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Choreo der Fans von RB Leipzig - (C) RB-Fans.de Choreo der Fans von RB Leipzig - (C) RB-Fans.de

RB Leipzig, Leipzig, die Wirtschaft und die Beliebtheit

Wie sie alle auf RB Leipzig draufhauen! Zuckersüß finde ich das. Dabei ist der Verein doch gar nichts so besonderes in diesem, unseren Deutschland, einig Vaterland. Ein Hoch auf uns, die wir alle den Kommerz ablehnen. Ein Hoch auf das, was man landläufig als gerechtfertigten Hass einordnet. Ich polemisiere mal.

Die 2. Bundesliga ist erreicht, und nur der glücklose Abschluss verhinderte den ersten Zweitliga-Sieg einer Mannschaft aus der Gründungsstadt des Deutschen Fußball-Bundes seit 16, 17 Jahren. Eigentlich seit der Gründung im Jahr 2009 wird großflächig auf den „Brauseclub“ mit seinen „Klatschpappenfans“ draufgehauen. Genützt hat es bislang nichts, die „Dosentruppe“ ist nach wie vor da und hat mit Joshua Kimmich auch einen Jugend-Europameister in seinen Reihen.

Ja, RB Leipzig ist nicht sonderlich beliebt. So wie auch Red Bull Fußball-Chef Ralf Rangnick irgendwie nicht sonderlich beliebt ist. Aber in Leipzig ist eine Mannschaft zuhause, die auch vom allerletzten Experten als spielerisch stark mit hohem Durchsetzungsvermögen eingeschätzt wird. In Leipzig spielt diese erste Herrenmannschaft innerhalb eines Vereins, in dem die Spieler in Ruhe arbeiten können, der mit dem Red Bull Leistungszentrum, das nicht zum Verein gehört, optimale Trainingsbedingungen vorfindet, der die Lust auf hochklassigen Fußball in der „Stadt der Helden“ wachgeküsst hat.

Das bringt natürlich die anderen Vereine in erster und zweiter Bundesliga ins Schaudern. Denn ganz plötzlich gibt es im vernachlässigbaren Osten Fußball, der nicht zum Abgewöhnen, sondern zum Hingucken ist. Da wird unter erstklassigen Bedingungen mit einem kantigen, zielsicheren und guten Trainer des Ballspiels gefröhnt. Und dank des Geldes von Red Bull hat man bei den Rot-Weißen keine permanenten Existenzsorgen, wie nur ein paar Kilometer weiter.

Sicher, Leipzig hätte es gut gefunden, wenn ein alteingesessener Verein einen dicken Sponsor an Land gezogen hätte und aus eben diesem Verein eine große Größe gemacht hätte. Aber welcher Verein hätte das denn sein sollen? Und von welchem Sponsor hätte da die Rede sein sollen? Der älteste namhafte Verein in der Messestadt ist die Ballsportgemeinschaft Chemie Leipzig, gegründet 1997. 17 Jahre Tradition, die irgendwie immer mit – ich las es ja immerzu – Krawallen einher ging.

Und wer hätte der Großsponsor sein sollen? Möglichst aus der Region? Ach ja, bei einem Verein, der eine Branche im Namen trägt, hätte es ja ein Unternehmen aus der Region und aus der Branche sein müssen. Das Chemiewerk in Böhlen oder das in Leuna? Ein bisschen lächerlich ist das schon. Als ob der amerikanische Chemie-Konzern Dow Chemical auch nur einen müden Pfifferling in niederklassigen Fußball gesteckt hätte. Noch dazu mit dem Umfeld, bestehend aus einem maroden Stadion, mieser Infrastruktur, halbherziger Planung und all sowas.

Jetzt will ich Chemie nicht schlechter reden, als der Verein ist. Sie machen vergleichsweise gute Arbeit. Der Parallel-Verein hieß lange Zeit FC Sachsen Leipzig 1990. Der wurde nach völliger Unfähigkeit in Sachen Planung und Wirtschaftlichkeit im Jahr 2011 abgewickelt und liquidiert. Dessen angeblicher Nachfolger, die SG Leipzig-Leutzsch, die inzwischen SG Sachsen Leipzig heißt, steht auch schon wieder mit mehr als einem Bein im finanziellen Desaster und ist insolvent, weil man auch da nicht wirtschaften kann. Wer hätte denn diesen Verein unterstützen wollen?

Aber auch am anderen Ende der Stadt geht es lustig zu. Der 1. FC Lokomotive Leipzig ist ja immer wieder das Lieblingskind der Medien. Jahrelang wurde von Krawallen, Verwüstungen, finanziellen Desastern und all dem erzählt. Wenn man sich so Medienberichte anschaut, dann reicht die Fülle für eine Chronik von hundert Jahren. Dabei wurde der Verein erst im Jahr 2003 gegründet, nachdem man den Vorgängerverein VfB Leipzig zugrunde gewirtschaftet hatte.

