RB Leipzig: Finale Furioso

Als „finale furioso“ bezeichnet man den krönenden Abschluss. Genau das ist am Wochenende mit RB Leipzig passiert. Eigentlich begann das Ganze schon eine Woche vorher. Aber beim Club weiß man halt nie so genau. Zwei großartige Ligaspiele und eine sensationelle Spielerverabschiedung später haben sich alle wieder lieb. Und wir reden einfach mal darüber, was da abgegangen ist. Denn ich weiß nicht so richtig, ob denn das wirklich alles so Friede-Freude-Eierkuchen ist.

RB Leipzig und die umgemähten Gegner

Drei Spieltage vor Schluss war RB Leipzig gefühlt am Ende. Das Team um Ralph Hasenhüttl stand zwar schon da auf Platz 6, war aber irgendwie mausetot. Als mutmaßlicher Europa League Teilnehmer wies man eine negative Tordifferenz auf, was an einer hasenwilden Abwehr lag. Denn die ließ bis dahin 50 Gegentore zu. Nur der SC Freiburg und der 1. FC Köln hatten mit 53 bzw. 63 Gegentoren noch mehr einstecken müssen. Man sah schon den Trainer vor dem geistigen Auge die Koffer packen.

Dann kam zum letzten Heimspiel der VfL Wolfsburg nach Leipzig und wurde ziemlich eindrucksvoll mit 4:1 aus dem Stadion gefegt. Vor allem, was Ademola Lookman und Jean-Kevin Augustin bei dem Spiel ablieferten, war sensationell. Und auf einmal war sie da: Die Aufbruchstimmung. Auf einmal lag die Tordifferenz bei 0. Auf einmal hatten nicht nur Freiburg und Köln mehr Gegentreffer kassiert, sondern auch der HSV. Und man fühlte in Leipzig: Da geht noch was.

Das Saisonfinale fand dann in Berlin statt. Nach 7 Minuten stand es schon 2:1 für RB Leipzig. Und wieder zogen Lookman und Augustin eine sensationelle Show ab. Am Ende fertigten die Leipziger, die mit viel Werbung in Leipzig von der Hertha nach Berlin eingeladen wurden, die Hausherren mit 6:2 ab. Die Tordifferenz stand dann auf +4. Und letztlich hatten dann Hannover 96, der SC Freiburg und der 1. FC Köln mehr Tore kassiert als der Club aus Sachsen. Ende gut, alles gut. Oder doch nicht?

Es knirscht im Gebälk

Direkt nach dem Spiel in Berlin muss es noch einmal ziemlich haarig auf der Ebene der Vereinsführung zugegangen sein. Offenbar stand da trotz gefühlter Europa League Teilnahme Trainer Hasenhüttl dennoch vor dem Aus. Der Österreicher selbst warb auf der Pressekonferenz nach dem höchsten Sieg der Bundesliga-Geschichte des Clubs nicht unbedingt für seinen Verbleib. War der 6. Tabellenplatz doch zu wenig? Man weiß es nicht so genau, was da hinter den Kulissen passiert.

Es gibt viel zu reden. Verschiedentlich hieß es, dass Sportdirektor Ralf Rangnick ein Machtwort gesprochen hätte im Stile von „Hasenhüttl bleibt, basta!“. Wenn man aber genauer hinhört, dann handelt es sich lediglich darum, dass der Grazer seinen Vertrag erfüllt. Eine Verlängerung ist noch lange nicht raus. Und so will man sich zusammensetzen und den gesamten Bedarf besprechen. Ob dabei herauskommt, dass man dann getrennte Wege geht, muss man als Außenstehender halt einfach beobachten.

Nein, in Leipzig tritt man gewaltig auf die Euphorie-Bremse. Klar hätte man lieber gegen Real Madrid oder den FC Chelsea oder so gespielt, wenn man die Champions League erreicht hätte. Im schlimmsten Fall kommt nun die Europa League Qualifikation heraus mit Clubs wie FK Trakai oder Skenderbeu Korce. Aber ist das deshalb ein Misserfolg? Ich habe auch genügend kritisiert. Viele Fans auch. Deshalb wird man sich mit der Gesamtsituation sicherlich kritisch auseinandersetzen.

Die Spieler arbeiten gern mit Hasenhüttl zusammen, wie man derzeit so liest. Das hört sich gut an. Dennoch muss man hinterfragen, wieso das in der abgelaufenen Saison oftmals nicht danach aussah. Es geht nicht darum, dass RB Leipzig oftmals Spiele verloren hatte und auch aus den internationalen Wettbewerben ausgeschieden war. Borussia Dortmund hatte es genau so gemacht. Es ging immer nur um die Art und Weise. In Dortmund war das der Grund, wieso Peter Stöger dort nicht mehr trainiert. Hasenhüttl ist also keineswegs sicher.

Der abschließende Kaiserball

Nach dem samstäglichen Kracher im Olympiastadion Berlin lud RB Leipzig am Sonntag dann zum Kaiserball. Dominik Kaiser erhielt ein Abschiedsspiel. Nicht etwa Naby Keita, der ja auch den Club verlässt. Es war der kleine Schwabe, der sein Spiel bekam. Ohne Kaiser wäre der Club nicht dort gelandet, wo er steht, selbst wenn der Mittelfeldspieler kaum noch gespielt hatte. Aber er war halt immer ein Rückhalt für die Mannschaft. „Der Opa“, wie er mal in einer Talkshow sagte.

Es war am Sonntag ein Fußballfest mit allerlei Prominenz. Trainer Zorniger bot beim Team „Domme und Friends“ Fabio Coltorti, Jannik Vestergaard, Ingo Hertzsch, Kevin Conrad, Tim Sebastian, Daniel Frahn, Dominik Kaiser selbst, Yussuf Poulsen, Davie Selke und Co. auf. Hasenhüttl kam mit „dem Rest“. Letztlich ging der Spaß-Kick 6:1 für Dominik Kaiser aus, und selbst Maskottchen Bulli trat einen Elfmeter. Alle hatten sich lieb. Aber es lässt sich nicht verleugnen, dass Dominik Kaiser ausgebootet wurde und deshalb gehen muss.

Vielleicht wechselt er zu seinem Ziehvater Alexander Zorniger, der seit zwei Jahren den aktuellen dänischen Pokalsieger Brøndby IF trainiert. Gerüchte besagen derartiges. Der Abgang des Capitano wird eine mentale Lücke reißen – also ähnlich dem früheren Abgang von Daniel Frahn. Dort wird er auf seine ehemaligen Teamkollegen Benjamin Bellot und Anthony Jung treffen. Und ich bin gespannt, ob jemand gefunden wird, der die Kaiser-Lücke schließen wird.

Jetzt ist Pause

Es folgt nun eine sehr lange Sommerpause. Die WM in Russland findet statt. Und bei RB Leipzig wird man sich wohl genau überlegen, was passieren wird. Bleibt Hasenhüttl? Was wird mit Forsberg? Will man die Strategie des schmalen Kaders (maximal drei Spieler für zwei Positionen) so fortsetzen? Was sind die nächsten Ziele? Hier gibt es viel zu besprechen. Ob das dann in einer weiteren erfolgreichen Saison endet, werden wir im Mai 2019 spätestens erfahren.

Jedenfalls bot RB Leipzig ein Finale Furioso an. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. So stellte sich die Profi-Mannschaft die gesamte Saison lang dar. Unterm Strich kann jeder zufrieden sein, was erreicht wurde. Dennoch wird man viel diskutieren. Es ist ja nicht das Schlechteste, wenn Menschen miteinander reden. Oder?

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