommende Saison in der Landesliga auflaufen.

Parallel hierzu wurde ein neuer Verein gegründet, der den früheren Namen „SG Leipzig-Leutzsch“ trägt. Allzu viel ist nicht bekannt. Er übernimmt hier und da das jeweilige Startrecht und läuft ebenfalls kommende Saison in der Landesliga auf.

Beide Vereine sind nicht bereit, in einer Art Kooperation aufeinander zuzugehen. Der äußerst marode Alfred-Kunze-Sportpark, der Vatikan grün-weißen Fußballs, wurde aber heue von der Stadt der SG Leipzig-Leutzsch zur Pacht mit der BSG Chemie Leipzig als Untermieter übergeben.

Fazit: Es wurden viel zu viele Fehler gemacht. Das ist – meiner Meinung nach – die größte Tradition dieses Leutzscher Vereins. und die vielen Fehler überwiegen die zweifelsfrei früher stattgefundenen Erfolge. Nur an Erfolgen von damals festzuhalten, hat dem Verein schwer geschadet. Der Todesstoß war meiner Ansicht nach die Saison 2006 / 2007 mit dem Größenwahn des Jahres. Erschwerend kommt hinzu, dass die Mitglieder zum Teil die Mitgliedsbeiträge schuldig blieben, die Fans nicht zu den Spielen kamen, durch die unruhige Lage Sponsorengelder ausblieben und der Alfred-Kunze-Sportpark zu marode ist, dass dieser finanziell tote Verein ihn hätte sanieren können.

Was nun die Leichenfledderer, also die BSG und die SG, aus den Hinerlassenschaften machen, kann auf Dauer nicht gut gehen. Meine Wahrnehmung ist, dass es sehr lange dauern wird, bis in Leutzsch wieder etwas mehr als nur regional wahrgenommenes Gekicke stattfindet. Falls dies überhaupt jemals passiert.

Somit kann ich sagen: Ruhe in Frieden, du FC Sachsen. Deine Nachkommen werden es nicht besser machen. Aber das muss dich nicht mehr interessieren.

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3 Kommentare

  1. Gut geschriebener Artikel! Es wird Zeit,dass mal jemand richtig aufräumt in Leutzsch. So kanns jedenfalls nicht weitergehen. Ich vermute aber,dass genau der gleiche Mist weiter durchgezogen wird. ^^

    1. Bastian, so habe ich das leider nicht geschrieben, wie du es auffasst. Ich habe geschrieben, dass sich 1997 die BSG gründete. Und dass sich viele FCS-Fans vom FCS abwandten, weil dieser mit RB Leipzig eine Kooperation in der Nachwuchsförderung abschloß, ist hinlänglich bekannt. Gern schreibe ich aber weiteres nach der Prüfung deiner Links. Schlecht recherchiert ist der Artikel jedenfalls nicht. Vergleiche bitte einfach die einschlägigen Zeitungen (auch online) und Wissensdatenbanken.

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