Rafati, Domberg, Zwanziger und neue Schiedsrichterstrukturen

Der gestrige Suizidversuch von Bundesliga-Schiedsrichter Babak Rafati hat einmal mehr gezeigt, dass der Posten des Schiedsrichters einer der undankbarsten im Fußball ist. Nun – ganz plötzlich – einen Tag danach denkt ganz Fußball-Deutschland über neue Strukturen nach.

Nachdem Babak Rafati gestern in einer Wanne seines Hotelzimmers gefunden wurde und es – laut Zwanziger – viel Blut gab, rüsteten sich heute bereits die ersten, die ein Umdenken fordern. Plötzlich kommen dem Beobachter die Akteure vor, als hätten sie einen Plan. Da kommt der Schiedsrichter-Ombudsmann Domberg um die Ecke und wird zitiert mit: „Wir hatten immer alles im Griff“. Und der Präsident der Deutschen Fußball Liga (DFL), Reinhard Rauball, fordert mehr Experten. Es müssen wohl Leute geholt werden, die dem DFB und der DFL sagen, wie breit die Schiedsrichter-Gilde aufgestellt sein muss.

Ja, was denn nun? Alles im Griff oder keine Ahnung? Beantwortet wird dies durch eine Feststellung von Rauball, der nämlich staunt, dass sich die Schiedsrichter-Thematik durch die gesamte Tiefe des professionellen Fußballs zieht. So ist es nämlich bei den Schiedsrichtern nicht so wie bei den Spielern. Beim Schiedsrichter hockt kein Betreuerstab aus Ärzten, Psychologen und anderen Betreuern. Ein Schiedsrichter ist meist ein Einzelkämpfer, der auch eine eigene Trainingsmethode und Spielvorbereitung hat.

Und nach einem Spiel? Ein Schiedsrichter arbeitet meist in einem Hauptberuf und muss die gepfiffenen Spiele selbst verarbeiten. Es gibt keine Mannschaftsbesprechung. Meist wohnt auch das Schiedsrichterteam eines Spiels in verschiedenen Orten, sodass der jeweilige Schiedsrichter sogar die Heimfahrt allein verbringen muss. Also kein Mannschaftsbus. Das hat auch Dr. Markus Merk, Weltschiedsrichter der Jahre 2004, 2005 und 2007, wiederholt kritisiert. Eine Aufarbeitung findet demnach nicht statt.

In besonderen Situationen setzte bisher der DFB auf Ombudsmann Domberg. An den konnten sich Schiedsrichter vertrauensvoll wenden. Ich gehe aber fest davon aus, dass die Geschehnisse von gestern Theo Zwanziger aufgezeigt haben, dass das nicht ausreicht.

Flugs wird über andere Schiedsrichterstrukturen philosophiert. Nachrichtenmagazine und Nachrichtenportale fordern flink eine professionellere Betreuung der Schiedsrichter. Und es wird der Blick in Richtung Spanien oder Großbritannien geschärft. In diesen Ländern gibt es keine Schiedsrichter, die nebenher zum eigentlichen Beruf Spiele in Profiligen pfeifen. Dort gibt es seit einigen Jahren Profi-Schiedsrichter. Auch ein Ansatz.

Ich frage mich allerdings, warum der DFB es nach der Hoyzer-Affäre, der Kempter-Amarell-Geschichte und den Steuerhinterziehungs-Vorwürfen erst zu einer solchen Tragödie hatten kommen lassen (Zwanziger: „Eine schreckliche Ausweglosigkeit“), bevor überhaupt über Veränderungen nachgedacht wird. Und warum blasen sich nun so viele so schnell auf und beanspruchen den ultimativen Geistesblitz zum Thema Schiedsrichterwesen für sich? Ich denke, der DFB sollte sich in Teilen selbst hinterfragen.

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