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Die Akademie von RB Leipzig von außen Die Akademie von RB Leipzig von außen

RB Leipzig und Ralf Rangnick: Der Stahlbesen kommt

Dem Vizemeister RB Leipzig stehen schwere Zeiten bevor. Es läuft nicht nur in der Bundesliga und europäisch lange nicht mehr so, wie man es sich vorstellte. Auch dahinter – in der Jugendarbeit und im Scouting – gibt es offenbar enorme Probleme. Die will Sportdirektor Ralf Rangnick so nicht mehr hinnehmen. Das ist klar. Der Verein hat hohe Ziele. Und die werden auf die Art und Weise, wie der Verein derzeit funktioniert, nicht erreicht werden können. Im Abwasch der Woche beschäftige ich mich mit dem Stahlbesen bei RB Leipzig.

Aber RB Leipzig hat doch eine Jugendarbeit…

Hochgelobt wurde sie: Die Jugendarbeit von RB Leipzig in der Akademie am Cottaweg. Für 35 Millionen Euro hat Red Bull dort einen riesigen Bau hingestellt, und eigentlich lief es auch super. Bis zu diesem Jahr. Im Sommer letzten Jahres wurde die zweite Mannschaft aufgelöst. Die U23 gab es seitdem nicht mehr. Man wollte damit die wirklichen Nachwuchsteams der U17 und U19 stärken und näher an die Profis heran führen. Und dann kam der seit etlichen Wochen andauernde Ausfall von Emil Forsberg und vor kurzem der monatelange Ausfall für Marcel Halstenberg. Jeder dachte, dass die Jugend nun ran müsste oder irgendwer geholt wird.

Nix da. Ademola Lookman, ein offensiver Spieler, kam. Aus dem Nachwuchs kam niemand. Und das wird auch so bleiben. Das hat seinen handfesten Grund. Erst hieß es von Frieder Schrof, Leiter der Nachwuchsabteilung, wie gut er die Nachwuchsarbeit fand, als er die Leitung vom gestorbenen Thomas Ahlbeck übernahm. Aber nun platzte Ralf Rangnick der Kragen. Er hätte ja gern jemanden aus dem Nachwuchs geholt. Aber die U19 soll die schlechteste seit Jahren sein.

Wie geht das zusammen? Sowohl Ahlbeck als auch Schrof standen für grandiose Erfolge im Nachwuchs. Sie standen beim VfB Stuttgart dafür, Sami Khedira, Mario Gomez und Kevin Kuranyi zu den bekannten Größen gemacht zu haben. Was hat da in Leipzig nicht funktioniert, dass hier aus dem Nachwuchs niemand nachrücken konnte? Das muss doch an irgendwas liegen. Man wolle das analysieren und – genau – den Stahlbesen auspacken.

Dann beweist mal so ein Händchen wie bei Forsberg

Emil Forsberg war ein Glücksfall. Auch, dass Yussuf Poulsen oder Diego Demme verpflichtet werden konnten, waren Glücksfälle. Man sieht also, dass das durchaus fähige Leute sind oder waren, die da in der Scouting-Abteilung ihrer Arbeit nachgehen. Deren Chef Spohrs ging zum Jahreswechsel zum abstiegsbedrohten HSV. Erst dann kam die Winterpause mit dem berüchtigten Transfer-Fenster. Und was passierte? Nichts. RB Leipzig hatte letztlich als Notleihe Lookman verpflichtet, damit man überhaupt etwas tat.

Eigentlich wollte man sich verstärken. Außer in der Innenverteidigung und im Angriff gibt es überall Punkte, die verbessert werden können. In der Außenverteidigung hat man gar enormen Bedarf, da Halstenberg auf unbestimmte Zeit ausfällt, Klostermann nicht bei 100% spielt, Bernardo oftmals zu ungestüm ist und Benno Schmitz nicht mehr gesehen ward. So wurde Laimer bereits umgeschult. Auch das Mittelfeld könnte man an vielen Stellen verstärken. Und was tat man? Nichts. Hat die Scouting-Abteilung komplett Winterschlaf gehalten?

