FIFA Worldcup 2014 – Spanien gegen Chile

Buenas noches, Espana! – Gute Nacht, Spanien! Irgendwann ist jede noch so goldene Epoche zu Ende gelebt. Und gestern fand die goldene Generation des spanischen Fußballs ihr endgültiges Ende. Mir liegt nicht viel daran, Häme zu verbreiten. Aber die Armada wurde versenkt.

Chile nahm gestern Abend die Tiki-Taka-Truppe rund um Iker Casillas und Sergio Busquets auseinander. Zwar nicht so derb wie noch vor ein paar Tagen die Niederlande. Aber es hatte ausgereicht, um festzustellen, dass „die rote Furie“ nicht mehr das zu bieten hatte, wofür sie etliche Jahre bekannt war: Dominanz, Präzision, Spielfreude, Gefahr. Die spanische Nationalmannschaft war eigentlich schon am Ende, bevor letzte Woche das Turnier begann, und gestern bei dem Spiel gegen Chile wurde sie endgültig beerdigt.

Das ganze Spiel über hatte man nicht das Gefühl, dass „La Furia Roja“ sich aufbäumen wollte. Es kam nicht an, dass die Spanier sich gesagt haben, dass das Desaster gegen die Niederlande schon alles gewesen sein konnte. Sie spielten halt weiter ihren Tiki-Taka. Und ihnen war auch trotz geschlagenen 6 Minuten Nachspielzeit nicht bewusst, dass die Zeit für dominanten Ballbesitz-Fußball im Stile der so glorreichen spanischen Armada einfach mal vorbei ist.

Man mag es kaum glauben, aber die Chilenen waren den Spaniern in allen Belangen überlegen. Ob es der Spielwitz war, ob es die Geschwindigkeit war, ob es das Durchsetzungsvermögen im Zweikampf war oder die Chancenverwertung – die Südamerikaner waren immer einen Tick schneller oder robuster.

Ob es wirklich daran liegt, weil die Spanier eben einfach mal alles gewonnen haben und deshalb der Erfolgshunger nicht gegeben war, kann ich nicht beurteilen. Nur wäre das doch dann beim FC Bayern München auch so, oder sehe ich das falsch? Sie waren im zweiten Gruppenspiel völlig von der Rolle. Und sie sind es eben nicht gewöhnt, dass sie derart unter Druck geraten – sowohl gegen die Niederlande, als auch gegen Chile.

Das Team unter der Leitung von Vincente del Bosque besteht ja nun nicht plötzlich aus lauter Stümpern. Sie sind trotz allem überragende Fußballer. Aber sie waren durch das Spiel gegen explodierte Niederländer, die sie einfach mal niedergeputzt haben, völlig verunsichert. Ich denke, dass da fast jede Mannschaft leichtes Spiel gegen Spanien gehabt hätte.

Man muss sich das mal vorstellen, dass im zweiten Spiel in Folge „der heilige Iker“, Spaniens Torwart, der jahrelang völlig unfehlbar war, Anfängerfehler begeht. Man muss sich auch einfach mal auf der Zunge zergehen lassen, dass Andres Iniesta kaum eine vernünftige Flanke hinbekommt, für die er eigentlich berühmt ist. Oder dass Sergio Busquets Ballverluste en masse hatte, obwohl er sonst durch Ballsicherheit und Spielübersicht glänzt.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass die pfeilschnellen Chilenen den Xabi Alonso ungewöhnlicherweise den Ball abnahmen und Eduardo Vargas nach 20 Minuten den sonst so sicheren Casillas überwand. Die Krone setzte Casillas dem Spiel aber auf, als er eine katastrophale Abwehr eines Angriffs mit der Faust in die Mitte vollführte und Chile zum 2:0 erhöhte.

In der zweiten Halbzeit war es dann so, dass Chile die Spanier ärgerte, und die Spanier sich wie ein schwer getroffenes Monstrum wandten. Aber prinzipiell war da schon klar, dass das nichts mehr wird. Zumal sie ja auch weiter ihren Tiki-Taka durchzogen. Lernfähig waren sie also nicht. Und del Bosque konnte einwechseln, wen er wollte, es wurde einfach nicht besser.

Wie gesagt, die Spanier sind nach wie vor atemberaubende Fußballer. Das ist ja nun durch die völlig verkorkste WM-Teilnahme nicht anders geworden. Aber 7 Tore in 2 Spielen einzufangen, ist für eine spanische Mannschaft schon sehr schlimm. Ich glaube, so viele Tore hatten sie in den letzten beiden Europameisterschaften und der letzten Weltmeisterschaft zusammen nicht bekommen. Und das ist das Synonym für Spanien.

Spanien ist sensationell in der Vorrunde gescheitert. Der gemutmaßte haushohe Favorit packt vorzeitig seine Sachen. Und wie wird es weitergehen? Tja, del Bosque möchte weitermachen. Ob er das darf, weiß man nicht. Es kursieren ja auch Gerüchte, dass der spanische Verband den Bayern-Trainer Pep Guardiola holen möchte. Ob der will, kann niemand sagen.

Und die Spieler? Nach dieser Schmach werden wohl einige zurücktreten. Da Casillas als Kapitän und mehrfacher Welttorhüter sich zu einem entscheidenden Anteil die Schuld gibt, wird wohl eine neue Nummer 1 gesucht werden. Andere werden wohl auch gehen. Und der spanische Fußball hat einige Talente, die man wohl an die Nationalmannschaft heranführen wird.

Es muss eine tiefe Zäsur erfolgen. Es ist ausgeschlossen, dass der Umbruch bis zur nächsten Europameisterschaft abgeschlossen ist. Zu sehr klebt man am Tiki-Taka fest. Und nur so ist zu erklären, dass man derart versagt hat.

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