Wenn das Eis kommt

Der Sommer war vorbei. Der Herbst kam volles Brett mit all seiner Kraft. Alles war in Veränderung. Draußen wurde es schneller dunkel. Nun kam also wieder die Zeit, in der sich trübe Gedanken breit machen konnten. Und Jahr für Jahr war es das Gleiche. Je kürzer die Tage, desto rauer der zwischenmenschliche Ton. Und so trudelte Jahr für Jahr immer wieder die Zeit ein, in der das Eis kommt.

Er hatte seit dem Sommer viel Zeit, um zu sich zu kommen. Aber er nahm sie sich nicht. Immer wieder versuchte er, das zu kitten, was sich nicht mehr kitten ließ. Das, was er zu kitten versuchte, war im Jahr zuvor, als das Eis kam, endgültig kaputt gegangen. Jeder danach folgende Rettungsversuch schlug fehl.

So war es immer. Das hatte auch dazu geführt, dass er schon vor einiger Zeit zu sich kommen musste. Ganz ehrlich, ohne Unfug, ohne krumme Dinge. Aber diesmal war es irgendwie schlimmer. So endgültig. So absolut. Eine Flugreise ohne Rückflug-Ticket.

Man hatte sich auseinander gelebt. Und jeder ging seiner Wege. Das war im Jahr, als das erste Mal das Eis kam. Man verfehlte Ziele, erreichte noch viel weniger und nahm sich vor allem für sich selbst zu wenig Zeit. Und man verschenkte nützlichen Freiraum und bitter nötige Energie. Und man traf falsche Entscheidungen.

Durch eine solche falsche Entscheidung ging alles zu Ende. Zwar keimte immer wieder ein zartes Pflänzchen auf. Aber als der Sommer kam, war alles zu spät. Bis man gemeinsam viel Freizeit zusammen verbrachte. Aber man war unsicher und zerstörte somit immer wieder etwas.

Nun ging man getrennte Wege. Und er beobachtete sich selbst. Er war nun an einem Punkt angekommen, an dem er sich fragte, wofür er sich Tag und Nacht aufrieb, wofür er so viel arbeitete. Es wäre nicht willkommen gewesen. Dessen war er sich zumindest sicher. Ob das so stimmte, wusste er nicht, denn er erhielt kein Feedback.

Und nun kam das Eis. Und alles, ist mit einem Male unter ihm begraben. Schauen Sie einfach mal, wenn Sie eine blank polierte Stelle auf dem Eispanzer erkennen. Dort ist alles versteckt. Es ist nicht weg, man kommt nur nicht heran. Aber wenn das Eis wieder schmilzt, was dann? Wird alles geborgen oder vom Schmelzwasser davon gespült?

Die Zeit, wenn das Eis kommt, ist die schwierigste im Jahr. Wer nicht gelernt hat, mit ihr umzugehen, dem gehen immer wieder all diese Dinge verloren, die da jetzt unter dem Eispanzer liegen. Und er sitzt jetzt auf einer Bank und beobachtet, wie dick der Panzer noch wird. Das Abschmelzen könnte sonst zu lang dauern. Soll er gegen das Eis ankämpfen? Ist es das wert? Er ist sich unschlüssig. Aber er hat keine Kraft mehr, Dinge in die richtigen Bahnen zu lenken. Und mit dem Schmelzwasser wird wohl alles davon geschwemmt.

Schade.

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