NPD in der Wetterau: Deutschland, deine Politik

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Was ist denn da in der Wetterau in Hessen los? Hab ihr schon mal von dem Nest Waldsiedlung gehört? Dort gibt es jetzt einen NPD-Ortsvorsteher. Ist das ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum? Oder haben sich alle versprochen, und die Waldsiedlung gehört in Wahrheit zu Sachsen, das rechtsradikale Bundesland? Hört mir auf, irgendwelchen Quatsch zu erfinden.

Es ist ein NPD-Bürgermeister

Die Waldsiedlung ist ein Ortsteil der Gemeinde Altenstadt im Wetteraukreis. Das Nest hat um die zwoeinhalbtausend Einwohner und wurde durch den Bau eines Fliegerhorstes 1936 gegründet. Na, was war zu der Zeit? Genau, das 12 Jahre dauernde 1000 jährige Reich. Der Gaulandsche Vogelschiss. Ui, ich höre es schon: Waldsiedlung wurde von Nazis gegründet.

Und wenn wir das so weiter spinnen, gibt es bestimmt keine andere Erklärung für das Nest. Es musste förmlich ein NPD-Bürgermeister werden, nicht wahr? Oder was haben die Hipster in anderen Teilen der Republik hierzu zu sagen? Der Bürgermeister – genauer gesagt: der Ortsvorsteher – heißt Stefan Jagsch und war mal Landesvorsitzender der NPD Hessen.

Umgekehrtes Beamten-Mikado

Wie es heißt, gab es eine ganz einfache Erklärung für die Wahl im Ortsbeirat. Der hat 9 Sitze, die sich die SPD (3), die CDU (3), die FDP (2) und die NPD (1) teilen. Und nun muss man sich das wie beim umgekehrten Beamten-Mikado vorstellen: Wer sich zuletzt bewegt, hat verloren. Ihr kennt doch den Ausspruch „Freiwillige vor“. 8 der 9 Ortsberäte traten einen Schritt zurück, Jagsch blieb halt stehen.

So ungefähr muss das mit der Wahl gelaufen sein. Die CDU gab ernsthaft an, man würde im Ortsbeirat parteilos agieren, und es hätte keinen jüngeren gegeben, der auch mal eine Mail verschicken kann. Die SPD begründete das Ganze noch dazu mit dem Mangel an Alternativen. Das ist großes Tennis, Freunde. Und plötzlich ist die Waldsiedlung eine „Nazi-Hochburg“.

Und die Wetterau?

Der Vollständigkeit halber müssen wird sagen, dass die Rechten tatsächlich in der Wetterau stark sind. Es sind ja nicht nur die 14,4%, die Stefan Jagsch in der Waldsiedlung bekam. In der Gesamtgemeinde Altenstadt erhielt die NPD 10% bei der Kommunalwahl 2016. Und bei der Kreistagswahl im Wetteraukreis 2016 gab es 12,2% für die AFD und 2,2% für die NPD.

Sind die alle unzufrieden? Sind in der Wetterau alles Nazis? Ich meine, es ist ja hinlänglich bekannt, dass die NPD nicht wirklich viel mit der Verfassung am Hut hat. Noch wird sie zu Wahlen zugelassen, aber sie steht unter Beobachtung. Die AFD löst sie langsam ab, steht aber auch in Teilen unter Beobachtung.

Vielleicht liegt es wie im „rechtsradikalen Sachsen“ an solchen Sachen wie dem fehlenden oder zumindest mangelhaften Öffentlichen Personennahverkehr? In der Waldsiedlung siedelten sich zum Beispiel weniger Betriebe an als gedacht, weil die Deutsche Bahn enorm hohe Betreibergebühren für das Anschlussgleis nach Altenstadt verlangte.

Deshalb überaltert ein Nest wie die Waldsiedlung. Stefan Jagsch wird vom Landesamt für Verfassungsschutz seit 2013 beobachtet. Und natürlich ist das eine Katastrophe für das Dorf. Aber vielleicht sind die Ergebnisse in der Wetterau auch ein Hilferuf nach Wiesbaden und Berlin, dass man die Region nicht aufgeben soll. Es gibt ja oft solche Erklärungen.

Blauhelmtruppen nach Hessen!

Na, wer fällt zuerst um und brüllt, man solle Blauhelmtruppen in die Waldsiedlung schicken? Man wird ja nicht müde, so etwas für Sachsen zu fordern. Wer so etwas fordert, darf das gern auch für die Wetterau fordern. Denn dort gibt es ja schließlich einen rechten Bürgermeister. Ich ahne schon, dass man die Bewohner der Waldsiedlung nun als „braunes Pack“ bezeichnet.