Wer hätte den Verein mitsamt seinem alten, aber leider etwas brüchigen Stadion denn unterstützen sollen, wenn man auch wieder den Namen mit heranzieht? Siemens? Bombardier? Ach so, aus der Region sollte der Sponsor auch wieder kommen. Tja, und da war es schon wieder nix. Stattdessen hatte der Energiehändler Goldgas, der irgendwie mit der Leipziger Verbundnetz Gas AG zusammenhängt, den Sponsor gemacht und sich dabei mittelprächtig verhoben.

Sportlich ging es eben auch nicht richtig vorwärts. Klar, wenn Spielergehälter auf der Kippe stehen, ist das schon nicht so einfach mit der Motivation. Aber das wird ja nun alles anders, nachdem die Finanzexperten von ETL nun Geld investieren und den Verein nicht nur sponsern. Aber die Finanzbranche ist eben nicht vereinbar mit Lokomotiven, ETL kommt nicht aus der Region wie gefordert, und es wird eben investiert, was auch vielen nicht gefallen dürfte, weil das Modell Red Bull über den Blau-Gelben schwebt.

Diese beiden kaputt gewirtschafteten Fußball-Lager in Leipzig hätten nie und nimmer einen großen Sponsor mit gutem Namen angezogen. Und die nächste Größe, Motor Gohlis-Nord? Die hätten es vielleicht werden können. Aber die sind zu uninteressant für große Namen. Also war der Weg klar: Ein neuer Verein musste es sein. Aber wer hätte den unterstützen sollen? Schauen wir mal auf die hiesigen Unternehmen von Rang und Namen:

  • BMW und Porsche bauen hier wie die Wilden Autos. Mit Leiharbeitern, wie man immer wieder hört, nicht etwas mit Stammpersonal. Interesse am Sponsoring eines Leipziger Vereins? Nicht vorhanden.
  • DHL betreibt in Leipzig eins der größten Luftfracht-Drehkreuze Europas und erwirtschaftet gute Gewinne damit. Interesse, einen Leipziger Verein zu unterstützen? Nicht vorhanden.
  • Amazon betreibt in Leipzig ein großes Versandzentrum, wohl eins der größten in Europa. Aber auch hier kein Interesse am Leipziger Sport.
  • Und die hiesigen Firmen? Die sind geheilt vom Leipziger Fußball aus solchen Gründen wie oben dargestellt.

Außerdem war es eine Mammut-Aufgabe, die notwendige Infrastruktur zu schaffen, um professionellen Fußball zu spielen. Das ging nicht mit der Fußballschule Egidius Braun und erst recht nicht mit den Sportanlagen, die nie von den Vereinen saniert werden konnte. Weil eben auch das Geld fehlte. Also alles neu macht der Mai, der im Leipziger Fall Dietrich Mateschitz heißt.

Sei’s drum, das wird sich alles irgendwann normalisieren. Im Verein selbst ist Red Bull mehr oder weniger ein Großsponsor, vergleichbar vielleicht mit der früheren ARO und Michael Roth in Nürnberg. Mit diesem Geld können Spieler und all das finanziert werden. Nein, keine Messis oder Ronaldos, wie man immer wieder liest. Wo Red Bull aber Millionen und Aber-Millionen reinsteckt, das ist das Leistungszentrum. Es macht ja sonst niemand. Soll man Spieler, die man in Profi-Ligen antreten lassen will, denn ständig über unbewirtschaftete Ackerflächen jagen? Da musste schon einiges investiert werden.

Klar, das stellt die „Brausebude“ seinem Zieh-Verein zur Verfügung. Klar, man hat Leistungszentrum, Arena und Verein scheinbar untrennbar miteinander verknüpft. Und klar, deshalb will man sich auch nicht in die Geschicke reden lassen. Aber wer hätte das sonst alles bezahlen sollen? Die Stadt Leipzig? Pleite, wie sie ist, mit Luftnummern-Projekten wie einem Hafen und so etwas? Ich bitte Sie!

Nein, man darf gern über RB Leipzig diskutieren, man darf das auch gern alles kritisieren. Aber das Engagement von Red Bull in Leipzig macht ganz sicher nicht den Fußball kaputt. Oder glauben Sie ernsthaft, dass Audi, Telekom, Adidas und Co. den Fußball in München kaputt machen, dass Gazprom den Fußball in Gelsenkirchen kaputt macht, dass Kühne & Nagel den Fußball in Hamburg kaputt macht und so weiter und so fort? Glauben Sie das wirklich? Dann sind also der Chelsea FC mit Abramovic oder Manchester City mit den Scheichs kaputte Vereine. OK, das lassen wir mal so sacken.

Nein, der Fußball in der Region Leipzig wurde ganz sicher nicht durch ein Unternehmen wie Red Bull kaputt gemacht, er wurde durch die Österreicher wiederbelebt. Noch hängt er am Tropf der Brausefirma, aber RB Leipzig wird irgendwann allein lebensfähig sein, und sie Situation wird sich normalisieren. Kaputt gemacht wurde der Leipziger Fußball durch Misswirtschaft, Fehlplanungen, fehlende Bereitschaft der Unternehmen zur Unterstützung und weggebrochene Strukturen nach der Wende. Das muss man wissen, bevor man auf RB Leipzig draufhaut wie auf einen Boxsack.