Ralf Rangnick wurde allmählich zum Gespött. Und das – so kann ich es mir vorstellen – lässt sich der Schwabe nicht bieten. Zumal er eingestehen musste, dass auch er Fehler gemacht hat. Aber er musste zugeben, dass das Scouting bei RB Leipzig ein reines Desaster ist. Und auch hier muss gewaltig etwas getan werden. Auch hier will Ralf Rangnick den Stahlbesen auspacken. Eigentlich hatte man auf einen schmalen Kader mit Unterstützung aus dem Nachwuchs gesetzt. Aber das funktioniert ja nicht.

Wird 2018 zum Schicksalsjahr bei RB Leipzig?

Man könnte meinen, dass die Zukunft von RB Leipzig auf dem Spiel stehen würde. Rangnick rastete am Freitag auf einer Pressekonferenz aus. Die Nachwuchsarbeit und das Scouting stehen auf dem Prüfstand. Und es klang so, als ob kein Stein auf dem anderen bleiben wird. Da kann niemand aus dem Nachwuchs nachrücken, und sei es nur temporär. Man findet auch keine passenden Spieler, weil man nicht weiß, wonach man schauen muss. Rangnick hat deshalb gravierende Änderungen angekündigt.

Personell und strukturell will Rangnick den kompletten Verein umbauen. Wenn man das so weiterdenkt, könnte auch Cheftrainer Ralph Hasenhüttl zur Disposition stehen. Der machte ja von sich Reden, weil er bisweilen seltsame Aufstellungen und Einwechslungen vornimmt und auch im Spielsystem manches vermissen lässt. Dass zum Beispiel Standards offensiv wie defensiv nicht funktionieren, fällt in den Kompetenzbereich des Trainerstabes. Wenn Rangnick mit dem Stahlbesen kehren will, könnte es wirklich so drastisch werden.

Aber wird das Jahr 2018 tatsächlich zum Schicksalsjahr für den Club? Also er wird nicht aufhören zu existieren. Alle Kritiker können jetzt schon mal ihre Häme wieder einpacken. Der Aufstieg von der NOFV-Oberliga bis in die Champions League ging enorm schnell. Nun muss man das Alles mal auf feste Füße stellen. Dabei muss man eben auch unbequem sein, damit der Verein nicht zum Kartenhaus wird, das beim ersten Sturm zusammenfällt. Die Zeit der Selbstbeweihräucherung sollte bei RB Leipzig vorbei sein.

Neue Typen braucht das Land

Im Fußball braucht es immer Typen. Spieler, die den Unterschied machen. Spieler, die ihren Mannschaftskameraden in den Hintern treten, die Verantwortung übernehmen, die unbequem sind. Um mal namhafte Spieler zu nennen: Um erfolgreich zu sein, sind Spieler wie Arturo Vidal, Toni Kroos, Kevin-Prince Boateng oder früher Stefan Effenberg oder Matthias Sammer notwendig. Bei RB Leipzig gibt es nicht mal ansatzweise solche Spieler.

Ich dachte ja erst, dass das so gewollt war, damit niemand wirklich aufmuckt. Aber wenn man so sieht, dass Rangnick den kompletten Club umkrempeln will, dann muss man eine eventuelle Auswahl von möglichst stromlinienförmigen Spielern überdenken und auch mal ein paar Spieler mit großer Fresse holen oder ausbilden. Und wenn man dann an den Nachwuchs denkt, dann fallen einem Vitaly Janelt und Idrissa Touré ein, die in Ungnade gefallen waren. Aber ehrlich: Vielleicht wäre ja einer davon mal zum Typen geworden. Oder vielleicht ein gewisser Hakan Calhanoglu.

