„Ost, Ost, Ostdeutschland“ – Es klingt wie der Einmarsch einer Horde Terroristen. Es ist mal immer mal Zeit, in den Medien hierher zu gucken. Das machen die lustigen Menschen-Informierer gern mal, wenn mal wieder irgendeine Katastrophe passiert ist. Einerseits heißt es: „Ihr habt aber schöne Markplätze“. Und andererseits bemerkt man gern mal: „Ihr ningelt aber auch nur drauflos, ihr seid so undankbar“. Und die Medien? Die lachen sich ins Fäustchen und stricken den nächsten Spaltungsbeitrag zusammen.
Ostdeutschland: Landstrich mit Spreewaldgurken und Völkerschlachtdenkmal
Holger aus Oldenburg brachte mich auf die Idee: Er kam mit einem Text um die Ecke, in dem er darüber erzählt, wie über Ostdeutschland immer wieder in den Medien berichtet wird. Jetzt, Wochen vor den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, halten sie mal wieder ihre Brenngläser über die Industriebrachen und Werften und erkennen darin Muster, über die man berichten muss. Der Hinterwäldler aus der Altmark wird dabei vielleicht nicht mal befragt.
Ja, im Osten ist vieles schief gegangen. Ich muss das nicht alles erneut aufzählen. Ich hatte vor Jahren ausgiebig darüber geschrieben. Und dann siehst du sie, wie sie die Spreewaldgurken lobpreisen und loben, wie gut die Fassade von Leipzigs Völkerschlachtdenkmal aussieht. Das ist dann aber so ziemlich das einzig positive, was der aus Köln angereiste und über dem Krisengebiet Ostdeutschland abgeworfene Journalist zu berichten weiß. Ach ja, die Marktplätze, ja, schön.
Ansonsten heißt es doch immer: Die Ossis sind undankbar und rechtsradikal. Wie oft habe ich das schon gelesen? In Medien, in Social Media. Es gibt unzählige Videos mit exakt dieser Stoßrichtung. Der einzige Leuchtturm ist dann offenbar immer nur Leipzig, das größte Dorf der Welt. Hier singen und klatschen alle lustig vor sich hin, feiern ihren Bundesligisten und freuen sich des Lebens. Überall sonst nur Hass und Hetze, oder? Dunkeldeutschland halt, Ostdeutschland eben.
Man kennt es ja: Nur der Galan aus dem Westen konnte nach der Wende den kaputten Osten retten. Was kümmerte den denn die Lebensrealität, die Lebensleistung, die Wurzeln, die Geschichte? Sollen sich mal alle nicht so haben, die Ossis. Und dann der Ausländerhass! Schlimm! Aber ist das Alles so? Ich hätte da an Stelle von Medien, die keinerlei Wurzeln – oder wenigstens Büros – im Osten haben, nicht so eine vorgefertigte Meinung. Aber Schreckensnachrichten vom bösen Kind klicken halt gut.
Der „Wessi“ schlägt „Ostborne“ vor
Kommen wir mal zum Holger zurück. Er schlägt vor, dass man sich in Ostdeutschland um ein besseres Image bemühen sollte. Und er schlägt eine Marke „Ostborne“ vor. Er hat ja Recht: Anfang der Neunziger fanden sie im „gelobten Land“ den Rotkäppchen-Sekt aus Freyburg an der Unstrut klasse. Spreewaldgurken findet man bis heute ganz knorke. Und die Fassade vom Völkerschlachtdenkmal! Großartig! Und „der Ossi“ soll sich mehr Mühe geben.
Ich denke, das schlechte Image, das da Ostdeutschland anhaftet, hat man sich nicht selbst erarbeitet. Ich weiß noch, dass ich kurz nach der Wende meine Eltern und mich mit meinem Lehrlingsgeld über Wasser halten musste, weil Akten auf dem Arbeitsamt verschlampt wurden. Das hatten sich meine Eltern nicht rausgesucht, die waren immer in Lohn und Brot. Das zählt aber alles nichts, wenn du in eine Ellenbogen-Gesellschaft geworfen wirst.