Nun gehen die bundespolitischen Granden her und fordern eine umgehende Korrektur des Ganzen. SPD-General Klingbeil kommt mit „Unfassbar“ und „Mit nichts zu rechtfertigen“ daher und erzählt allen, die es hören wollen, dass die SPD „niemals“ mit Nazis kooperieren würde. Die CDU ist da ganz genau so unterwegs.

Aber wenn alle im Ortsbeirat lieber den Jagsch vorgeschickt haben, weil sie selbst nicht mit dem Computer umgehen können, dann ist das doch keine Kooperation. Dann ist es das Abwälzen von Verantwortung. Dann ist es natürlich einfach, sich hinterher entrüstet zu geben. Das ist aber falsch und spielt der NPD eigentlich nur in die Hände.

3 Kommentare

  1. Das alles ist schon hysterisch. Und gemessen an dem, was in Sachen und Brandenburg passiert ist, sind die Vorgänge in Hessen lächerlich. Im Grunde sollte es nicht um Vorwürfe gegen die Sachen, Brandenburger und bald die Thüringer gehen, die die AfD so groß gemacht haben. Aber nach den Gründen, warum die überhaupt so nach vorn kommen konnten, wird nicht wirklich ernsthaft gesucht. Man kennt sie nämlich. Es sind eben die Versäumnisse, die sich die so genannten etablierten Parteien in den letzten Jahrzehnten erlaubt haben. Das aktiviert auch die ca. 15-20% der Bevölkerung (im Bund), die für rechtsextremes Gedankengut empfänglich sind. Das ist ein Wert der empirisch belegt ist und der sich (wenn ich es richtig weiß) sich nach der Wiedervereinigung auch nicht grundlegend verändert hat. Die Frage ist, ob unsere Gesellschaft es schafft, sich von rechtsextremen Tendenzen nicht so beeinflussen zu lassen bzw. ob die fatale Entwicklung innerhalb der etablierten Parteien, die keine Antworten mehr auf die Fragen der Zeit zu haben scheinen, sich umkehren/beheben lässt. Die Glaubwürdigkeit von Institutionen und Personen hat so gelitten, dass das Ganze ins Wanken gerät. Und offenbar nicht nur in Deutschland.

    1. Hallo Horst,

      das ist genau das Thema, was ich meine. Die Versäumnisse, sich mit echten Themen zu beschäftigen, haben die AFD stark gemacht. Und wenn man sich so umschaut, haben es zumindest diverse Landespolitiker erfasst, dass es eben nicht so weitergehen kann. Im Grunde ist es doch das Theater in Berlin, was Sachsen fast einen rechten Ministerpräsidenten eingebracht hat. Und leider sehe ich nicht, dass in Berlin auch nur der Hauch des Willens vorhanden ist, das zu korrigieren.
      Ein gutes Beispiel ist der Braunkohleausstieg. Man setzt Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg die Pistole auf die Brust, aus der Kohle auszusteigen, was ja auch ein sinnvoller Plan ist. Den bestreitet auch niemand. Aber eine gewisse Unterstützung für die Regionen gibt es erst nach heftigen Protesten der Ministerpräsidenten. Und jetzt ist für Klimaschutz nicht mal Geld im Haushalt vorgesehen, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Das ist nur eins der Beispiele.
      Ich gebe dir Recht, dass diese NPD-Nummer in der Wetterau etwas anderes ist als die Wahlergebnisse in Sachsen und Brandenburg. Allerdings sollte das auch niemand unterschätzen. Meiner Meinung nach ist das eine Entwicklung, die über Jahrzehnte in Deutschland ungebremst passiert ist. Und sie ist auf keine Region beschränkt.

  2. In diesem Haushalt müssen die für den Umbau benötigten Mittel wohl auch noch nicht ausgewiesen werden. Die werden ja erst viel später gebraucht. Man hätte einen Fond einrichten können, um die Sache transparent zu gestalten. Aber…

    Die Anfälligkeit für rechtsextreme Positionen ist und bleibt in Gesamtdeutschland ein Thema. Solange sich die „Quote“ bei 20%+ ein paar hält, könnte man das durch eine gute Politik wieder eindämmen. Nur ich sehe keine gute Politik. Das zeigt die Debatte um den Haushaltsentwurf von Olaf Scholz im Bundestag, die mancher Beobachter eher als 24. Regionalkonferenz der SPD empfindet.

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