Wie gesagt, man muss RB Leipzig und das Engagement von Red Bull hier in der Messestadt nicht gut finden. Aber die bestehenden Vereine in der Stadt, die Stadt selbst, der Deutsche Fußball-Bund und die Wirtschaft haben nichts dafür getan, dass in der Gründungsstadt des DFB und in einer sehr sportbegeisterten Region professioneller Fußball bestehen kann. Nach 16 Jahren ist nun ein Leipziger Verein wieder in der zweithöchsten deutschen Spielklasse angekommen. Und dieses Mal lässt sich dieser Leipziger Verein nicht gleich wieder verdrängen, auch wenn es Rummenigge, Nerlinger, Watzke und Co. gern so hätten.

Klar, bis so eine Kultur wie in Kaiserslautern entsteht, wo der ehrwürdige Betzenberg jeden Gegner verschreckt und das Stadion von der Atmosphäre allein für Siege sorgen kann, wird es noch Jahre dauern. Was hat man denn auch nach 5 Jahren erwartet? Aber wenn mitten in der Urlaubszeit ein wenig attraktiver Gegner wie der VFR Aalen kommt, sind 21000 Zuschauer schon eine ziemliche Hausnummer. In der vorangegangenen Saison hat Leipzig ja schon gezeigt, wie man die Arena voll bekommt. Und das wird wieder passieren. Ist das denn wirklich zu kritisieren?

Fußball wird vom Geld regiert. So auch in Leipzig. Insofern ist das, was in Leipzig passiert ist, ein völlig normaler Vorgang. Klar, das aggressive Engagement von Red Bull darf mit Argusaugen beobachtet werden. Aber man musste hier so vorgehen, denn es war ja nichts mehr vorhanden. Bevor man wie bekloppt auf RB Leipzig eindrischt, sollte man sich lieber darüber informieren. Und damit habe ich fertig.

Bildquelle: Choreo der Fans von RB Leipzig – (C) RB-Fans.de

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Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

11 thoughts to “RB Leipzig, Leipzig, die Wirtschaft und die Beliebtheit”

  1. danke…endlich mal ne differenzierte darstellung zu rb… es ist fast die logische Konsequenz, dass der Fußball nur von außen wiederbelebt werden konnte

    1. Ich habe sowieso meine eigene Meinung zu RB. Ich finde vieles gut, aber ich kritisiere auch. Und der Fußball in Leipzig konnte durch nichts als irgendwas von außen wiederbelebt werden.

  2. Ein lesenswerter Beitrag der auch auf die Hintergründe der Misere eingeht! Konstruktive Kritik ist immer willkommen, aber was die Hasser abziehen ist beschämend für jeden Fan der nicht nur in der Welt des Fußballs lebt! Angst, Neid und Unwissen sind immer ein schlechter Ratgeber.

  3. So soll es sein und ich kann nur den Kopf neigen….. Danke dir für den Beitrag und Red Bull für sein „unverschämtes“ Durchhaltevermögen!!!!!!!

  4. Ich möchte hier nicht in eine mögliche, wie auch immer geartete Lobhudelei eintreten, aber eins ist Fakt: je mehr man sich gegen RB auflehnt und nicht sachlich gegen diesen Verein argumentiert, stattdessen Gift und Gülle ausschüttet, wird dies den Verein und deren Anhänger nur stärken. Das mit Recht!

    Und, der Beitrag ist völlig in Ordnung und unterschreibe ich so.
    Hätte auch von mir stammen können (…) ;-)

    Ich zitiere: „OK, das lassen wir mal so sacken.“

    1. Wie ich schon schrieb: Man darf das kritisieren und nicht gut finden. Aber diese Absonderungen, die ich da teilweise lese, die haben nichts mit Kritik zu tun. Andererseits ist das, was da Red Bull in Leipzig veranstaltet wirklich ein Segen. Und das habe ich auch hoffentlich zu Genüge ausgeführt.

  5. Absolut treffend, es gibt dem nichts hinzuzufügen.
    Ich find es wirklich traurig, wie die sogenannten Traditionalisten über RBL herfallen, ohne sich wirklich informiert zu haben.
    Diese kennen meist die Geschichte ihres „eigenen“ Vereines nicht, sprechen irgendwelche Parolen nach und erfreuen sich eines neuen Feindbildes.
    Eben so traurig, aber das ist wohl wirklich dann mal Fußballtradition, es wird der Gegner auf dem Platz niedergesungen und mit Plakaten und dergleichen beleidigt, der eine mehr, der andere weniger. Anstatt die eigene Mannschaft mit voller Kraft zu unterstützen.

    Ohne Gegner gäbe es kein Fußballspiel.

    Ich finde das Projekt RBL und dessen Umzu einfach prickelnd, und das kommt von mir, nen ehemaligen Lokscheanhänger.

    Danke, Red Bull!

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