Und das ist halt so das Ding. Klar, wir haben „Silicon Saxony“ in Dresden, Tesla in Brandenburg, hach-so-schöne-Landschaften, und die Marktplätze erst, und guckt euch mal das Völkerschlachtdenkmal an! Mein Arbeitgeber war jahrzehntelang ein Aushängeschild für deutschen Gründergeist. Mittlerweile kam es zu mehreren Übernahmen, und mittlerweile sind wir „nur noch“ der größte Standort im Gesamtkonzern.
Aber tragen wir gern mal die guten Nachrichten aus Ostdeutschland zusammen. Ich will mich einfach nicht damit abfinden, dass der Osten das Schmuddelkind ist, mit dem eh niemand spielen will. Wir haben neben all den flapsig genannten Dingen echt einiges zu bieten. Und vielleicht hat da Holger tatsächlich Recht: Wenn wir hier in Ostdeutschland ein gutes Gefühl verbreiten, schwappt das vielleicht nach „da drüben“ rüber und verbreitet sich dann noch viel weiter. Es wäre ein schöner Gedanke.






@henninguhle politisch ist das Problem das ich als Wessi mit den Ossis habe… erst wählen sie überwiegend die CDU – die die Ihnen Treuhand, niedrige Löhne, etc… eingebrockt haben und jetzt das mit der AFD verstehe ich noch weniger…
Und ja ich weis das der Osten vor dem WWII neben dem Ruhrgebiet das industrielle Zentrum war, das dort die besten Hochschulen waren…
Und heute beneide ich den Osten für seine geringe Bevölkerungsdichte, die unverbauten Landschaften…
Jeder hier wäre doch froh bei entsprechendem Einkommen in einer schönen Landschaft wie bei euch zu leben….
Ich glaube, diese Wahlentscheidungen sind ganz einfach: In den Wende-Wirren wurde uns von Kohl erzählt, wie blühend die Landschaften sein werden. Als dann auch 20, 25 Jahre später nicht wirklich viel mehr als „Hach, die schönen Marktplätze“ herumgekommen ist und dafür aber der Bus nicht mehr auf der Dorfklitsche fährt, fühlen sich hier viele dann schon veralbert. Ob man dann wirklich die AFD wählen muss, ist eine andere Frage, aber das scheint mir immernoch die tatsächliche Begründung zu sein. Zuwanderung ist es halt nur zu einem Teil, erklärt es aber nicht ganz. Die Frage ist halt, wie sich die AFD-Wähler verhalten, wenn ihnen ein paar Monate nach der Wahl klar wird: Mist, die haben uns auch nur veralbert.
Hallo Henning,
ich finde, du sprichst einen wichtigen Punkt an. Es wäre falsch, ganz Ostdeutschland über einen Kamm zu scheren oder so zu tun, als würden dort nur AfD-Wähler:innen leben. Es gibt viele Menschen, die sich für Demokratie, Vielfalt und Zusammenhalt einsetzen, und die geraten in solchen Debatten leider viel zu oft aus dem Blick.
Trotzdem kann ich meine Sorgen nicht einfach ausblenden. Wenn die AfD in manchen Regionen auf rund 40 Prozent kommt, macht mir das ehrlich gesagt große Angst. Diese Zahlen kann man nicht wegdiskutieren. Sie zeigen, dass wir ein ernstes gesellschaftliches Problem haben.
Gerade deshalb finde ich es wichtig, beides zusammenzudenken: keine pauschalen Urteile über Ostdeutschland zu fällen und die Stärke der AfD nicht kleinzureden. Die vielen Demokrat:innen im Osten verdienen unsere Unterstützung – und gleichzeitig müssen wir uns fragen, warum so viele Menschen einer Partei ihre Stimme geben, die unsere Demokratie infrage stellt.
Liebe Grüße
Lorenzo
Gefällt mir :)
Na, das möchte ich doch hoffen.