Und plötzlich spielt man gegen Mönchengladbach

Nachdem man sich also die Woche lang mit nicht erreichten Transfergelegenheiten und falscher Jugendarbeit beschäftigte und sich sogar für die Leihe von Ademola Lookman rechtfertigen musste und dafür ausgelacht wurde, ging es also nach Mönchengladbach. Man fuhr hin, gewann auswärts 0:1 und fuhr wieder heim. Was so völlig unspektakulär klang, hatte durchaus etwas bemerkenswertes im Spiel des Vizemeisters der Vorsaison. Und es war Balsam auf die Seelen von Team,, Sportdirektor und Trainer.

Beide Mannschaften haben aufgrund der Leistung ein unruhiges Umfeld. Bei RB Leipzig zum Beispiel hat man die fehlende Teamleistung kritisiert. Neben dem allgegenwärtigen Fiasko beim Verteidigen und dem eigenen Nutzen von Standardsituationen. Und das war irgendwie anders am Niederrhein. Denn es war eine geschlossene Mannschaft, die da antrat. Man verteidigte auch mal wieder gut und ließ enorm wenig zu, vor allem keine Standards. Gladbach machte aber auch nicht sonderlich viel, um das Spiel wirklich zu gewinnen.

Und kurz vor Schluss warf Trainer Hasenhüttl einfach mal eben jenen Ademola Lookman für Bruma in die Partie, weil dieser sich aufgerieben hatte. Und der umstrittene Neuzugang sorgte dann kurz vor dem Abschluss dafür, dass RB Leipzig das Spiel doch noch gewinnen konnte. Plötzlich wird er gefeiert. Unterm Strich heißt das aber nur, dass RB Leipzig mit der Verpflichtung nicht alles falsch gemacht hat. Und Hasenhüttl hat alles richtig gemacht, dass er den Jungen einfach mal gebracht hat.

Nun ist also alles gut?

Wer zahlt für mich die 3 Euro ins Phrasenschwein, wenn ich folgendes schreibe? Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Na klar, das Spiel wurde durch ein Tor des Neuzugangs gewonnen. Damit könnte sich die Scouting-Abteilung einen runterholen. Aber genau das sollte man nicht tun. Ich habe ja oben geschrieben, was mir im Team von RB Leipzig fehlt. Und ich denke, es ist ein Fehler, einen derart schmalen Kader wie die Leipziger zu haben. Ich denke, hier muss ein Umdenken erfolgen.

Und das Knirschen im Gebälk ist deutlich zu spüren. Es mag sein, dass ein reinigendes Gewitter wie die denkwürdige Schimpf-Tirade von Ralf Rangnick der richtige Weg ist. Man muss am Cottaweg lernen, sich Fehler einzugestehen. Vielleicht sollte man auch wieder mehr auf die Fans eingehen. Denn schnell ist man eine Kommmunikationsauster. Insofern gibt es viel zu tun in Leipzig. Der Stahlbesen muss trotz des Sieges wirbeln. Das bleibt ungeachtet des Sieges als Erkenntnis bestehen. Sonst kommt nach der Hochmut tatsächlich der Fall.

Der frühere Trainer Alexander Zorniger hatte mal davon geredet, dass man demütig sein muss. Das wäre auch diesmal angebracht. Man kann mit hoher Sicherheit kein deutscher Meister werden. Man kann aber wieder die internationalen Plätze erreichen. Wenn man sich nicht selbst beweihräuchert und mit der notwendigen Ernsthaftigkeit und Professionalität arbeitet. Und das muss der Verein erst wieder unter Beweis stellen. Und zwar nicht nur die Profis.

Henning Uhle

Henning Uhle ist gelernter Fachinformatiker für System Integration und zertifizierter System Engineer. Meine Sachgebiete sind Messaging & Collaboration sowie High Availability und Domain-Verwaltung. Ich schreibe über verschiedenste Dinge, die mich bewegen. Und es handelt sich immer um meine Sicht.

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